Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 1 (1.1.1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Mte 6 «IIIIIIIM^ DIE WAHRHEIT Die Enthüllung des Denkmals für Josef Popper-Lynkeus. Zum fünften Male jährte sich am 22. Dezember der Tag, da ein wahrhaft Qroßer von uns gegangen: Josef Popper- Lynkeus. Er war eine von jenen seltenen Persönlichkeiten, mit denen gerade das Judentum die Menschheit im Laufe der Jahrtausende immer wieder aufs neue beschenkt hat, einer von jenen Männern, wie wir sie in den Propheten, in fiillel, Spinoza und Karl Marx finden, die weit mehr zum Fortschritte der menschlichen Kultur beigetragen haben als noch so große Erfinder, Staatsmänner oder Gelehrte. Gewiß hat Josef Popper auch als Erfinder der automatischen Höhensteuerung für Luftschiffe, als Entdecker des Prinzips der elektrischen Kraftübertragung Hervorragendes geleistet, gewiß hat er sich auch als Staatsmann, als Schöpfer des „Fundaments einer neuen Staatsverfassung", als Philosoph, Soziologe und Kulturhistoriker ebenso glänzend bewährt wie als Techniker, gewiß hat er auch in den ..Phantasien eines Realisten" ein Kunstwerk von eigenartigem Reiz und einzigartiger Schönheit geschaffen — aber größer als alle seine Werke und mögen sie auch noch so groß gewesen sein, war er selbst, der Mensch, der Ethiker Popper-Lynkeus. Im Elend des Koliner Ghettos im Jahre 1838 als Sohn eines armen jüdischen Hausierers geboren, starb er im Jahre 1921 in der Mittellosigkeit des geistigen Proletariats der Wiener Großstadt, sein Leben aber war voll Elend und Not, Krankheit und Sorge, Enttäuschungen und Entbehrungen. Am eigenen Leibe lernte er der Menschheit ganzen Jammer kennen, er wußte es aus eigener Erfahrung, was Hunger bedeute. Und darum sann er all sein Leben darüber nach, wie der entsetzliche Zustand, daß so viele tausende Mitmenschen in Not und Elend, auf den Schlachtfeldern des Krieges und der Wirtschaft, ein vorzeitiges Ende finden, beseitigt werden könnte. In seinem Hauptwerke „Die allgemeine Nährpflicht" weist er den Weg zu einer möglichen Lösung der sozialen Frage. Während für Marx und Engels diese Frage eine blosse Klassenfrage ist, während Sozialisten und Kommunisten mit der Vernichtung des Kapitals und der Erhebung einer Klasse über alle übrigen Schichten der Gesellschaft diese Frage für gelöst erachten, fordert Josef Popper nichts anderes als die Anerkennung des Existenzrechtes jedes einzelnen Individuums ohne Rücksicht auf Klasse, Stand oder Herkunft: „Das Individuum", sagt er, „ist ein Etwas, das nicht aufhören will zu sein, noch nach seiner Art zu sein", und er folgert daraus, daß es die oberste Pflicht des Staates sei, die Existenz eines jeden seiner Bürger zu sichern. Zu diesem Zwecke verlangt er die Umwandlung der menschenmordenden Wehrarmeen in menschenerhaltende Nährarmeen zur Herbeischaffen jenes Minimums an Nahrung, Wohnung und Kleidung, das der Mensch unbedingt zur Erhaltung seines Lebens bedarf. Auf Grund eingehender nationalökonomischer Untersuchungen und umfassender wirtschaftstatistischer Studien führt er den Nachweis, daß eine Dienstzeit von 13 Jahren für Männer und von acht Jahren für Frauen genügen würde, um jenes Existenzminimum herbeizuschaffen. Als Entgelt hierfür bleibt jedem Staatsbürger eben dieses Minimum von der Wiege bis zum Grabe gesichert. Wem diese Dienstzeit als zu lange erscheint, der bedenke, daß die überwiegende Mehrheit der Menschen sich durch ihr ganzes Leben hindurch plagen muß, um auch nur das für das Leben Notwendigste herbeizuschaffen und, falls sie durch Krankheit, Alter oder infolge Arbeitmangels die Erwerbsmöglichkeit verliert, schutzlos dem Elend preisgegeben ist. Während Schopenhauer die Menschen verächtlich als „Fabriksware der Natur" bezeichnet und Nietzsche seinem Uebermenschen das Recht einräumt, sich über alle Sittengesetze hinwegzusetzen, während Carlyle, Spencer und G o b i n e a u in der Ueberschätzung von Genie und Intellektualismus schwelgen, finden wir Popper-Lynkeus auf Seite eines Mosche, eines Buddha und Konfuzius, jener wahrhaft menschlich und daher ethisch fühlenden Geister, die jedes Menschenleben, alles, was Menschenantlitz trägt, hochachten: „. . . du und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd und der Fremdling, der in deinen Toren weilt . . . .", heißt es im Sabbatgebote und selbst das Vieh wird von der allgemeinen Sabbatruhe nicht ausgenommen! Von diesem Geiste unbedingter und bedingungsloser Menschlichkeit, wie wir sie in der Thora und bei den Propheten finden, war auch Josef Popper-Lynkeus beseelt, er war nicht bloß seiner Abstammung nach, sondern vor allem in seinem gütigen und menschlich fühlenden Herzen Jude, sein klares Denken, sein reines Wollen und sein segenvolles Schaffen weisen ihm einen Platz unter den ganz Großen in Israel an. Um diesen Mann zu ehren, hatte sich in Wien ein Komitee gebildet, dem die hervorragendsten Persönlichkeiten angehörten und das die Errichtung eines würdigen Denkmals für Popper-Lynkeus zum Ziele hatte. Die Gemeinde Wien hatte einen Platz im Rathaus park hierfür zur Verfügung gestellt und so konnte Sonntag, den 19. Dezember 1926, 11 vormittags die feierliche Enthüllung des Popper-Lynkeus- Denkmales, eines Werkes des Bildhauers Hugo T a g 1 a n g stattfinden. Zu dieser Feier hatten sich eingefunden: in Vertretung der Gemeinde Wien Vizebürgermeister E m m e l- 1 i n g, in Vertretung der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, die bekanntlich dem großen Denker ein Ehrengrab gewidmet hatte, Präsident Universitätsprofessor Dr. Alois Pick mit Oberrabbiner Dr. H. P. Chajes, der Gemeinderat und Kultusvorsteher Dr. Leopold Plaschkes, das Präsidium und zahlreiche Mitglieder des Vereines „A11ge meine Nähr pf 1 ic)b t", die Witwe Popper-Lynkeus, Frau Anna Popper, Chefredakteur Maximilian Schreier, der Dramaturg des Deutschen Volkstheaters Heinrich Glücksmann, sowie viele Freunde und Anhänger des Verewigten. Der Obmann des Vereines „Allgemeine Nährpflicht" Dr. H a b e c k feierte den großen „Ingenieur der Ethik", der das „Recht zu leben" zum Ausganspunkte seines gewaltigen sozialen Systems gemacht hat. Professor Moritz Schlick zollte ais Wissenschaftler dem großen Philosophen den Tribut der Achtung (der ihm Zeit seines Lebens von den offiziellen Vertretern der österreichischen Wissenschaft verweigert worden war. Anm. d. Red.). Chefredakteur Maximilian Schreier feierte den Denker und Dichter, der in seinen „Phantasien eines Realisten" mit scharfem Geiste und warmfühlenden Herzen in die Tiefen der menschlichen Seele hinabgeleuchtet hat. Nachdem noch namens des Ingenieur- und Architektenvereines Ingenieur Mautner dem langjährigen Mitgliede, dem „großen Maschinen- und noch größeren Menschheitstechniker" in warmen Worten für sein Wirken gedankt hatte, übernahm Vizebürgermeister Etnmer- 1 i n g das Denkmal in die Obhut der Stadt Wien. Möge uns die Tatsache, daß es einem einfachen Juden aus K o 1 i n in Böhmen trotz Not und Entbehrungen, trotz fast unüberwindlich scheinender- Hindernisse, die sich ihm überall entgegenstellten, dennoch möglich war, ein wunderbares ethisches Monumentalwerk von so gewaltigen Dirnenftefeftws C. X 3ipers6erg Tel, 46-2-66, 49-6-30 Wim #/., &v*iterstt!<afle Jl*. 9—11 Tel 46-2-66, 49-6-30 offeriert sein weidkfkatti&es £ager infolge vorgeschrittener Raison zu staunend bittigen(Preisen!