Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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£rs«fteiri# jeden £veiteg &reis diese* 3tt; 50 SfOMtei DIE WAHRHEIT Cesterrei&iscne IVodkenscMkrift für jiidisdie Jfntewessen Veröffentfidiungen der „Union deufscfiösferr. Juden" Redaktion und Administration: *9Väen //»f JVciüCSfeaJSc 3f&£. V3 Fernruf 4*2-16 XLIII. Jahrgang__Wien, 14. Jänner 1927 Nummer 3 ,-^«7svV Vom inneren Frieden. Eine innerjüdische Betrachtung. Von Dr. Ludwig Holländer, Berlin, Direktor des Centrai-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. I. Neben sehr unerfreulichen Vorkommnissen irn inner jüdischen Leben der letzten Monate haben, wir festzustellen, daß die grundsätzliche Auseinandersetzung über das Wesen der gegenseitigen Einstellung zweifellos Fortschritte gemacht hat. Sie allein bietet die Möglichkeit zu einer Befriedigung. Oft genug wurde auch hier ausgesprochen, daß mit dieser erwünschten Befriedigung nicht etwa eine Verwischung von Grundanschauungen bezweckt werden soll, daß es jedoch bedeutsam und notwendig ist, die Achtung vor den Andersdenkenden innerhalb unserer Kreise zu stärken. Den Gegner verstehen, den Gegner begreifen und ihn achten lernen, ist die unbedingt zu befolgende Parole. Vielleichtwird es einmal möglich sein, eine aus Vertretern aller jüdischen Richtungen bestehende kleine Körperschaft zu schaffen, welche hauptsächlich zur grundsätzlichen Klärung strittiger Fragen, ihrer Verarbeitung zu Gutachten und zur schiedsrichterlichen Schlichtung und Entscheidung vorhandener Streitigkeiten bestimmt i s t. Eine solche kleine Körperschaft könnte, wenn sie fleißig arbeitet, vieles von dem aus der Welt schaffen, was heute Menschen voneinander trennt die bei aller Verschiedenheit ihrer gesinnungsmäßigen Einstellung für die Wahrheit leben und das Gute wollen. Wir kennen die Schwierigkeiten. Wir wissen, daß dem Wunsche der Führer die Anhänger sehr häufig nicht nachkommen und daß das übliche Niveau von Versammlungen und einer gewissen Art von Pressefehden sehr oft den Grad der Vornehmheit und Wahrhaftigkeit nicht erreichen, kann, zu dem schließlich das innerjüdische Leben gelangen muß. Wir können aber dem dringenden Wunsch Ausdruck geben, daß endlich einmal dieses absichtliche Verkennen des Standpunktes der Gegenseite, das eine schwere Versündigung gegen die wesentlichsten Interessen unserer Gemeinschaft darstellt, aufhört, und wir müssen allen ehrlichen Juden, ob sie unsere Anhänger oder ob sie unsere politischen Gegner sind, das Gewissen für solche Dinge schärfen. II. Ein Versuch materieller Art, zu einer solchen Befriedigung zu gelangen, hat bereits eingesetzt. So hat Dr. Rudolf Samuel (Breslau) einen „offenen Brief" an den Verfasser dieses Aufsatzes gerichtet. Andere Erörterungen folgten nach. Die Berliner zionistische „Jüdische Rundschau" brachte einige grundlegende Aufsätze, und Professor Franz Oppenheimer hat in der „C. V. -Zeitung" in monumentaler Weise die bestehenden Streitpunkte aufgewiesen. Herr Dr. Samuel hat sich besonders mit den materiellen Unterschieden in der Auffassung des C. V. und des Zionismus befaßt und die Feststellung getroffen, daß beide Richtungen zugelernt haben. Das ist für die führenden Schichten sicherlich richtig. Es ist aber nicht richtig, wenn man die Masse der in beiden Bewegungen vereinigten Menschen betrachtet, und es ist sicherlich ein wesentlicher Mißstand in dieser, wie in allen politischen und sozialen Bewegungen, daß durch den Unverstand der Masse und derjenigen Persönlichkeiten, die die Massenseele zu finden und zu beeinflussen versuchen, der Wille der Führer sich immer wieder nur zum Teil durchsetzen kann, — selbst unter der Voraussetzung, daß ein solcher Einheitswille überhaupt vorhanden ist. Wir bitten Dr. Samuel von den Presseerscheinungen der letzten Wochen beispielsweise die „Jüdische Rundschau" und die „Wiener Morgenzeitung" und vielleicht einige amerikanische Blätter zu lesen, und er wird finden, daß in vielen Fragen, die teilweise Lebensfragen einer großen Bewegung sind, auch nicht im entferntesten von einer auch nur annähernd einheitlichen Auffassung gesprochen werden v kann. Selbst mit Palästina, dem zentralen Problem der zionistischen Bewegung, liegt es nicht viel anders. Die Zionisten sollten gerade aus der Erwägung heraus, daß diesem ihrem eigentlichen Werk ihre Hauptkraft zu gehören habe — und dieses Werk beansprucht auch den vollen Menschen, — dieZeit und die Energie ihrer Führer nicht in Diaspora- oder Landespolitik, wie sie es nennen, verzetteln. Sie mögen bedenken, daß sie dadurch in