Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 1 (1.1.1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT ilillllül Seite 3 Zionisten die jüdischen Interessen vertreten, prinzipiell falsch ist. Wir sehen also, daß weder durch eine sozialdemokratische noch durch eine jüdischnationale Politik die Interessen des österreichischen Judentums irgendwie gefördert werden können, daß weder die internationale Sozialdemokratie noch der jüdische Nationalismus in der Lage sind, den Gefahren wirksam zu begegnen, die dem österreichischen Judentum in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht drohen. Einzig und allein durch Kampf im Rahmen einer fortschrittlichen und freiheitlichen Partei, durch Zusammengehen mit den übrigen fortschrittlichen und freiheitlich gesinnten Schichten des österreichischen Bürgertums wird das österreichische Judentum gegen alle Angriffe von rechts und links wirksam verteidigt werden können. Aus der Wiener Kultusgemeinde. Die Budgetberatungen. Wieder wurden in drei langen Nachtsitzungen die Beratungen über den Voranschlag für das kommende Verwaltungsjahr durchgeführt. Mittwoch, den 22. Dezember 1926 begann die Beratung, die Donnerstag den 23. Dezember fortgesetzt und Dienstag, den 28. Dezember 1926 beendet wurde. Zu Beginn der Mittwochsitzung brachte zunächst die zionistische Fraktion einen Dringlichkeitsantrag ein, indem sie mit Rücksicht darauf, daß das derzeitige Wahlrecht ihrer Ansicht nach nicht zeitgemäß ist und große Kreise der jüdischen bevölkerung von der Wahl ausscnaltet, die sofortige Einsetzung eines Wahlrechtsreformausschusses verlangte, der dem Plenum Vorschläge über die zeitgemäße Verallgemeinerung des Wahlrechtes zu erstatten hat. Da gemäß den Statuten der Wiener Kultusgemeinde über einen Dringlichkeitsantrag Verdienste anzuerkennen. Niemand wundert sich, daß damals der Mundschenk des Josef nicht gedachte, seiner vergaß, wie es heißt: „Es gedachte nicht der Mundschenk seiner und vergaß ihn'4, denn er war und blieb eine Bedientenseele, deren Dankbarkeit von Vorteil und Nutzen abhängt, aber ein König darf nicht vergessen und dieser Pharao war selbst für Aegypten neu, denn er konnte vergessen, was getan und geleistet worden, wie er vergessen konnte, was er versprochen und gelobt hatte. Er besaß nicht den Edelsinn eines wahren Königs, sondern das harte, verstockte, trotzige Herz eines schlechten Mannes. Treten darum zwei so gegensätzliche Naturen, wie Moses und Pharao einander gegenüber, so gibt es immer einen harten, schweren Kampf. In diesem Kampfe braucht Moses die Hilfe Gottes, die Wunder und Strafgerichte, denn gegen jene gewisse vergeßliche Undankbarkeit und undankbare Vergeßlichkeit kann nur Gott helfen. Sehr bezeichnend, so sagen die Alten, wird das Rettungswerk Moses, dieser Kampf gegen diesen Pharao nicht als Erlösung sondern nur als Befreiung bezeichnet. Denn eine Erlösung von diesen Naturen nach Art Pharaos gibt es bis heute weder für Israel noch für die Menschen. Von diesem Uebel ist die Menschheit noch nicht erlöst. Heißt es doch. beim Untergange der Aegypter am Schilfmeere: „es blieb keiner übrig bis auf einen" und R. Nachman sagt: „dieser eine sei Pharao gewesen", dieser Pharao, der ein König im Vergessen geleisteter Dienste und geleisteter Versprechen war. Gegen dieses Erbteil Aegyptens, das ein Teil der Menschheit so lernbegierig nachgeahmt hat, wird noch lange der dankbare Moses im Kampfe stehen, wie einst wird es vieler Plagen und Wunder bedürfen — aber den endlichen Sieg wird auch dann Moses davontragen, d. h. nicht die Vergeßlichkeit, sondern die Erinnerungsfähigkeit wird zur Regierung kommen und je weiter die Menschheit vorwärtsschreitet, desto mehr wird sie fortschreiten in Dankbarkeit gegen empfangenes Gute, desto weniger vergessen, was ihr an Großem und Wertvollem geleistet wurde. Dr. V. Kur rein. innerhalb von vierzehn Tagen, in diesem Tall« also nächste Woche, zu verhandeln ist, wird uns bald Gelegenheit geboten werden, auch unsererseits zur Frage der Wahlrechtsreform Stellung zu nehmen; so viel sei zu dem Antrag der Jüdischnationalen wie auch zu den in der Budgetdebatte von allen drei Rednern der Vereinigung für soziale Tätigkeit vorgebrachten Wahlrechtsbeschwerden schon heute gesagt: eine Gemeinde, deren Erhaltung im Gegensatz zu dem staatlichen und städtischen Verband lediglich von den Steuerleistungen ihrer Angehörigen abhängt, kann Rechte wohl nur demjenigen verleihen, der ihr auch die notwendigen Pflichten leistet, und wenn diese Pflichtleistung lediglich In der Bezahlung einer Steuer besteht, deren Minimum von 25 Groschen gewiß auch dem Aermsten erschwinglich Ist, so wird man das Verlangen, daß von dieser geringfügigen Steuerleistang auch das Wahlrecht abhängig gemacht werden muß, kaum als „undemokratisch" bezeichnen können, wenn man nicht Demagogie betreiben will. Nach dem Dringlichkeitsantrag erstattete Regierungsrat Dr. H. Oppenheim das Budgetreferat, das diesmal besonders eindrucksvoll deshalb wirkte, weil der Redner in umfassender Weise im allgemeinen und beinahe bei allen Einzelposten Vergleichsziffern erbrachte, die auf eine lange Reihe von Jahren zurückreichten und ein anschauliches Bild der Entwicklung unserer Gemeinde in finanzieller Hinsicht erbrachten. Auch der Aufbau des Budgets gestaltete sich, wie Regierungsrat Dr. Oppenheim selbst feststellte, diesmal anders wie in früheren Jahren, schon in formaler Hinsicht, denn das Ziffernmaterial der Vorlagen war besonders reichhaltig, da das tatsächliche Ergebnis pro 1925, das Präliminare pro 1926, das Ergebnis der abgelaufenen neun Monate wie auch das mutmaßliche Ergebnis des gesamten Jahres 1926 in Berücksichtigung gezogen wurde. Das Präliminare pro 1927 wurde aber auch diesmal in besonders sachgemäßer Weise aufgestellt, da, bevor man es im VertreterkollegiHm behandelte, in allen einschlägigen Kommissionen darüber beraten wurde, welche Beratungen diesmal früher begonnen wurden als in den vergangenen Jahren, ja in Einzelfällen sogar unmittelbar nach den Sommermonaten. Wenn man bereits jetzt einen Rückblick auf das Jahr 1926 auf Grund des Ergebnisses der abgelaufenen neun Monate werfen könne, so muß man feststellen, daß dasselbe sich günstiger gestaltet hat, als es im Präliminare vorgesehen war, denn hier war ein Defizit von rund S 300.000 budgetiert. Bis jetzt hat sich aber bereits ein Plus von S 254.904 ergeben, was hauptsächlich auf bessere Kultussteuereingänge, respektive die Einbringung von Rückständen in dieser Beziehung zurückzuführen ist. Das effektive Defizit wird also voraussichtlich nur rund S 45.000 betragen, aber auch dieser Abgang wird noch ausgeglichen werden können, so daß pro 1926 mit keinem größeren Defizit zu rechnen Ist. vielmehr die Gebarung sich im Gleichgewichte befinden dürfte. Für das Jahr 1927 sind Einnahmen von S 4.773.171 präliminiert, die Ausgaben sollen S 5,012.729 betragen, so daß mit einem Defizit von S 239.558 zu präliminieren sein wird, wobei an Gesamtreserven S 453.500 in dem Budget enthalten sind. Diese gliedern sich in falsche und echte Reserven, d. h. solche, die wohl unbedingt angegriffen werden müssen, und solche, die als tatsächliche Reserven für unvorhergesehene Fälle belassen werden sollen. Bei der Spezifizierung der einzelnen Posten erbrachte der Redner den Beweis, daß es der Wiener Gemeinde, beziehungsweise der geschäftsführenden Mehrheit ernstlich darum zu tun ist, unsere altehrwürdige Gemeinde auf ihrer Achtung gebietenden Höhe zu erhalten und in vielen Belangen den Forderungen der Zelt entsprechend, doch stets im Sinne der in ihr immerdar geübten Tradition auszubauen. Dies beweist vor allem die hohe Ziffer, die für Ausgaben auf dem Gebiete des Fürsorgewesens veranschlagt ist. Auf dar Ausgabenseite dieses Kapitels befinden sich S 1,644.320 (gegenüber S U62.000 im Vorfahre), ein horrender Betrag, der ungefähr 35 bis 38 Prozent dar Gesamteinnahmen entspricht. Besonders interessant waren die Mitteilungen des Budgetreferenten zum Kapitel Kultussteuer. Hier waren für das Jahr 1926 S 1,600.000 präliminiert, das tatsachlich Ergebnis betrug aber S 2,000.000, was auf die oben erwähnt«