Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 2 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064301--15102-3087867- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT illlllllilllll Seite 3 Aas der Wiener Nachwort zur Finanzdebatte. Wie wir bereits in der letzten Nummer berichtet haben, ist der Budgetvoranschlag der Kultusgemeinde für das Jahr 1927 in drei ausgiebigen Sitzungen, deren letzte am 28. Dezember um 8 Uhr abends begann und den 29. Dezember um %2 Uhr früh endete, eingehend durchberaten und bewilligt worden. Es gibt nur wenig öffentliche Haushalte, wo das Präliminare für das kommende Jahr bereits im Dezember zusammengestellt und angenommen erscheint, und zu diesen wenigen zählt — wir können mit dem Qefühi der Befriedigung darauf hinweisen — die Wiener israelitische Kultus g e m e i n d e. Dies ist vor allem das Verdienist des umsichtigen Finanzreferenten der Gemeinde Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim, dessen Sprühender Geist Leben in die an und für sich trockene Materie brachte und mit souveräner Meisterschaft das umfangreiche Gebiet der Gemeindefinanzen bis ins Detail beherrschte. Spezialdebatten über die einzelnen Budgetkapitel sind in den meisten öffentlichen Körperschaften das Langweiligste vom Langweiligen; hier war gerade das Umgekehrte der Fall, zumal sich auch einzelne Redner der Opposition nicht nur in leeren Negationen erschöpften, sondern mannigfache interessante Anregungen brachten, die auf ihre Durchführbarkeit zu prüfen, Pflicht der zuständigen Kommissionen und Beratungskörper sein wird. * * * Die Spezialdebatte wurde vom Finanzreferenten Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim mit einer Rede eröffnet, in welcher er den in der Generaldebatte von oppositioneller Seite gegen die Majorität erhobenen Angriffen mit Entschiedenheit entgegentrat. Er berührte zunächst die Frage des jüdischen Gemeindebundes und begründete eingehend die Stellungnahme der Majorität zu demselben, wobei er außer den von uns bereits in der vorletzten Nummer unseres Blattes angeführten Argumenten noch ins Treffen führte, daß der von verschiedenen Rednern gemachte Hinweis auf den jüdischen Gemeindebund in Deutschland deshalb nicht stichhältig sei, weil es sich hier um den Zusammenschluß von gleich großen und gleichwertigen Gemeinden handle, während in Oesterreich ein allzu großes Mißverhältnis zwischen der Größe der Wiener Kultusgemeinde und der der übrigen Gemeinden bestehe, welches einen dem reichsdeutschen analogen Zusammenschluß weder im Interesse der Wiener noch im Interesse der übrigen österbereit sein, um von einem Tage zum anderen zu neuer Arbeit und Leistung fortzuschreiten; selbst die Nacht gönnte ihnen keine Ruhe, denn „kurz ist der Tag", lehrte R. Tarphon, „die Arbeit ist viel, die Arbeiter sind träge, und der Meister drängt". Man darf nicht rasten und stille stehen, soll Fortschritt, soll ein Ziel erreicht werden. Wer der Menschheit Freiheit und Frieden bringen will, muß den Gurt um die Lenden haben, nicht den, der das Schwert, die tötende, vernichtende Waffe trägt, sondern, wie der Prophet sagt: „Die Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden and die Treue der Gurt um seine Hüften sein"; muß den Stab in der Hand haben, nicht um zu strafen, sondern um Recht zu sprechen, wie der Prophet weiter sagt: „schlagen wird er das Land mit dem Stabe seines Mundes". Das ist Bildung, Erziehung, Lehre und Aufklärung; sie sind die Stütze und die Waffe der im Fortschritt wandernden Menschheit. „Dann durchschreitet man die Ströme mit Schuhen", so schließt der Prophet. Dann trennen nicht mehr reißende Ströme des Hasses und der Feindschaft die Menschen, sondern von Mensch zu Mensch, Volk zu Volk führt ein Weg, eine Furt, die man mit Schuhen rüstig und gefahrlos durchschreiten kann. Als einst Lot aus der Zerstörung Sodoms forteilte, erging an ihn das Gotteswort „Bleibe nicht stehen", als Israel aus Aegyptens Knechtschaft zog, hieß die Losung: „in Hast und Eile". Die Augenblicke sind kostbar, wenne es gilt Sodom und Mizraim, Rückständigkeit und Knechtschaft zu verlassen. Die Wandermüden und die Fortschrittsfeinde haben Gurt, Stab und Schuhe fortgeräumt, lieben die Ruhe und hassen den Weg. Heil kommt denen und von denen, die alle Tage bereit sind, „die Lenden gegürtet, die Schuhe an den Füssen, den Stab in der Hand", einzutreten für Recht und Gesetz, Freiheit und Fortschritt, die in Hast ihr Brot essen, den Weg der Wüste nicht scheuen, um ein großes Ziel zu erstreben und zu erreichen. Dr. V. Kur rein. Kdtusgemeinde. reichischen Gemeinden gelegen erscheinen lasse. Im weiteren Verlaufe seiner Rede gab Regierungsrat Dr. Oppenheim freimütig zu, daß er sich persönlich außer von den angeführten auch von finanziellen Rücksichten habe bestimmen lassen, dem Beitritt der Wiener Kultusgemeinde zum österreichischen Gemsmdebunde zu widerraten, da er es den ohnedies schwer kämpfenden Wiener Kultussteuerträgern nicht zumuten könne, auch noch Lasten für andere Kultusgemeinden zu tragen. Auf den hier erfolgten Zwischenruf des Kultusvorstehers Oberbaurat Stricker, daß ja niemand von der Wiener Gemeinde etwas verlangt habe, antwortete der Referent, daß materielle Opfer, wenn sie auch nicht im Vorhinein gefordert würden, sich doch durch die Mitgliedschaft und die Stellung, die gerade die Wiener Gemeinde im Gemeindebund einnehmen würde, notwendigerweise ergeben müßten. Den umfangreichsten und erregtesten Teil der Spezialdebatte bildete die Behandlung der mit dem israelitischen Taubstummeninstitut zusammenhängenden Fragen. Zunächst wies der Referent Regierungsrat Dr. Oppenheim in scharfen Worten die Angriffe zurück, die in diesem Zusammenhange gegen die Majorität erhoben wurden, und stellte fest, daß es sich hier um das Schicksal einer alten jüdischen Institution und nicht um eine parteipolitische Angelegenheit handle. Aus diesem Grunde habe er sich gewundert, daß dieses Thema seitens der Gruppe für soziale Tätigkeit in der Budgetdebatte angeschnitten wurde, obwohl gerade diese Gruppe wegen des zwiespältigen Verhaltens ihrer Mitglieder keine Veranlassung hatte, diese Frage öffentlich aufzurollen. Er kennzeichnete daher richtig das Verhalten der Gruppe für soziale Tätigkeit, die trotz ihres widersprechenden Verhaltens im Laufe aller bezüglichen Verhandlungen und Konferenzen sich jetzt habe dazu hinreißen lassen, eine so traurige und erschütternde Angelegenheit, wie es die Notlage des Taubstummeninstitutes sei, zu einem Politikum zu machen. Hierzu sei um so weniger Veranlassung gewesen, als der Mehrheitsklub selbst in dieser Frage keinen Parteizwang geübt, sondern seinen Mitgliedern einzig und allein zwei Gesichtspunkte als Ziel gesetzt hatte: Erhaltung des Gebäudes des Taubstummeninstitutes In Eigentum der Wiener Juden und volle Befriedigung der Anspräche der Lehrer aus dem Vermögen des Taubstummeninstitutes ohne Heranziehung von Mitteln der Kultusgemeinde. Regierungsrat Dr. Oppenheim bemerkte, daß er sich sehr bemüht habe, diese die Interessen aller Beteiligten befriedigende Lösung zu finden und hierin vom Vizepräsidenten der Gemeinde Dr. Jakob Ornstein und dem Obmann des Mehrheitsklub Dr. Josef T i c h o tatkräftig unterstützt worden sei. Der Referent stellte fest, daß es ihm gelungen sei, einen Antrag der Gemeinde Wien zu erhalten, der dieses Ziel seiner Ueberzeugung nach sicher erreicht hätte; einzig und allein an dem Wiederstande der falschberatenen alten Lehrer des Taubstummeninstitutes sei die Ver wirhlichung des Planes gescheitert. Bei vernünftiger und sachlicher Behandlung der Angelegenheit hätten die Lehrer seinem Ratschlage folgen müssen; sie wären heute dann schon im Besitze der rückständigen Renten und hätten seiner Ueberzeugung nach auch für die Zukunft nach menschlicher Voraussetzungnichts zu fürchten, da überdies die Katscherische Stiftung einen wichtigen Faktor in seinem Sanierungsplane gebildet habe, die allerdings Herr Doktor Glanz aus dem Befriedigungsfonds für die Ansprüche der Lehrer ausgeschieden wissen wollte. Reg.-Rat Dr. Oppenheim polemisierte sodann gegen den Artikel des Gemeinderates Dr. Plaschkes in der „Wie-ner Morgenzeitung" vom 28. Dezember, betonte indessen, daß Dr. Plaschkes mit ihm in der Frage der Heranziehung des gesamten Vermögens für die Befriedigung der Ansprüche der Lehrer des Taubstummeninstitutes prinzipiell der gleichen Meinung sei. Unrichtig sei, was aus der Darstellung der „Wiener Morgenzeitung" herausgelesen werden könnte, daß Redner das Vermögen des Institutes für andere Zwecke hätte verwenden wollen als für die Zahlung der laufenden Renten der Lehrer. Unrichtig sei es, daß Redner die Macht habe, in den Gemeindesäckel zu greifen und die Zahlung der Renten durch die Kultusgemeinde zu übernehmen. Dr. Plaschkes habe einen diesbezüglichen An-