Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 1 (1.1.1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT galligen Fanatiker Cuza gegründete „Liga zur Verteidigung der Nation und des Christentums" malt nicht nur Hakenkreuze an die Bretter, mit denen ihr die Welt zugenagelt ist, sondern überschlägt sich auch sonst in den gleichen Purzelbäumen wie die „völkische" Bewegung in Deutschland. In diesem Zeichen lassen antisemitische Prüfungskommissäre die jüdischen Kandidaten beim Abiturientenexamen „wegen nicht genügender Kenntnis der Staatssprachen" haufenweise durchfallen, brüllen sich die Hakenkreuzstudenten an den Universitäten Bukarest, Jassy, Czernowitz und Temesvar unter allerhand wüsten Rüpelszenen nach dem numerus clausus heiser, heischen die zehn cuzistischen Abgeordneten in der Kammer im Namen der reinblütigen rumänischen Edelinge Enteignung und Vertreibung aller Juden. Pogromluft liegt stickig über Rumänien, und das mit dem Paszismus liebäugelnde Kabinett Averescu läßt einen immer zügelloser werdenden Hakenkreuzmob ruhig, ja wohlwollend gewähren. Zwei Mädchen werden aus dem fahrenden Zuge geworfen, nur weil sie Jüdinnen sind, und die Täter bleiben straflos. Der Student Zelea-Codreanu schießt den Polizeipräfekten von Jassy über den Haufen, weil er ihn für einen „Judenknecbt" hält, und wird, mit dem Hakenkreuz geschmückt, von hakenkreuzgeschmückten Richtern freigesprochen. Ein von Jassy eigens herbeigeeilter Gymnasiast streckt im Gerichtsgebäude von Czernowitz den jüdischen Mittelschüler F a 11 i k mit Revolverschüssen tot nieder, weil er Rumänien beleidigt habe und erhält von nicht weniger als 160 Rechtsanwälten Angebote, seine Verteidigung zu übernehmen. Die Mordhetze gegen die Juden, die unter Ausschlachtung der blödesten Ritualmordmärchen, namentlich auf dem flachen Lande, von den Cuzisten betrieben wird, trägt ihre Früchte! Wohl gibt es in der Bildungsschicht wie in der Masse nicht wenige Rumänen, die sich der antisemitischen Schmach schämen und sich ihr entgegenstemmen, aber sie sind heute noch zu schwach. Doch wenn dem rumänischen Staat in naher Zukunft, wie es allen Anschein hat, schwere politische Erschütterungen bevorstehen, werden die Sympathien Europas nicht bei denen sein, die im zwanzigsten Jahrhundert Anschauungen des Mittelalters in die Tat umsetzen möchten. Und Rumänien bedarf der Sympathien Europas. Glossen. Die Universitäten sind, wie bisher allgemein angenommen wurde, Anstalten, die kein Kulturstaat entbehren kann, der das dringende Bedürfnis der Jugend nach Wissen befriedigen will. Ein Teil der hakenkreuzlerischen Jünglinge scheint aber die WienerUniversität mit jenen Bedürfnisanstalten zu verwechseln, an deren Wänden man den literarischen und künstlerischen Schöpfungen ihrer führenden Geister zu begegnen pflegt. Wer auch heute noch so naiv ist zu glauben, daß die Universitäten der Pflege der reinen Wissenschaft zu dienen hätten, muß wirklich mit Staunen gehört haben, daß hakenkreuzierische Studenten auf Anschlagtafeln in den Räumen der Wiener Universität z. B. zähnefletschend die Lehre verkünden dürften: „Die Juden sind die minderwertigste Köterrasse ..., sie sind eine scheußliche Bastardrasse, die überall Fäulnis und Morast verbreitet." Noch überraschender wirkte es allerdings, daß die Universitätsbehörden die Kunde von der Pflege dieser Hepp-Hepp- Literatur in den Räumen der Universität erst durch die „Neue Freie Presse" erfuhren. Man sollte wirklich meinen, daß der pestilenzartige Gestank, der aus solchen Anschlagtafeln aufsteigt, empfindlichen Nasen längst hätte lästig werden müssen. * * * Der Rektor der Wiener Universität hat, befragt von dem Interviewer der „Wiener Sonn- und Montagszeitung", seine Ansicht über diese Angelegenheit geäußert. Mit Genugtuung kann festgestellt werden, daß es Sr. Magnifizenz bekannt ist, daß es schon nach den bestehenden Verordnungen Mißbrauch des Anschlagewesens bedeute, wenn auf den Ankündigungstafeln der Vereine Bilder und Inschriften angebracht werden, die eine Schmähung dieser oder jener Gruppe von Angehörigen der Universität beinhalten. Ueber die Frage, ob mit der Zuweisung jüdischer Studenten zur gemeinsten Köterrasse ein Kompliment oder eine Schmähung beabsichtigt wird, dürfte kaum eine Meinungsverschiedenheit herrschen, nichtsdestoweniger wird man es freudig begrüßen dürfen, daß der Herr Rektor diesen Anlaß benützen will, um nach den Feiertagen dem Senat eine Revision der bezüglichen Vorschriften vorzuschlagen, da diese in Grenzfällen nicht immer die Entscheidung leicht machen. Es ist auch anzunehmen, daß die hakenkreuzlerischen Studenten die Lektion verstehen werden, die in der von höchster akademischer Vornehmheit beseelten Erklärung des Rektors immerhin für sie enthalten ist. Nachdrücklich betonte zwar der Rektor, daß nicht im entferntesten daran gedacht wird, die Tätigkeit der national gesinnten Studentenverbände irgendwie einzuschränken, aber er ließ es nicht unerwähnt, daß es für die akademischen Behörden nur akademische Bürger gleichen Rechtes gebe, und er wies auch darauf hin, daß diese akademischen Behörden darauf zu achten haben, daß die Universität nur Zwecken der Forschung und des Studiums diene. Aber der Herr Rektor fand es unter seiner Würde, auch nur mit einem Worte die bübische Niedrigkeit einer Gesinnung zu streifen, die sich in solchen aus der schmutzigsten Pfütze des Rassenhasses geschöpften Schmähungen der Juden austobt. Als Mann der Wissenschaft hatte der Herr Rektor sicherlich die Empfindung, daß verdächtiges Schweigen mitunter die beredteste Züchtigung bedeutet. Wer fände auch die richtigen Worte zur Zurückweisung der Frechheit, die es wagt, die „Rasse", die der Menschheit ihre erlauchtesten Gestalten geschenkt hat, als Köterrasse anzubellen? * * * Die Wiener hakenkreuzlerischen Studenten dürften es übrigens doch als eine Gnade des Schicksals erachten, daß nicht ein Mann wie Lloyd George es ist, der in dieser Angelegenheit mit ihnen zu reden hatte. Der Zufall wollte es, daß Lloyd George gerade vor einigen Tagen als Gast beim Diner, welches das Komitee für das jüdische Hospital im Savoy-Hotel gab, eine Rede hielt, die seine Stellungnahme zur jüdischen „Rasse" beleuchtet. Er sagte, um nur eine seiner charakteristischen Aeußerungen hervorzuheben, er sei „immer ein begeisterter und tiefer Bewunderer der Juden gewesen, die Männer hervorgebracht haben, die allen Nationen zu großem Ruhm verhalfen". Schließlich feierte er noch ganz besonders den Mann, „der hier in unserer Mitte weilt, und der größte Statthalter unserer Zeit, ebenfalls ein Kind der jüdischen Rasse" ist. Jedes dieser Worte, wenn auch in London gesprochen, trifft die Wiener hakenkreuzlerischen Jünglinge wie ein Peitschenhieb. Vielleicht war ihnen das vornehme Schweigen des Rektors doch noch angenehmer. Ego.