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Die Wahrheit · 1927-01-01 · Heft 1 (1.1.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 1 (1.1.1927)
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT and ihr Kreis für die jüdische Sache sich eingesetzt. Wie in ihrem Hause und dem ihrer an den Geschäftsteilhaber ihres Mannes, Eskeles, verheirateten Schwester Cäcilie in Wien, verkehrten hohe fremdländische Würdenträger auch in dem einer anderen Schwester Sarah, der Gattin des Bankiers L e v y in Berlin. Durch den französischen Gesandten, der sie hochschätzte, konnte sie zur Zeit der Napoleonischen Invasion für ihre Berliner Mitbürger manche Erleichterung der strengen Besatzungsmaßnahmen durchsetzen. Die hervorragendsten Vertreter von Kunst und Wissenschaft sah sie bei sich zu Gaste. Die Kinder ihrer Wiener Schwestern sowie einer dritten, Veilchen (Bella), fielen vom Judentume ab. Sie schreibt hierüber: „Ich komme mir vor wie ein entlaubter Stamm. Alle die Meinigen um mich her sind mir durch ihren Uebertritt zum Christentum in vieler Hinsicht fremd geworden." Eifrig verteidigte sie ihr Judentum, wenn vom Christentum die Rede war. „Da der jüdische Glaube," so sagte sie, „selbst nach dem Ausspruch guter Christen, das Fundament ist, auf welchem das ganze christliche Gebäude sich stützt und aufgerichtet ist. wie kann man mir zumuten, daß ich das Erdgeschoß abbrechen soll, um im ersten Stock zu wohnen?" Wie in dem frommen Elternhause lebte sie religiös, las, sie mit Vorliebe die heiligen Schriften ihrer Religion. Mit ganzer Seele hing sie an den überlieferten Bräuchen und bekämpfte sie die in ihren Kreisen dagegen auftauchende Gleichgültigkeit. Sie erreichte ein Alter von weit über 90 Jahren und bestimmte — sie starb kinderlos — ihr ganzes Vermögen wohltätigen Anstalten. 90.000 Taler allein für das jüdische Waisenhaus in Berlin. Nebenbei sei bemerkt, daß der König Friedrich Wilhelm ein ihr gehörendes Haus durchaus hatte kaufen wollen. Sie wollte sich aber dieses Besitzes, so lange sie lebte, um keinen Preis entäußern. In ihrem letzten Willen — schenkte sie es dem Könige. In einem anderen Hohenzollernstaate, in Hechingen, verstand es ein weibliches Mitglied der bekannten Familie Kau IIa, den Hof für die jüdischen Angelegenheiten günstig zu stimmen. (Die Grabschrift ihres 1810 dort gestorbenen Manne«, des k. k. Rates Jakob von K., von Bensew verfaßt, rühmt diesem gleiches Verdienst nach.) Gegen den Antisemitismus in Deutschland wandte sich 1890 die Witwe Karl von Rothschilds in folgendem, an Wilhelm II. gerichteten (aus dem Englischen übertragenen) Briefe vom 29. März 1890: Ew. Majestät! „Darf eine völlig Fremde Verzeihung hoffen, wenn sie es wagt, Ew. Kaiserlichen Majestät in einer Angelegenheit, die ihr sehr am Herzen liegt, zu nahen? Es ermutigt mich dazu der Gedanke, daß mein seliger Gatte. Baron Karl v. Rothschild, viele Jahre lang durch die Freundschaft und das Vertrauen des hochverehrten Großvaters Ew. Kaiserlichen Majestät ausgezeichnet worden, und daß ich selbst, während eines Zeitraumes von 20 Jahren zahlreiche Beweise gnädigster Zuneigung von Seiten der Kaiserin Augusta empfangen habe, deren Andenken mir stets teuer bleiben wird. Ew. Kaiserliche Majestät haben jüngst eine so erhabene Vorurteilslosigkeit, so tiefes Mitgefühl für die Armen und Bedrückten, so viel Fürsorge, Scharfblick und Festigkeit bekundet, daß es die tiefste Bewunderung erregen, die freudigsten Erwartung nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa erwecken muß. So darf auch ich denn hoffen, den Gerechtigkeitssinn Ew. Kaiserlichen Majestät nicht vergebens anzurufen, wenn ich Sie beschwöre, die Lage Ihrer jüdischen Untertanen in gnädige Erwägung ziehen und hierbei fremdem Vorurteil und Uebelwollen keinen Einfluß gestatten zu wollen. Glauben Sie mir, dieselben gehören zu Ew. Majestät getreuesten und ergebensten Untertanen, und ich denke, es dürfte sich kein einziger Fall finden, wo sie gegen ihr Vaterland sich vergangen hätten. Was ist's, was gegen sie vorgebracht wird? Sie lieben das Geld, heißt es; ihr einziges Begehren sei, Reichtümer anhäufen. Aber welche andere Laufbahn, als die des Handels und Gelderwerbes, ist ihnen offen gelassen worden? In welcher anderen Weise konnten sie ihren Verstand, ihre Beharrlichkeit, ihre Tatkraft zur Geltung bringen? Bis ganz vor kurzem war ihnen nicht ein einziger Amtsberuf, sei es im Bereiche der Wissenschaft, sei es im Staatsdienst, zugänglicli gewesen; Geschlecht auf Geschlecht ging dahin, und sie hatten immer nur eine Möglichkeit vor Augen: diejenige, sich ein Vermögen zu machen. Schon hatte dieser ungerechte Zustand sich glücklich zu bessern begonnen, aber ach!, nun droht er, durch eine seltsame Rückkehr, zu Härte und Vorurteil, aufs neue hervorzubrechen. Eure kaiserliche Majestät ist zu gerecht, zu erleuchtet, um solche Behandlung eines Teiles Ihrer Untertanen Seite 5 zuzulassen: Sie werden dem Antriebe Ihres eigenen Herzens, der Leuchte Ihres eigenen Geistes, dem Zuge der Gnade und der Gerechtigkeit folgen und der Engherzigkeit derer kein Gehör geben, welche dem Geiste ihrer eigenen Religion zum Trotz, die das Erbarmen und Wohlwollen gegen all unsere Nebenmenschen predigt, einen Teil der Untertanen Eurer Majestät, auf dessen Hingebung und Vaterlandsliebe Sie vertrauensvoll rechnen dürfen, verfolgen und mit grenzenloser Ungerechtigkeit behandeln möchten." Hierauf erfolgte nachstehende Antwort: „Seine Majestät der Kaiser und König haben Eurer Hochwohlgeboren Schreiben vom 29. v. M. empfangen. Allerhöchstdieselben vermochten nicht zu erkennen, welche Umstände gerade zur Zeit zum Ausdruck so lebhafter Besorgnisse in betreff der Behandlung der jüdischen Untertanen Seiner Majestät Anlaß geben können, wie selche in Ihren Darlegungen Ausdruck gefunden haben. Seine Majestät umfaßt alle ihre Untertanen ohne Rücksicht auf Stand oder Religionsbekenntnis mit gleichem landesväterlichen Wohlwollen, und die jüdischen Untertanen dürfen auf den allerhöchsten Schutz um so sicherer vertrauen, je mehr dieselben nach Ihrer Versicherung bestrebt sein werden, keiner anderen Klasse der Bevölkerung in Betätigung wahren Patriotismus und echter Bürgertugend nachzustehen. Auf allerhöchsten Befehl habe ich die Ehre, Euer Hochwohlgeboren hiervon ergebenst in Kenntnis zu setzen. Der Geheime Kabinetts-Rath: v. Lucanus. In diesen Rahinen gehört auch die tariere Zusch^ft der Frau Philippine Uli mann in Stadtoldendorf an Wilhelm R a a b e vom 31. Jänner 1903: ..... Meine Lieblingslektüre blieb immer Raabe, ich lebte und litt und lachte mit den Gestalten, die er uns gegeben. Nur die „Chronik der Sperlinggasse" und der „Hungerpastor" blieben mir fremd. Erst jetzt lese ich diesen und sehe, er ist einer Ihrer ernstesten und erziehlichsten Schriften. Sicher ist alles von Ihrer Meisterhand gezeichnet. Man fühlt und erhebt sich an dem Hunger von Hans Unwirsch — man hat ihn selbst besessen, sich daran erfreut bei Mann und Kindern. Dieser Hunger versöhnt uns ja immer wieder mit all der Unbill des Lebens, die nie und namentlich den Juden gegenüber ausbleibt. Und deshalb schmerzte es mich auch so tief, so sehr, daß unser vielgeliebter Raabe neben den egoistischen und zynischen Moses Freudenstein keinen anständigen Menschen unserer Abstammung und unseres Bekenntnisses gestellt hat, und ich fühle mich veranlaßt zu der Frage: Ist Ihnen auf Ihrem langen Lebenswege kein charaktervoller Jude begegnet? Das wundervolle Motto: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da" stellen Sie an den Anfang des Buches. Wie dankbar bewegten mich diese himmlischen Worte! Leider können sie nicht den Schmerz um Moses Freudenstein wegwischen. Entsetzen ergriff mich vor der Lebensanschauung, die Sie ihn vortragen lassen. Darnach sind wir auch in den Au Ken eines Weisen die Parasiten, die nimmer, trotz ehrlichsten Strebens ernst genommen werden können. Und auch Heine, der die Nachigedanken schrieb, die so schmerzhaft die Liebe zur Mutter und zum Vaterland schildern, muß sich diesem Urteil beugen. Der Zynismus vieler meiner Glaubens- und Stammesgenossen, der so widerwärtig auf andere wirkt, ist?uf tiefstem Elend und Schmerz geboren, er ist die Waffe und der Trost derer geworden, die nicht überwinden konnten. Nichts ist systematischer und teuflischer gepflegt worden, wie das Vorurteil gegen uns. Jahrtausende saßen wir in dem dunklen Keller hinter schmutzigen Fensterscheiben, die den Durchblick auf die goldene, wärmende und fröhliche Sonne nicht gestatteten. Ist es da zu verwundern, daß solche bizarre Gestalten geschaffen wurden? Sie wissen es, daß unser Werdegang nur von Blut und Tränen begleitet war, dank den Trägern der Religion, die lehrt, sogar die Feinde zu lieben, die das Gewissen der gedankenlosen Menge und auch kluger Köpfe so durchaus beherrschten und keinen freien Gedanken aufkommen ließen. Deshalb begrüßen wir auch jedes gute, warmherzige Wort mit so tiefer, inniger Freude ..." Raabe antwortet aus Braunschweig am 4. Februar mit herzlicher Wärme: „Behandle ich nicht im ..Hungerpastor" den wirklichen Juden mit allem Respekt? Ist es meine Schuld, wenn Sie den Renegaten noch zu den Ihrigen rechnen? Juden haben in meinem Leben immer mit za meinen besten Freunden und verständnisvollsten Lesern gehört, und daran hat sich bis heute nichts geändert ..." (Fortsetzung folgt)

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