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Die Wahrheit · 1927-01-07 · Heft 2 (7.1.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 2 (7.1.1927)
Date
1927-01-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT sichtlich falsche Vorstellungen und feindliche Gefühle in der Bevölkerung erweckt werden, damit dieselben sodann parteipolitisch ausgeschrotet werden können. Den „jüdischen Einfluß", wofern von einem solchen überhaupt die Rede sein kann und es sich hier nicht um ein antisemitisches Hirngespinst handelt, als „zersetzend" zu charakterisieren, deshalb, weil auch Juden den Verlockungen einer depravierten Zeit erlegen sind, wäre eine ebenso niedrige Unterstellung, wie wenn man die ganze christlichsoziale Partei als „k o r r u p t" bezeichnen wollte, weil sich einige christlichsoziale Politiker haben korrumpieren lassen. Mit dem, wie wir hoffen, mißglückten Versuch, eine antisemitische Hetze zu entfalten, stellt sich die christlichsoziale Partei nicht nur in Widerspruch zur Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern auch — was besonders betont zu werden verdient — zu ihrem eigenen Parteiprogramm, in welchem die Gleichberechtigung aller Bundesbürge rund volle Gesinnungsfreiheit verlangt wird. Wenn es im Parteimanifest heißt, „daß die christlichsoziale Partei alle Berufsstände grundsätzlich als gleichberechtigte Glieder der Volksgemeinschaft betrachtet und den Klassenkampf ablehnt", dann können wir österreichische Juden dies ruhig unterschreiben. Wenn das Manifest die H e i- HgkeitderEhe betont und den Schutz des keimenden Lebens verlangt, dann sind hier Grundsätze ausgesprochen, an denen wir Juden bereits seit Jahrhunderten festhalten. Wenn ferner eine „religiös-sittliche Erziehung der Jugend in Schule und Haus" sowie die „Bekämpfung der öffentlichen UnSittlichkeit wie auch der s c h 1 e c h t e n L i t eraturundPresse" verlangt wird, dann können §X ^CMÜIctOlI Fortschritt. „Und aiso sollt ihres es*en: Eure Lenden gegürtet, eure Schuhe an euren Füßen, und euren Stab in eurer Hand; ihr sollt es in Ha6t essen: ein Pessach ist es Gott." II, 12, ll Das Leben wird gerne mit einer Reise, der Mensch mit einem Wanderer verglichen, und alle Regeln, Lehren und Ratschläge, die dem Wanderer und Reisenden gelten, finden auch auf das Leben selbst eine gute Nutzanwendung. Die Reisebereitschaft, die den Eintritt Israels als freies Volk in die Geschichte kennzeichnet, ist für Zeit und Zukunft von grundlegender Bedeutung. Kann man die Wüstenwanderung unserer Ahnen ansehen als ihre Lehrzeit, durch die sie ihre Erfahrungen erkaufen sollten, so ist die Vorschrift, jenes erste Mahl vor dem Auszug in die Freiheit in Reiseausrüstung zu essen, den Ausziehenden geradezu ein Vielsagendes, bedeutungsschweres Geleitwort auf den Weg. Die Alten sagen, Gott habe alle Reisen und Stationen auf dem Wege von Aegypten bis zum gelobten Lande deshalb aufzeichnen lassen, damit die Erinnerung an alle Vorfälle eine Quelle der Lehre und Belehrung für die Zukunft sei. Die Erklärung aber, die sie die Vorschrift der für das erste Pessachmahl befohlenen Reiseausrüstung anfügen: „bestimmt für die Wanderung", erscheint dem, der in der Geschichte Israels zurückschaut, als eine Bestimmung, als ein Schicksalswort. Denn der kurzfristige Imbiß mit allen Merkmalen und Zeichen der Eile — gewiß eine unzulängliche Vorbereitung für die bevorstehende Wanderung durch die Wüste — ist ebenso Vorbedeutung dafür, daß ein Volk, das zum Sinai soll, eine göttliche Sendung übernehmen und der Menschheit ein hohes Gut bringen wir alle diese Forderungen nur wärmstens unterstützen und möchten die Verfasser des Parteimanifestes besonders auf die antisemitische Hetzpresse und die hakenkreuzlerischen Straßen- und Hochschulplakate aufmerksam machen, welche geeignet sind, das sittliche Empfinden der christlichen Jugend aufs schwerste zu gefährden. Wenn schließlich die Freiheit der Religionslehre und -Übung, ein dementsprechender Rechtsschutz für das religiöse Bekenntnis und die religiöse Betätigung von der christlichsozialen Partei verlangt wird, dann können wir Juden auch dieser Forderung nur nachdrücklichst zustimmen, müssen aber auf Grund der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung, die ja auch im Parteiprogramm besonders betont wird, auch für unsere Religion dasselbe verlangen. Allerdings ist der Schutz unserer bürgerlichen Rechte und unserer religiösen Einrichtungen kaum von einer Partei zu erwarten, welche sich nach wie vor zum Antisemitismus bekennt, einer Partei, die getreu den Prinzipien eines Mchanikers Schneider ihre Macht auf die antisemitische Gesinnung eines Teiles ihrer Wählerschaft zu begründen versucht. Darum bleibt der österreichischen Judenschaft nur der Weg zur Verteidigung seiner politischen Rechte, den wir in der letzten Nummer, als wir das Verhältnis der „Juden und Sozialdemokraten" besprochen haben; als den richtigen und der gegenwärtigen politischen Lage in unserer Republik angemessenen bezeichnet haben: „Einzig und allein durch Kampf im Rahmen einer fortschrittlichen und freiheitlichen Partei, durch Zusammengehen mit den übrigen fortschrittlichen und freiheitlich gesinnten Schichten des österreichischen Bürgertums wird das österreichische Judentum gegen alle Angriffe von rechts und links wirksam verteidigt werden können." wird, in Erfüllung dieser Aufgabe auf Zeit und Muße für irdischen Lebensgenuß wird verzichten müssen, wie die Reisebereitschaft und „Wanderbestimmung" sein Geschick, ein Wanderer unter den Völkern zu sein, um seine Mission auf Erden zu erfüllen, vorausahnen läßt. „Was die Väter erlebten, ist ein Vorzeichen für die Kinder", sagt ein altes Wort, und wie es sich erfüllt hat, läßt sich entweder mit Wehmut als Leidensweg durch die Jahrhunderte feststellen, oder aber mit Seelenstärke und Hoffnungsfreude als der Weg zum segensvollen Ziele, zur Erfüllung der unvergänglichen Aufgabe bei den Nachgeborenen erkennen. Achtet man die Mühsale und Leiden des Weges nicht, sondern hat man nur das zu erreichende Ziei vor Augen, so bedeutet dieses Wort „die Lenden gegürtet, die Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand" die ewige Losung für wahren Fortschritt in der Welt. Nie haben diejenigen, die sich auf ererbte, verdiente oder unverdiente Vorrechte gemächlich stützten, in ihren Ahnensitzen behaglich den Verdienst und Gewinn des Tages verzehrten, der Welt die großen, erhabenen Augenblicke des Fortschritts geschenkt. Immer waren es nur jene, die ihr Mahl in Hast aßen, nicht an den ruhigen Genuß ihres Lebens und ihrer Tage dachten, wohl aber oft Heimat und Vaterstadt, Haus und Familie, Lebensfreuden und sicheres Brot opferten, — die Sklavenketten sprengten und Freiheit gedrückten Knechten brachten. Gleich ihnen waren diejenigen, die ihnen Gefolgschaft leisteten und mit ihnen gingen. „Brot mit Salz sollst du essen — das ist der Weg zur Thora", und ist das Geschenk von Sinai der Inbegriff von Aufklärung, Menschenrechten und Gleichberechtigung aller, so führt der Weg dahin nicht über üppige Gelage, genußreiches Nichtstun, bodenständige Ruhe und weichliche Bequemlichkeit. Unrast und Entbehrungen, Unfrieden, Befehdungen und Schlimmeres sind der Anteil derer, die aus der Knechtschaft Aegyptens zum Sinai jmd zur Freiheit gelangen wollen. Sie mußten wander-

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