Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 2 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064301--15109-3087874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seit« 10 HUOIIIIÜiH DIE WAHRHEI1 und jetzt durch die Ritualmordbeschuldigung ausgelöst wurden. Der Fortschritt gegenüber jener Zeit besteht lediglich in einer Rationalisierung der Gemeinheit, in einer Intellektualisierung der Niedertracht. In den „Abwehr-Blättern", den Veröffentlichungen des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" vom 18. Dezember 1926, weist Pastor Kunst in einer kurzen Abhandlung über „Ritualmord" auf einen Artikel hin, den das „Deutsche Pfarrblatt", Nr. 32, vom 10. August 1926, Seite 615, aus der Feder des Pfarrers a. D. Richard Ladegast, Jena, gebracht hat und bemerkt hierzu, daß wir in diesem Artikel, der sich mit der „Kritik Tertullians" (eines lateinischen Kirchenvaters aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Anm. d. Red.) im Apologeticum an dem Rechtsverfahren des Staates gegen die Christen bestätigt, Worte finden, „die wir auf das Verhalten der Deutschvölkischen gegen die Juden anwenden dürfen". Wir wollen aus dem angeführten Artikel folgende Stelle wiedergeben: „...es gab kein Verbrechen, welches das Volk den Christen nicht zutraute. Die Heiden glauben, die Christen seien Schuld an jeder öffentlichen Niederlage, an jedem Volksschaden. Wenn der Tiber an die Mauern stieg, wenn der Nil nicht die Gefilde überflutete, wenn der Himmel starr war, wenn die Erde sich bewegte, wenn Hunger, wenn Seuche eintrat, sofort hieß es: Die Christen vor den Löwen. Die Richter, Kinder ihrer Zeit, werden den Anschuldigungen mehr oder weniger gehuldigt haben. Tertullian wirft ihnen vor, sie wollten sich durch Ruchlosigkeit die Gunst der Menge erwerben... Folgende sind nun die Ansichten, die bei den Heiden über die Christen im Schwange sind. D i e Christen schlachten bei ihren Geheimkulten Kinder; das Blut derselben wird von ihnen geirunlcen; aus den Körpern Wird ein Mahl zubereitet. Nach diesem binden sie die Leuchter und Lampen an die Schwänze der Hunde. Diesen werden Fleischstücke vorgeworfen. Da nun die Hunde nach diesen schnappen, ziehen sie 4ie Leuchter um; in der entstandenen Dunkelheit werden Greuel begangen, die so schändlich sind, daß sie selbst, wenn durch dieselben das ewige Leben erlangt würde, besser ungeschehen blieben... Täglich werden wir umlagert, ruft Tertullian aus, täglich verraten, oft bei unseren Zusammenkünften überrascht und bei unseren Versammlungen überfallen, doch ist es noch nie gelungen, sichere Zeugnisse der erdichteten Greuel zu finden; denn daß die Spuren von denen, die die Christen überrascht, verschwiegen wurden, ist nicht anzunehmen; denn die Christen werden sofort vor die Obrigkeit gebracht; eine Bestechung ist mithin ausgeschlossen ... In gleicher Weise widerlegt Vertullian den Blutgenuß, der den Christen zum Vorwurf gemacht wurde. Die nicht einmal das Blut von Tieren bei ihren Speisen haben (!) werden beschuldigt, nach menschlichem Blute gierig zu sein, gerade als ob sie das letztere .lieblicher' gefunden hätten." Die Bewegung in der „Deutschen Studentenschaft" findet in akademischen und"" nichtakademischen Kreisen Deutschlands lebhaftes Echo; handelt es sich doch um nichts geringeres als um die besonders in letzter Zeit lebhaft umstrittene Judenfrage, welche von den Antisemiten über Gebühr aufgebauscht, zu einem Politikum besonderer Art gemacht wurde. Die „Deutsche Studentenschaft" ist bekanntlich eine Organisation, die einen gewissen Grad von Selbstverwaltung besitzt und der die an den deutschen Hochschulen bestehenden einzelnen Studentenschaften angehören. Das herrschende Studentenrecht gibt den preußischen Studentenschaften die Möglichkeit, sich mit den österreichischen Studentenschaften zusammenzuschließen, und tatsächlich sind die an den österreichischen. Hochschulen bestehenden Organisationen mit den entsprechenden deutschen in einem Bunde vereinigt. Deshalb ist die Bewegung in der „Deutschen Studentenschaft" auch für Oesterreich nicht nur vom prinzipiellen, sondern auch von unmittelbarem Interesse. Der Name „Deutsche Studentenschaft" ist nämlich, soweit Oesterreich in Betracht kommt, wie wir schon oftmals darzulegen Gelegenheit hatten, eine Falschmeldung. Die „Deutsche Studentenschaft" ist hier nämlich nichts anderes als eine deutsch völkische Studentenschaft, eine extrem nationale, oder richtiger nationalistische Organisation, die nicht nur alle freiheitlichen und sozialdemokratischen Studentenvereinigungen, sondern auch alle nicht arischen Studenten vom Mltbestlmmungs- und Mitgestaltungsrechte strenge ausschließt. Es sind also innerhalb der genannten „Deutschen Studentenschaft", zwei heterogene Organisationsverbände vereinigt, ein auf arischem und ein auf n i c h t a r i s c h e m Prinzip aufgebauter Verband und es ist klar, daß diese Wesensverschiedenheit zu Weiterungen führen mußte. Innerhalb der deutschen Studentenschaft (ohne Anführungszeichen) kämpft die freiheitlich eingestellte Minderheit schon jahrelang gegen die speziell von den österreichischen „Deutschen Studentenschaften" angewendeten Organisationsprinzipien. Nachdem neuerdings sogar die Bonner Studentenschaft, die bisher eine der Hauptstützen der freiheitlichen Bewegung war, ihre bisherige Stellung geändert hat, ist die Frage der Regelung des deutschen Studentenrechtes im Reiche wieder an der Tagesordnung. Der Kulturausschuß des preußischen Landtages beschäftigte sich mit der Frage, ob die deutsche Studentenschaft an dem völkischen Prinzip in der Koalitionsfrage festhalten wolle oder ob sie freiwillig den Terror gegen eine große Minderheit, die sich keineswegs nur aus den jüdischen Verbänden zusammensetzt, sondern zu der alle freiheitlich gesinnten Studenten aller Konfessionen gehören, aufgeben wolle. Auf Grund dieser Verhandlungen im preußischen Landtag hat der Kultusminister einen Brief an die „Deutsche Studentenschaft" und an alle einzelnen Verbände der preußischen Hochschulen gerichtet, in dem diese Frage klar und eindeutig gestellt wird und in dem kein Zweifel darüber gelassen wird, daß der preußische Staat die Studentenschaft nicht mehr unterstützen kann, wenn sie an dem völkischen Prinzip festhält. In diesem Schreiben verlangt Kultusminister Becker von der „Deutschen Studentenschaft" unter Bezugnahme auf ihr Organisationsstatut, daß sie in Zukunft darauf verzichte, die Frage der Aufnahme auslanddeutscher Studenten und der Koalition mit studentischen Vereinigungen auf ausländischen Universitäten nach völkischen Gesichtspunkten zu entscheiden. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um österreichische Studenten auf deutschen Universitäten, denen die Organisation der deutschen Studentenschaft mehrfach unter Berufung auf Rasse und Religion die Berechtigungskarten verweigert hat, und um die Koalition mit österreichischen studentischen Organisationen, die bekanntlich unter völkischer Führung stehen. Der Vorstand der „Deutschen Studentenschaft" hat gegen das Schreiben des preußischen Unterrichtsministeriums sofort Stellung genommen, und zwar in einer Kundgebung, in der erklärt wird, daß die deutsche Studentenschaft von den Grundsätzen, die sie als richtig erkanent habe, nicht abgehen und sich auch durch keinerlei Druckmittel dazu bewegen lassen werde. Der preußische Kultusminister hat jedoch der Studentenschaft ein U11 i m atum bis 1. März gestellt und angedeutet, daß sie, wenn sie sich seinen Forderungen nicht fügen würde, ihre Autonomie verlieren würde. Sollten die Bemühungen des preußischen Kultusministeriums, ein demokratisches Studentenrecht durchzusetzen, erfolgreich sein, dann würde nicht nur einem unwürdigen und beschämenden Zustande ein Ende bereitet, sondern die Einheit der gesamten deutschen Studentenschaften wieder hergestellt werden. Natürlich würde eine solche Regelung der studentischen Frage im Reiche für die österreichischen Verhältnisse von größter Bedeutung sein. Es würde nämlich hierdurch die „Deutsche Studentenschaft" in Oesterreich vor die Wahl gestellt werden, ob sie am großdeutschen Ideal, das sie zu verkünden nicht müde wird, oder am kleindeutschen Organisationsprinzip festhalten wolle; sie wird sich der Entscheidung in dieser Schicksalsfrage des deutschen Studententums nicht entziehen können. Die Bewegung in der „Deutschen Studentenschaft" im Reiche scheint uns auch die Ursache dafür zu sein, daß die österreichischen völkischen und antisemitischen Studentenorganisationen neuerdings eine bemerkenswerte Aktivität entfalten. Zehn Juden im ungarischen Parlament. Das neue ungarische Parlament wird 10 Juden als Mitglieder zählen, unter ihnen das erste und einzige jüdische Mitglied der „Vereinigten christlichen Partei (Einheitspartei)", Dr. Geza D e s i. Die übrigen jüdischen Parlamentarier sind: die Mitglieder des Linksblocks Dr. Marcel! Baracs, Ernst Brody, Dr. Bela Fabian, Dr. Eugen G ä 1 und Paul S ä n d o r, ferner die Sozialdemokraten Emmerich Györki, Däniel Värnay, Emmerich Szabo und Moritz Rothenstein. Der als Jude geborene sozialdemokratische Abgeordnete Alexander P r o p p e r ist konfessionslos.