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Die Wahrheit · 1927-01-07 · Heft 2 (7.1.1927) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 2 (7.1.1927)
Date
1927-01-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 III DIE WAHRHEIT dessen Annahme mit allen gegen fünf Stimmen des Klubs für soziale Tätigkeit. Der Präsident der Kultusgemeinde Universitätsprofessor Dr. Pick dankt sodann allen Rednern für die von ihnen gebrachten Anregungen, die seitens des Präsidiums und des Vertreterkollegiums der Gemeinde gewiß Beherzigung finden dürften. Insbesondere dankte er dem Finanzreferenten Reg.- Rat Dr. Oppenheim, dem Amtsleiter Reg.-Rat Guido Fuchsgelb und dem Oberbuchhalter Leop. Schäfer für die wertvollen Dienste, die sie bei der Aufstellung des Budgets der Gemeinde geleistet haben. I Achad Haam. \ Ein tiefer Denker und hervorragender Philosoph ist mit Achad Haam dem jüdischen Volke entrissen worden; denn er war „Einer aus dem Volke" dieser Ascher G i n s b e r g, wie er mit seinem wahren Namen hieß, einer aus jenen breiten jüdischen Massen des Ostens, in dessen traditionell-jüdischem Geiste er erzogen war und dem er bis zu seinem Tode unwandelbare Treue bewahrte. Als Sohn eines angesehenen und frommen Juden im Jahre 1856 in S k w i r a (Gouvernement Kiew) geboren, wurde er schon in frühester Jugend im religiösen Wissensstoff des Judentums eingehend unterrichtet und galt bereits mit 15 Jahren als großer Kenner des Talmuds, was übrigens in jenen Kreisen, in welchen er seine Jugend verbrachte, nichts Außerordentliches darstellt. Dasjenige, wodurch sich der Talmudjünger von seinen Genossen schon frühzeitig unterschied, war nicht sein scharfer Geist, sein umfassendes jüdisches Wissen, auch nicht die heiße Liebe zum Glauben seiner Väter und zum jüdischen Volke, sondern es war der philosophische Trieb, das Streben, sein jüdisches Wissen weltanschauungsmäßig zu fundieren, eine kosmische Einheit zu schaffen, in deren Mittelpunkt das Judentum steht. Er bereitete sich in Odessa zur Peifeprüfung vor, er besuchte die Universitäten in Wien, Berlin und Breslau und je mehr er vom Geiste fremder Kulturen in seinem wissensdurstigen Verstände verarbeitete, desto inniger fühlte er sich dem Judentum geistig verbunden. Und so wurde Achad Haam zum Vorkämpfer einer geistig orientierten und nach innen gerichteten Erneuerungsbewegung des Judentums, zum Schöpfer einer Gedankenrichtung, die — ob mit Recht möge dahingestellt sein — als „Kulturzionismus" bezeichnet wird. Sicherlich bedeutet das, was Achad Haam für das Judentum geleistet hat, mehr als die philosophische und soziologische Pundierung einer doch nur einen Teil des jüdischen Weltgeistes ausdrückenden Gedankenrichtung, wie sie der Zionismus darstellt, sein Werk gehört dem gesamten Judentume an. Jedenfalls ist der Kulturzionismus eines Achad Haam etwas vom politischen Zionismus Theodor Herzls seinem Wesen nach Verschiedenes und Achad Haam war sich dieses inneren Gegensatzes von allem Anfange an voll bewußt. In der im Jahre 1896 von ihm gegründeten hebräischen Zeitschrift „H a s c h i 1 o a c h", die er unter dem Pseudonym „Achad Haam" herausgab, führte er denn auch einen erbitterten Kampf gegen die von Herzl entfachte Bewegung des politischen Zionismus, der von ihm als u n j ü d i s c h abgelehnt wurde, da er durchaus westeuropäischen Motivationen entsprungen, zwar das Aeußere der Judenfrage, nicht aber ihren Wesenskern erfaßt habe. Schon im Jahre 1907 verlangte er die Schaffung eines geistigen Zentrums für das gesamte Judentum in Palästina und später, als die zionistische Bewegung immer weitere Kreise erfaßte, arbeitete er auf ihre geistige und philosophische Durchdringung hin. Nach Beendigung des Weltkrieges nahm er seinen ständigen Wohnsitz in Palästina, woselbst er nunmehr im Alter von über 70 Jahren verschieden ist. Wenn auch Achad Haam kein umfangreiches literarisches Werk, kein geschlossenes philosophisches Lehrgebäude uns zurückgelassen hat. so ging doch von seiner Persönlichkeit ein gewaltiger geistiger Strom aus, der ihn, den großen „Antipoden Herzls" zum Mittelpunkt einer jüdischen Bewegung gemacht hat. Jean Richard Bloch. Von Romain Rolland. Soeben erschien im Rotapfel-Verlag, Zürich, der elsäßische Roman „Simpler u. C o." von Jean Richard Bloch in der Uebertragung von Paul A m a n n. Romain Rolland hat dazu eine Einleitung geschrieben, worin er eine Würdigung der Persönlichkeit und des Werkes J. R. Blochs gibt, die wir im folgenden — mit der freundlichen Genehmigung des Verlages — auszugsweise wiedergeben. Die Redaktion. Vor dem Kriege habe ich Jean Richard Blochs Werk „Simler u. Co." schon im Manuskript gelesen. Ich las es nochmals in der unvollkommenen Erstausgabe, die zu Kriegsende erschien, und jetzt wiederum in der endgültigen Fassung. Bei jedem Lesen erschütterte mich die gleiche schöpferische Gewalt. Jedesmal erstand vor mir Balzacs Genie. Ohne Vorbehalt wage ich das Wort: Ich kenne keinen anderen französischen Roman, dem unter den Meisterwerken der „Menschlichen Komödie" ein Platz gebührt. Dieser ist ihres Blutes .... In der ungeheuren Mehrheit zeichnen die Romanschreiber mit der Federspitze. Sie ritzen nur die Oberhaut des Wirklichen. Sie erhaschen die Natur bloß von einer Seite hef, als ein Sichtbares, als ein psychologisch Durchsichtiges,

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