Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 2 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT illUM^ Seite 7 als ein Bewegtes oder als ein Gefühlsmäßiges. Kaum einen kenne ich, der ein ganzes langes Werk hindurch wie ein Athlet das Leben Brust an Brust umklammert hält und die ganze, zur Beute erkorene Fülle von Wirklichkeit mit dem Fangnetz aller Sinne und des Geistes umstrickt. Solch Heldenstück ist in „Simler u. Co." vollbracht. Die Sippe Simler ist aus Fleisch und Blut geknetet. Man sieht sie, stößt an sie, der lebendig gewordene Lehm bleibt einem an den Fingerspitzen kleben. Ja, das ist mir der erste, unvergeßliche Eindruck, den dies gewaltige Buch hervorruft (noch ehe einen das Spannende dieses Romans packt): eine unerhörte Kraft integraler Schöpfung in Fleisch und Geist. „Schaffen" gilt hier in der Fülle der Bedeutung. Der Dichter hat seine Gestalten nicht bloß erdacht oder beobachtet. Er hat sie gezeugt. Der Gegenstand ist vielfältig. Zwei, drei große Probleme sind da verwoben. Einmal das Problem der „Compagnie", die den Menschen auffrißt. Dann das Problem des Juden, der „einer fremden Rasse aufgepfropft ist" . . . Ein einziger unter diesen Menschen, Josef Simler, versucht einen Tag5 eine Stunde lang aus dumpfem Daseinstrieb heraus, nicht aus vernunftsbestimmtem Wollen, vom Rad des ihn mitreißenden Verhängnisses — der „Compagnie" — durch eine Liebesheirat außerhalb seiner Kaste freizukommen. Aber .der Herdengeist, der bei den Juden noch stärker ausgeprägt ist als bei anderen Menschen, hemmt ihn bei der ersten Regung des Widerstandes seitens der Herde. Ein für allemal bezwungen, reiht er sich wieder in die Arbeitskette . . . Wenn nun einerseits der Dichter das Problem zwischen dem einzelnen und der Gruppe, zwischen Menschentum und Firma mit erschütternder Wucht gestaltet hat, ist er anderseits, meiner Ansicht nach, beim zweiten Problem an der Schwelle stehen geblieben: es handelt sich da um die Beziehung des erobernden Juden zur von ihm eroberten Rasse, die wieder ihn erobert. Das Problem ist übrigens sehr verwickelt und recht heikel. Es besteht nicht für alle Länder in gleicher Weise. Mit dem Norden und Süden, Orient und Okzident wechseln die ethnischen Unterlagen; die Berührung mit Israel löst höchst verschiedenartige chemische Reaktionen aus. Israel selbst erscheint mannigfach abgewandelt. — Jean Richard Bloch hat nun beiderseits die unvereinbarsten Gegensätze aufeinander prallen lassen: eine Sippschaft Elsässer Juden und eine westfranzösische Kleinstadt. Und er bietet uns nicht einmal die Handhabe, sich mit ihm über die Möglichkeit oder den Wert einer Mischung auseinanderzusetzen, da die Familie Simler solche Mischung hochmütig abgelehnt hat. Was sich an.Berührungspunkten mit den Eingesessenen ergibt, ist viel zu dürftig, als daß man irgend etwas daraus schließen dürfte. Zudem muß ich bemerken, daß in diesem Buche das westfranzösische Milieu nur von außen geschaut ist. Es wird mit zwei seltsam zusammengestellten Farben gemalt: Idealisierung und Nichtachtung. Meiner Ansicht nach wird solche Schilderung keineswegs dem dauerhaften, unzerstörbaren Dasein dieser brachliegenden Rasse gerecht, deren Schlummerzustände vermöge eines geschichtlichen Rhythmus wiederkehren, der über Jahrhunderte greift. Doch wie wichtig auch die Rolle sein mag, die in diesem Buche Fräulein Le Pleynier zugewiesen ist, liegt die Hauptbedeutung dieser reizvollen Gestalt (die aber, meines Erachtens, als einzige im ganzen Werke idealisiert ist), doch vor allem in der Krise, die in Josef Simler durch die Begegnung mit ihr ausgelöst wird und die, nach schwächlichem Auflehnungsversuch, die endgültige Unterwerfung dieses Mitgliedes unter die festgefügte Masse der Sippe und der „Compagnie" bewirkt. Worauf es in diesem Buche ankommt und was es füllt, ist die Sippe Simler. In ihrer Schilderung ist der Dichter ganz unvergleichlich. Im Hervorheben, im monumentalen Heraustreiben der Einzelzüge, in der Ueppigkeit der plastischen Masse, in der Kraft und Wonne des Bildners, der sie knetet, grenzten Technik und Stil an karikaturistische Kunst von epischer Großheit. Er erinnert mich an Daumier. An ihn gemahnt sein harter Strich, die Saftigkeit in Fleisch und Muskulatur, der michelangeleske Schwung spießbürgerlicher Lächerlichkeit, die Vis comica (tragica?), das hinreißende Abrollen der Vorgänge, das geniale Gestalten nicht bloß der Einzelfigur — dieser Hippolyt Simler ist eine Welt für sich! — sondern auch der Gruppenszenen. In diesem Romanschriftsteller steckt ein dramatischer Dämon: er hat sich seit dem Erscheinen von „Simler u. Co." wirklich der Bühne zugewendet. Schon in diesem ersten Roman zeigt sich die Pranke in den großen Dialogszenen: wie bei Balzac wäre nur wenig hinzuzufügen, um sie auf die Bretter zu verpflanzen. Es ist Komödie großen Stils, darin Possenlaune und tragische Erschütterung von einem Könner gemeistert werden. Bedarf es eines Hinweises auf die großartige Szene des Familienrates, der die beiden jungen Simler nach dem Ankauf der Fabrik daheim im Elsaß empfängt, oder auf die Inventurszene, oder auf Hippolyts Agonie, in ihrem außergewöhnlichen, pathetisch-burlesken Stil, in dem epische Glut atmet? So flüchtig und lückenhaft meine Würdigung des Romans auch sein mag, gibt sie hoffentlich doch eine Ahnung von seiner Spannweite und der Festigkeit seines Baugefüges. Dennoch würde meine Einführung dem Dichter, den ich hier vorstelle, gar nicht gerecht, ließe sie darüber im unklaren, daß er mit dem Roman „Simler u. Co." nicht zu umreißen ist und daß darin nur eine Seite seines Schöpfertums zur Geltung kommt. Jedes der Bücher, die er seitdem veröffentlicht hat, zeigt ihn als einen anderen. Gieich jenen „Empörern", die immer wieder aus den Schranken der „Compagnie" ausbrechen, macht er sich immer wieder frei von Form und Stil, in denen er sich zuletzt ausgedrückt hat. Und er steht erst am Beginn der Fahrt! Jean Richard Bloch hat das vierzigste Jahr wenig überschritten, und überdies ist er kaum dem Höllenschlund entronnen. Der Krieg, der seinen Körper mit drei Wundmalen zeichnete, preßte seinem Geiste eine Welt tragischer Erfahrungen und freimachender Entzauberungen ein. Noch ungeboren dämmert diese Welt in seinem Hirn, das von Schaffenstiebern und allumfassender Wißbegier erglüht. Eines Tages wird diese Welt hervorbrechen. Ich erwarte von diesem Dichter das große Werk unserer Zeit. Was ist noch zu sagen? Daß ich ihn seit fünfzehn Jahren kenne und ihn wie einen Bruder liebe — daß diese rauhen fünfzehn Jahre, ein Prüfstein der Seelen und der Freundschaften, unseren Seelen und ihrer Freundestreue die heilige Weihe gaben, daß bei diesem mannhaften Künstler, der so denkt, wie er schreibt, und der so handelt, wie er denkt, der Charakter auf gleicher Höhe steht wie die Kunst, und daß heute in keinem zweiten so wie in ihm die harmonische Durchdringung der stolzesten geistig-künstlerischen Kräfte jener zwei alten und immer neu erstehenden Völker sich verwirklicht hat, der zwei Geistesaristokratien des Orients und des Okzidents, die da heißen: Frankreich und Israel. Glossen. Das soeben veröffentlichte christlichsoziale Parteiprogramm ist — was ja schließlich in der Natur jedes politischen Programmes liegt — nicht darauf angelegt, alle Welt zu entzücken. Aber es betont, wenn auch zwischen den Zeilen, auch Anschauungen, die gerade von jüdischer Seite mit Genugtuung begrüßt werden müssen. Wenn in dem christlichsozialen Programm mit einer gewissen Feierlichkeit verkündet wird, daß das „christliche Sittengesetz dazu verpflichte, für wahre Volksversöhnung und für ein aufrichtiges Zusammenwirken aller Nationen zur Förderung des Friedens und des Wohles aller" einzutreten, so bedeutet das selbstverständlich nur eine Huldigung für das jüdische Sittengesetz, dem das christliche Sittengesetz seinen Ursprung dankt. Dieser christlichsoziale Programmpunki erinnert überdies auch unwillkürlich den jüdischen wie den christlichen Bibelkundigen an das erhabene Völkerversöhnungsideal, das seine erste, aber noch niemals übertroffene Verherrlichung in der Rede des Propheten Jesaias gefunden hat. Für Bibelkundige mubte, zumal in einem politischen Programm, die Identität des christlichen Sittengesetzes mit dem jüdischen allerdings nicht erst hervorgehoben werden. Mit überzeugender Klarheit ergibt sich daraus, daß eine „Bekämpfung des jüdischen Einflusses auf geistigem Gebiete" die Bekämpfung jenes Geistes wäre, den das Christentum aus dem Alten Testament geschöpft hat. Und was den radikalen antisemitischen Flügel in der christlichsozialen Partei betrifft, du lieber Himmel, die