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Die Wahrheit · 1927-01-07 · Heft 2 (7.1.1927) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 2 (7.1.1927)
Date
1927-01-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seit« 8 illlllMllllllBI» DiE WAHRHEIT i? *! Ü Ml* - V? i. I] > ■ y I J '. »I; ' ,|t *: i| »! i Herren wollen, im Grunde genommen, weder von dem jüdischen, noch von dem christlichen Sittengesetz hören; sie haben ihr eigenes antisemitisches Sittengesetz. * # * Dr. Seipel beschwert sich mit Recht über gewisse Vorwürfe, die ihm von Gegnern der Christlichsozialen gemacht werden. Man verlangt wirklich zu viel von ihm. Gewiß, er hat, ein moderner Herkules, bei der Uebernahme seines hohen Amtes sich die peinliche Aufgabe gestellt, die verpestete Luft, die von gewissen Ställen — man kann das Wort auch mit „e" schreiben — ausströmt, zu rei nigen. Nun aber lautet die Klage Dr. Seipels — nach der „Reichspost'' — buchstäblich: „Natürlich wäre es manchen Leuten angenehm, wenn wir einen Reinigungsprozeß vornehmen, bei dem schließlich niemand von uns übrig bliebe." Dr. Seipel hat recht; alles hat seine Grenzen. So mächtig kann kein Verlangen nach guter Luft sein, daß man deshalb an den Führer einer Partei das Ansinnen stellen dürfte, er möge gefälligst einen Reinigungsprozeß durchführen, bei dem die ganze Partei in die allerdings gereinigte Luft fliege. So übertrieben diese Forderung erscheint, so darf aber doch nicht übersehen werden, daß Dr. Seipel vielleicht auch in der Abwehr sich einer gewissen Uebertreibung befleißigte. Daß selbst bei dem gründlichsten Reinigungsprozesse kein Christlichsozialer übrig bliebe, hat kaum der erbittertste Gegner dieser Partei angenommen. * * * Herr Otto Rothstock soll, wie verlautet, endgültig ais geistig gesund erklärt werden. L>a es nicht mehr um seinen Hals geht, muß er seinen Kopf nicht für immer verloren haben. Der Sittlichkeitsfanatismus, der Rothstock zur Ermordung eines Mannes getrieben, dessen sittenverderbiiche Schriften er nie in der Hand gehabt, dürfte sich in der Zeit seiner gesundheitstörderlichen Internierung einigermaßen abgekühlt haben. Die mörderische Idealistenkarriere ist doch nicht immer bloß für ihre Opfer gefährlich. Auch Rothstock stand vor bedenklichen Wandlungen. Seine begeistertsten Verehrer, darunter der Advokat aller flakenKreuzler, hielten es schon bei der Verhandlung für geraten, ihn für verrückt zu halten, während andere damals seine berechnende Schlauheit am deutlichsten erkannt zu haben glaubten. Aber sei dem wie immer, so verrückt sind die Antisemiten nicht, daß sie den geistig gesund erklärten Rothstock noch einmal in der Rolle des Sittlichkeitsapostels sehen wollten. Es heißt, er wolle sich in Zukunft sein Brod damit verdienen, daß er seinen Nebenmenschen die Zähne reißt. Das ist jedenfalls weniger bedrohlich, als wenn er wieder, mit einem sechsläufigen Revolver ausgerüstet, als Sittenrichter gegen sie losgeht. * * * Man erzählt sich, daß die hakenkreuzlerischen Studenten der vom Rektor der Wiener Universität angekündigten Revision des Anschlagsrechtes mit einiger Besorgnis entgegensehen. Einer ihrer „besten" Köpfe soll nun zur Beruhigung der erregten Gemüter erklärt haben, daß selbst die radikalste Reform nur die äußerlichen Formen berühren könnte. Es würde z. B. nicht mehr gestattet sein, das Wort „Rasse" mit einem aus der Zoologie gewählten Worte zu verbinden, aber niemand werde es den vom stolzen Nationalgefühl beseelten Studenten verbieten können, ihren Gedanken, um die es sich eigentlich handelt, auf ihrer Anschlagtafel etwa in folgender Weise Ausdruck zu geben: „Mag eine gewisse ,Rasse* sich etwas darauf einbilden, daß sie der Welt — um nicht mehr Namen zu nennen — die Propheten, die Apostel, Spinoza, Marx, Einstein schenkte; wir werden uns das stolze Bewußtsein nicht rauben lassen, daß wir in Männern wie Hitler, Hejjas, Nowosat, Rothstock ideale Gestalten erblicken. Heil!" * * * Ivan Hejjas ist zum Abgeordneten gewählt und wird nunmehr auch offiziell zu den Gesetzgebern Ungarns zählen. Dem Henker von Orgoväny, dessen Gewissen sich von 59 an Unschuldigen verübten Mordtateten nicht belastet fühlt, hätte man seinerzeit die Befähigung für den in Ungarn freigewordenen Scharfrichterposten zuerkannt; er hat damals zugewartet und ließ sich lieber für das Abgeordnetenhaus kandidieren. Wähler in seinem Bezirke mochten wohl glauben, daß die Drohung, man werde sie tot oder lebendig zur Urne schleppen, um ihre Stimme für Hejjas abzugeben, keine ganz leere Phrase sei. Aber Hejjas hatte seinen Sieg schließlich doch nicht seinen Anhängern, sondern, so kurios dies auch klingen mag, nur seinem Gegenkandidaten zu danken. Drei Protokolle . mit den genauen Abstimmungsresultaten waren von den Freunden Hejjas' beiseite geschafft worden und eine neue Wahl hätte die Entscheidung herbeiführen müssen. In diesem für den Rassenschützler kritischen Moment entschloß sich der Kandidat der Regierung, auf dringendes Zureden des Ministers des Innern im Kabinett Bethlen von der Wahl zurückzutreten. Und auf diese selbst in den Annalen ungarischer Wahlgeschichten unerhörte Weise erscheint Ivan Hejjas als einstimmig gewählter Abgeordneter im Parlament. Wahrhaftig, einen schöneren Enderfolg hätte Hejjas nicht erzielen können, auch wenn er und nicht sein Gegner von allem Anfange als Regierungskandidat aufgetreten wäre. * , * * Ueber die Geschichte dieser einstimmigen Wahl Hejjas' herrscht auch nur eine Stimme. Man fragt sich, wer oder was konnte den Minister des Inneren im Kabinett Bethlen bewegen, im letzten Augenblick den Kandidaten der Regierungspartei zum entschiedenen und entscheidenden Kortesch eines Ivan Hejjas zu machen? Man wird aber vielleicht auch den Grafen Bethlen im Parlament hierüber befragen. Der ungarische Ministerpräsident, der sich so ruhmredig in mehreren Sprachen auf die Ergebnisse der Wahlen beruft, in denen — mit einer Ausnahme — seine Kandidaten siegten, wie er wollte, würde sicherlich am liebsten über diese Episode im Wahlkampfe den Schleier des Schweigens breiten. Aber er wird es kaum vermeiden können, sich über den verblüffenden Schritt seines Ministers des Innern zu äußern. Da kann es sich am Ende noch ergeben, daß er seinen Minister des Innern fallen lassen muß, weil dieser den Hejjas nicht fallen lassen durfte. Ego.

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