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Die Wahrheit · 1927-01-07 · Heft 2 (7.1.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 2 (7.1.1927)
Date
1927-01-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT I1111I11MIWI1M Sete 5 ist. Sie müssen bedenken, meine Herren, daß im ganzen Schuljahre nur 60 Religionsstunden erteilt werden können; hiervon entfallen die Hälfte auf Prüfungen der Schüler, so daß eigentlich nur 30 Stunden für den Religionsunterricht verbleiben. Von diesen 30 Stunden kann wieder nur die Hälfte auf den hebräischen Unterricht verwendet werden, da für den Unterricht der biblischen und nachbiblischen Geschichte mindestens die gleiche Zeit notwendig ist. Es darf vor allem nicht übersehen werden — und darauf ist das Hauptgewicht zu legen —, daß der Religionsunterricht seinem Wesen nach weder ein Sprachnoch ein Geschichtsunterricht, sondern ein Gesinnungsunterricht ist und der Hauptzweck desselben darin besteht, das religiöse Empfinden und das jüdische Bewußtsein der heranwachsenden Generation auszubilden und zu vertiefen. Um dieses Fühlen zu entwickeln, müssen die erhabenen Wahrheiten und die ethischen Grundsätze des Judentums dem Schüler eingeprägt werden. Wenn unter diesem Gesichtspunkte die biblische Geschichte und die der nachbiblischen Zeit und, soweit es möglich ist, auch das jüdische Schrifttum unterrichtet werden soll, dann wird die den Religionslehrern erwachsende Aufgabe eine derart enorme, daß neben derselben ein eigentlicher Sprachunterricht, wie er von einzelnen Herren gefordert wird, unmöglich erteilt werden kann. Das Gesagte bezieht sich, wie ich ausdrücklich betonen möchte, nur auf den öffentlichen Religionsunterricht. Wenn von Herrn Dr. Plaschkes in einem Zwischenruf bemerkt wurde, daß der Religionsunterricht ausgebaut und das Hebräische intensiver unterrichtet werden solle, so ist gegen die intensivere Behandlung des Hebräischen nicht nur keine Einwendung zu erheben, sondern diese sogar zu begrüßen, wobei das Hauptgewicht aber auf die Privatschulen und Bibelschulen zu legen ist, nachdem im öffentlichen Religionsunterricht nur der von mir ausgeführte Zweck der verständigen Teilnahme am Gottesdienste erreicht werden kann. Mehr kann angesichts der Schwierigkeiten, was Zeit anbelangt, und angesichts der entgegenstehenden Bestrebungen nicht erreicht werden. In Deutschland ist vom öffentlichen /Religionsunterrichte der hebräische Unterricht ausgeschlossen und in die Privatschulen der Gemeinden verlegt. Wir müssen hierbei bedenken, daß auch in Oesterreich und namentlich in Wien Bestrebungen am Werke sind, den Religionsunterricht einzuschränken, die Stundenzahl zu verringern und vor allem darauf hinzuarbeiten, daß die sittlich-religiöse Erziehung, wie sie gesetzlich festgelegt ist, nicht auf den hebräischen Sprachunterricht ausgedehnt werden soll. Ich kann es nicht billigen, wenn den Bemühungen des Inspektorates, im Wege von gütlichen Verhandlungen und durch Einnahme eines entgegenkommenden Standpunktes möglichst viel beim Stadtschulrate durchzusetzen, entgegengearbeitet wird. Ich bin nicht der Ansicht, daß hier durch Mittel der Gewalt mehr erzielt werden kann, als erzielt wurde, und kann diesfalls das Inspektorat kein Tadel treffen, sondern ihm nur Lob gesprochen werden. Wenn vom hebräischen Unterricht gesprochen wird, so muß man sich darüber klar sein, daß selbstverständlich nur das Lernen in der biblischen Sprache in dem bereits angedeuteten Sinne möglich sein kann, daß aber der Unterricht in der neuhebräischen Sprache selbst ausgeschlossen bleiben muß. Es ist nämlich nicht einzusehen, warum die Schüler in der Schule Vokabeln lernen sollen, welche sie niemals brauchen, um die Heilige Schrift zu übersetzen oder die Gebete zu verstehen, und ich muß gegenüber einem Zwischenruf hervorheben, daß selbst unsere Propheten Jesajas und Jeremias die Worte der neuhebräischen Sprache wie „Iperon" für Bleistift gar nicht verstehen würden. Die biblische Sprache ist die heilige Sprache, die zu pflegen Aufgabe des Religionsunterrichtes sein muß. Ich trete entschieden dafür ein, daß die Gemeinde ihre Bibelschulen vermehre, daß sie dieselben zentralisiere und daß in diesen Schulen der Unterricht im hebräischen Schrifttum durch Intensivierung der Kenntnis der hebräischen Sprache gefördert wird. Deshalb beantragt die Unterrichtskommission die. Gründung neuer Schulen und die Erweiterung der bestehenden. Es muß rühmend hervorgehoben werden, daß die Bibelschule im XX. und im II. Bezirke, in der Wolmutstraße im Prater, aber insbesondere die Jesod Hathorah eine bedeutende Zahl von Schülern haben und der Unterricht nach jeder Richtung hin die besten Erfolge zeitigt. Bezüglich des Jugendgottesdienstes war ich In der angenehmen Lage, die Ausdehnung desselben in allen Tempeln in der Weise durchzuführen, daß bereits ab Mitte Jänner 1927 an jedem Sabbath in allen Tempeln Jugendgottesdienste stattfinden werden, daher auch in jenen Tempeln, wo bisher nur alle 14 Tage Gottesdienste für unsere Jugend abgehalten wurden. Herr Dr. Kl ab er hat in seiner Rede lobend hervorgehoben, daß Herr Oberrabbiner Dr. C h a j e s am Versöhnungstage den Jugendgottesdienst in den Olympiasälen persönlich besucht und dortselbst eine Predigt gehalten habe. Ich halte es für ungerecht, es besonders hervorzuheben, wenn ein Rabbiner einmal im Jahr eine Predigt für die Kinder hält, weil diejenigen Rabbiner in erster Linie Lob verdienen, welche Woche für Woche in den Jugendgottesdiensten predigen. Besondere Anerkennung verdient, wie ich glaube, der Umstand, daß die Predigten durchwegs auf hohem Niveau stehen. Ich habe, als ich die Jugendgottesdienste besucht habe, -Gelegenheit gehabt festzustellen, daß auch Erwachsene diesen Predigten mit Andacht gefolgt sind und erbaut den Tempel verlassen haben. Herr Dr. Klaber hat auch den Eifer und die Energie der jungen Lehrer besonders hervorgehoben und gefordert, daß Remunerationen an diese für besondere Leistungen gewährt werden sollen. Mindestens das gleiche Lob verdienen auch die alten Lehrer, welche mit Eifer, Fleiß und tiefer religiöser Gesinnung ihre Pflicht erfüllen. Die Frage des Religionsunterrichtes liegt nicht so einfach und von den anderen Hemmnissen abgesehen, die sich ihm entgegenstellen, kommt noch dazu, daß manche Eltern nicht einmal wünschen, daß die Kinder im Religionsunterrichte viel lernen und über deren Ueberbürdung klagen. Es ist wiederholt vorgekommen, daß sich Eltern an mich gewendet haben, um hierüber Beschwerde zu führen. Wir sind ebenso auch den alten Lehrern zu größtem Danke verpflichtet, daß sie sich trotz vieler Fährnisse mit allen Kräften bemühen, die religiösen Gefühle der Kinder zu wecken, ihre jüdische Gesinnung zu stärken und ihnen diejenigen jüdischen Kenntnisse beizubringen, welche ein Jude unbedingt haben muß. Wenn ich gegen Remunerationen bin, so geschieht es deshalb, weil alle Lehrer ihre Pflicht erfüllen, und von einer Mehrleistung ein zelner Lehrer nicht die Rede sein kann. Wir wollen keinen Lehrer zurücksetzen, wir wollen vielmehr alle in der Erfüllung ihrer Pflichten fördern und ihnen Dank wissen für die großen Verdienste, die sie sich um die Heranbildung unserer Kinder zu edlen Menschen und guten Juden, die sie sich um die Zukunft unserer Gemeinde erworben haben. * * * Hierauf war das Budgetkapitel „Fürsorge" Gegenstand einer eingehenden Wechselrede, von welcher die Vertreter der verschiedenen Gruppen ausführlichen Gebrauch machten, um ihrer Anschauung Ausdruck zu verleihen. Zunächst trat Kultusvorsteher Dohan für die Ausgestaltung des jüdischen Altersversorgungshauses ein und wies darauf hin, daß man durch den Aufbau eines Stockwerkes die notwendig gewordene Erweiterung des Altersversorgungshauses am besten in die Wege leiten könnte. Kultusvorsteher Dr. Bader verlangt verschiedene Aenderungen in der Organisation des Gemeindespitales und speziell die Einführung der freien Aerztewahl. Kultusvorsteher Dr. Klaber fordert die Gründung einer jüdischen Krankenpflegerinnenschule durch die Gemeinde und weist darauf hin, daß nur auf diesem Wege dem jüdischen Patienten, speziell denen, welche sich im Gemeindespital und Siechenhaus befinden, ein sowohl den jüdischen als auch allen medizinischen Anforderungen entsprechendes geschultes Pflegepersonal zur Verfügung gestellt werden könnte. Er verlangt auch die Bereitstellung einer Anzahl Isolierräume im Versorgungs- und Siechenhaus, die einem dringenden Bedürfnisse entsprechen. Kultusvorsteher Meister kritisierte einige Unzukömmlichkeiten im Friedhofswesen und verlangt deren Abstellung. Kultusvorsteher Dr. Glanz beanstandete die Höhe der im Präliminare für Einzelunterstützungen vorgesehenen Budgetpost und meint, daß die auf Einzelunterstützungen entfallenden ansehnlichen Beträge einer produktiveren Verwertung (?) zugeführt werden könnten. Er benützt schließlich die Gelegenheit, sein und seiner Genossen Verhalten in der Frage des Taubstummeninstitutes zu rechtfertigen. Als letzter Redner gelangte Kultusvorsteher G. Moritz zum Worte und erhob nochmals die Forderung nach Einführung eines allgemeinen Wahlrechtes für den Kultusvorstand. Schließlich zollt er dem Finanzreferenten für seine Tätigkeit volles Lob. * ♦ * Die nach Erledigung der Spezialdebatte vorgenommene Abstimmung über das GemeUdebudget ergab

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