Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 2 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064301--15100-3087865- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
£v8*fkeint Jeden Freitag Äeis «fieser ITummer: SO 9*os«Jheii D/E WAHRHEIT Cestcrreicfkiscfke Wodkens&rift für jüdtiscfie Jniecessen Vecöffentticfkun&en der „Union deutscfkösterr. Juden" Redaktion und Administration: Wien IL, JiTetnestVOile Jfr. IS Fernruf 42-2^6 XLIII. Jahrgang Wien, 7. Jänner 1927 Nummer 2 /tföfetf tftftf Christlichsoziale. In einer tief letzten Sitzungen des österreichischen Abgeordnetenhauses hat der Sozialdemokrat Schneidmadl den Christlichzozialen zürn Vörwüfe gemacht, daß sie zu wenig Antisemiten wären! Däß dieser Vorwurf den Nachfolgern Luegers gerade vott sozialdemokratischer Seite gemacht wurde, erscheint nach der Stellungnahme, welche die „jüdische" Sozialdemokratie in Oesterreich defl Juden gegenüber einnimmt und die wir in der letzten Nummer näher beleuchtet haben, gär nicht so verwunderlich. Immerhin haben die Cnristlichsozialen diesen schweren Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen, sondern durch das soeben erschienene Parteiprogramm aller Welt kund und zu wissen getan, daß es ihnen mit ihrem Antisemitismus bitter ernst ist. Das christlichsoziale Parteiprogramm, das zufolge den Beschlüssen des letzten cnristlichsozialen Parteitages vom Oesamtparteirate in neuer oder, besser gesagt, den Schlagworten unserer Zeit besser angepaßter Form herausgegeben wurde, beansprucht deshalb besonderes Interesse, weil seit dem Zusammenbruche der Monarchie keine ähnliche umfassende programmatische Erklärung seitens der führenden Partei unseres Staates erfolgt ist. Die Verfasser des Programmes sind bei dessen Abfassung nach folgendem Rezepte vorgegangen: Man nehme ein wenig christliche Nächstenliebe und ein bißchen Antisemitismus, ein wenig Demokratie und ein bißchen Rassenhaß, ein wenig Nationalismus und ein bißchen Pazifismus, gebe als Bindemittel eine entsprechende Menge sozialer Oesinnung und reaktionären Geistes dazu,?mische alles gut durcheinander und serviere das* Oanze in einer dem Durchschnittsbürger anreizende^ Form. Jeder findet also in diesem Parteiprogramm! das was sein Herz begehrt: Der Demokrat findet es schwarz auf weiß, „daß sich die christlichzoziale Partei zum demokratischen Staate bekannt und daher die volle Gleichberechtigung aller Bundesbürger in der Ausübung der politischen Rechte, freiheit der Gesinnung und des Organisationswillens fordert". Der Reaktionär vernimmt mit Befriedigung, „daß die christlichlichsoziale Partei ihr Ziel in der konfessionellen Schule erblickt". Der Kapitalist findet die „Anerkennung des rechtmäßig erworbenen Privateigentums", während den Sozialisten die Forderung nach „vollem Schutz ge: selbstsüchtige Ausbeutung" und nach „Ausbau^ sozialen Gesetzgebung" versprochen wird. Der national gesinnte Bürger liest von der „Pflege deutscher Art", von „Selbstbestimmungsrecht" und vielem anderen, woran er sich begeistern kann, während der international und pazifistisch eingestellte Oesterreicher mit Entzücken erfährt, „daß die christlichsoziale Partei für eine wahre Völkerversöhnung und für ein aufrichtiges Zusammenarbeiten aller Nationen eintritt". Und auch der Antisemit kommt auf seine Rechnung: „Die christlichsoziale Partei bekämpft die Uebermacht des zersetzenden jüdischen Einflusses auf geistigem und wissenschaftlichem Gebiete.44 Man muß gestehen, daß ein gewisser Mut dazu gehört, nach all dem, was wir in jüngster Zeit erlebt haben, die Einflüsse, welche die österreichische Politik und Wirtschaft korrumpiert haben, als „jüdisch" zu bezeichnen. Sind den Verfassern des Parteimanifestes die weitgehenden Zersetzungserscheinungen in ihrer eigenen Partei unbekannt geblieben, können sie die Skandalaffären, in deren Mittelpunkt bekannte christlichsoziale Politiker gestanden sind, auf den „zersetzenden Einfluß des Judentums"- zurückführen? Ist die heillose Verwirrung, welche die Vermengung von Geschäft und Politik in unserer Republik angerichtet hat, das Geschäftemachen christlichsozialer Politiker und das Politik-Machen christliichsozialer Geschäftemacher etwa jüdischen Ursprungs? Soll unter „Uebermacht des zersetzenden jüdischen Einflusses" vielleicht die allerdings in höchstem Grade zersetzende Kritik verstanden werden, welche sozialdemokratische Abgeordnete an den Handlungen und mehr noch an den Unterlassungen der christlichsozial-großdeutschen Regierung geübt haben? Wie dem immer auch sein mag, wir Juden müssen den schärfsten Einspruch dagegen erheben, wenn eine große und für die Geschicke unseres Staates derzeit verantwortliche Partei die Bevölkerung in unverantwortlicher Art und Weise gegen eine Gruppe von Staatsbürgern aufhetzt, welche dem Staate und der Gesellschaft gegenüber getreu ihre Pflichten erfüllt und unter den schwersten Onfern zur Förderung des Gemeinwohles beiträgt. Wir Juden müssen mit Entschiedenheit dagegen protestieren, wenn mit demagogischen Schlagworten wie „jüdische Uebermacht" oder „z e retzender jüdischer Einfluß", die jeg- :her tatsächlicher Berechtigung entbehren, ab-