Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 2 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE: WAHRHEIT illllllllliH Seht 9 fi< Wafkwfkeiten vom Tinge ^••M* **alt>Ilt«l«M»MII««ll>llllt>llll<Mt>IMIIIiail>»M>M>l»t>»»MUI»«ltlU<m»UM>»l«>«>«** Religionsunterricht ist kein Sprachunterricht und Sprachunterricht ist kein Religionsunterricht. Das gilt natürlich auch für den jüdischen Religionsunterricht, der niemals in einen hebräischen oder gar, wie das von zionistischer Seite gewünscht wird, einen neuhebräischen Sprachunterricht umgewandelt werden darf. Es war daher nur selbstverständlich, daß die Vertreter der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Wiens in der Kultusgemeinde und vor allem der Obmann der Schulkommission Rechtsanwalt Dr. T i c h o allen diesbezüglichen Forderungen anläßlich der Beratungen über das Budgetkapitel „Kultus und Unterricht" (über welche wir an anderer Stelle ausführlich berichten) mit Mäßigung, aber Entschiedenheit entgegengetreten sind. Das Problem der jüdischen Erziehung, eine wahre Schicksalsfrage des Judentums, beschäftigt auch das Ausland und ist Gegenstand ebenso erregter Auseinandersetzungen wie in der Wiener Kultusstube. In einem „Aus jüdischem Geiste" betitelten Artikel des „Israelitischen Wochenblattes für die Schweiz" vom 24. Dezember finden wir folgende treffende Worte, welche das genannte Problem an der Wurzel fassen: „Die Parole so vieler in unserer Zeit: Hebräisch sprechen — ja; hebräisch bete n—nein; Nationales Judentum, Zionismus — ja; Re- 1 i g i ö s e s Judentum, Synagoge, Schabbos, Feiertag — nein oder doch nur ein Minimum, ein kleines Ueberbleibsel. Jüdische Kultur — ja, und mancher weiß kaum, was er darunter sich vorstellt und was damit anzufangen ist, es klingt nur so schön. Soziales Judentum — ja, und wir sagen alle: ja, denn das ist und bleibt ein großes, das größte in allem- Helfen, wo jüdische Not ist, dort im Osten wo Hunger, Elend zu Hause, hier bei uns ein jüdisches Heim, ein jüdisches Krankenhaus, ein jüdisches Waisenhaus. Kann man es schaffen ohne Gott, ohne jüdisches Herz, ohne den alten Glauben des Juden, der für alles die Quelle war und die Quelle bleibt? Der Strom rühmte sich, wie mächtig er dahinfließe. Auf seinen Wogen die Schiffe, Handel und Verkehr. An seinen Ufern die Städte, Kultur und Gesittung. Und die Quelle sprach: Wenn ich nicht wäre, wo wärest du? wärst gar nicht da in der Welt!" Die Lügenkampagne der Antisemiten. Die Antisemiten aller Länder schöpfen in ihrer Hetze gegen das Judentum aus einer gemeinsamen Lügenquelle. Zu den niederträchtigsten Verläumdungen gehört die Deutung des im Talmud zitierten Sprichwortes: „Tow schebagojim harog!" in dem Sinne, daß den Juden die Ermordung selbst des besten Nichtjuden gestattet, ja sogar zur Pflicht gemacht worden sei. Als jüngst der jüdische Deputierte der rumänischen Kammer Dr. Mayer Ebner in einer großen eindrucksvollen Rede auf den internationalen Antisemitismus zu sprechen kam und darauf hinwies, daß die größten Gelehrten aller Völker gerade die jüdische Ethik anerkannt und alle Staaten der Welt die jüdische Religionsgesellschaft legalisiert haben, rief der Führer der rumänischen Antisemiten Cuza dazwischen: „Und was ist's mit dem ,tow schebagojim harog!'?" Deputierter Dr. Ebner, ein genauer Kenner der jüdischen Geschichte, erwiderte prompt: „Ich will Ihnen antworten: Kaiser Titus hat den Tempel zerstört, Jerusalem verwüstet, hat jüdische Jünglinge nach Rom gebracht und hat sie Im Zirkus Maximus den Bestien hingeworfen. Und diesen *p Kaiser hat die Geschichte Amor et deliciae humani generis (die Liebe und Wonne des Menschengeschlechtes) genannt! Da hat nun ein jüdischer Weiser jener Zeit gesagt: .Wenn das der Beste unter den Heiden ist, dann tow schebagojim harog, dann verdient ein guter Heide getötet zu werden.' Das ist der Ursprung des Sprichwortes." Ritaalmord. Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert, wir sind stolz auf die Fortschritte, welche die abendländische Kultur im letzten Jahrhundert gemacht hat, und gewiß, die technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften, die umstürzenden Erfindungen und Entdeckungen, Früchte emsigen Bemühens und überwältigender geistiger Aktivität, sie könnten uns stolz machen, wenn — der ethische Fortschritt der Menschheit mit der technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften gleichen Schritt gehalten hätte. Was sehen wir hingegen? Unter einer oberflächlichen Schichte von sozialisatorischer Firnis, welche die allgemeine Nivellierung der ethischen Grundbegriffe im Gefolge hatte, bricht immer wieder barbarisches und grausames Empfinden hervor, hinter der heuchlerischen Maske sozialen Wollens verbirgt sich krasseste Selbstsucht und hemmungsloses Machtstreben, die Liebe zum eigenen Volke wird zum Mäntelchen, mit welchem die Blöße abscheulichen Rassenhasses verdeckt wird. Solange das Wort „Ritualmord" nicht aus den Gehirnen der Menschen ausgemerzt ist, solange denkende Menschen seine Möglichkeit zugestehen, solange es notwendig ist, unter Aufbietung allen Scharfsinnes und aller wissenschaftlichen Argumente etwas zu widerlegen, was wahrlich nicht der Widerlegung bedarf, solange kann von einem allgemeinen Fortschritt der ethischen Kultur nicht gesprochen werden. Um uns darüber klar zu werden, brauchen wir nur die Beschuldigungen, welche gegen die Christen vor fast zweitausend Jahren erhoben wurden, mit den furchtbaren Anschuldigungen zu vergleichen, die man heute gegen uns Juden erhebt, wir brauchen nur die Absichten, welche die Verleumder der damaligen Zeit verfolgten, mit den Plänen ihrer Geistesverwandten in unserer Zeit zn vergleichen und die Wirkungen einander gegenüberzustellen, welche damals