Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 1 (1.1.1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT jetzt viel schlechtergeht als in der Zeit, in der sie der sozialdemokratischen Partei in den Sattel geholfen haben". Ja, aber so könnte man einwenden, wir sehen ja de Juden nicht nur als Mit- und Nachläufer, sondern auch 'als Führer der Sozialdemokratie. Je mehr Juden sich unter den Führern der Sozialdemokratie befinden, desto schlechter für uns! Dies aus zwei Gründen: Je größer die Zahl der Juden ist, die sich in der Leitung der sozialdemokratischen Partei befindet, desto stärker wird das Bestreben hervortreten, den „jüdischen Einschlag" durch einen mehr oder weniger offen zur Schau getragenen Antisemitismus wettzumachen. Wir besitzen somit in Oesterreich neben dem konfessionellen und rassischen auch einen wirtschaftlichen Antisemitismus, der gerade von jenen jüdischen Kreisen ausgeht, welche die sozialdemokratische Finanzpolitik dirigieren. Auf der anderen Seite bedeutet die „jüdische Führung41 für uns Juden insoferne eine große Gefahr, als sie geeignet ist, den reaktionären und antisemitischen Parteien billigen antisemitischen Agitationsstoff zu liefern. „Wenn Breitners System zusammenbricht", sagte Oberbaurat Stricker richtig, „dann wird nicht der Sozialdemokrat, sondern der Jude daran schuld sein". Man wird aber nicht ihn allein, sondern die Juden dafür verantwortlich machen, all die Erbitterung, welche die unsinnige Finanzpolitik der Wiener Rathausmehrheit unter den durch sie in ihrer Existenz betroffenen Schichten der Wiener Bevölkerung hervorruft, wird sich dann letzten Endes gegen die Wiener Juden richten, trotzdem gerade sie es sind, welche die Folgen der städtischen Finanzpolitik am schwersten zu spüren bekommen: Daß die Sozialdemokratie gar kein Interesse daran hat, die Stimmung aus dieser Richtung abzulenken, ja ganz im Gegenteil, auch ihrerseits an der antisemitischen Mentalität der Massen profitieren will, ist vom sozialdemokratischen Parteistandpunkt nur zu begreiflich; handelt es sich doch hier nicht um so schöne und herrliche Ideale, wie „Sozialismus" oder „Demokratie", sondern um viel realere Dinge, nämlich um Stimmzetteln bei den kommenden Wahlen* Die höhnische und beleidigende Art der Behandlung aller jüdischen Fragen im sozialdemokratischen Parteiblatt, die fortwährende Gleichsetzung von Juden und Kapitalisten, die absichtliche Verwechslung von Judentum und Kapitalismus, all dies gewährt uns einen Vorgeschmack der weiteren politischen Agitation dieser Partei. Wie stellen sich nun die österreichischen Z i o n i s t e n den Kampf gegen den Antisemitismus der gegenwärtigen Rathausmehrheit vor? Wollen sie ihn etwa dadurch bekämpfen, daß sie durch besondere Betonung des nationalen Gedankens das österreichische Judentum politisch isolieren und auf dessen staatsbürgerliche Gleichberechtigung leichtfertig Verzicht leisten? Oder glauben sie, daß das Zusammengehen mit der nicht minder antisemitischen Gemeinderatsopposition genüge, um die Rechte des Wiener Judentums wirksam zu vertreten? Das Wiener, das österreichische Judentum verlangt Antwort auf diese Fragen und wird sich durch noch so wirkungsvolle und, wie wir gerne zugestehen wollen, auch sachlich berechtigte Gemeinderats- und Versammlungsreden nicht darüber hinwegtäuschen lassen, daß die Art, wie die y—•••..................—•••...................................................................s> y... g;.. Feuilleton Vergeßlichkeit. -Als Pharao sab, daß Erleichterung geworden, verstockte er sein Her» und hörte nicht auf sie, so wie Gott geredet hatte." II, 8, 11 Schon den Alten ist es aufgefallen, daß die Plagen, die über Aegypten kommen, nicht alle ausnahmslos durch Moses selbst bewirkt werden, sondern gerade die drei ersten, Blut, Frösche und Ungeziefer durch Ahron geschehen. Ahron streckt den Stab über die Gewässer Aegyptens, daß sie zu Blut werden, daß Frösche über das Land kommen und schlägt den Staub des Landes, der Üngeziefer hervorbringt. In diesen Fällen ist nicht Moses der Ausführende, sondern Ahron. Daher ist die Frage der Weisen berechtigt: „Warum hat nicht Moses die Plage über das Wasser gebracht?" Die Antwort der Weisen lautet: „Gott sprach zu Moses: Das Wasser des Nil hat dich behütet, als du in den Fluß ausgesetzt wurdest, dem Nil verdankst du deine Lebensrettung, deshalb ist es nicht recht, daß du über den Nil eine Plage bringst. Der Staub der ägyptischen Erde bat deine Tat verhüllt, als du den Aegypter erschlugst und im Sande verscharrtest, so daß sie unentdeckt blieb, darum ist es wiederum nicht recht, daß d u den Staub Aegyptens schlagest." Deshalb geschahen diese Plagen durch Ahron. So unscheinbar diese Lehre vorgebracht ist, so wertvoll und kennzeichnend ist sie für die sittliche Auffassung, die das alte jüdische Schrifttum beherrscht „In den Brunnen, aus dem du getrunken hast, wirf keinen Stein!", so lautet ein Midräschausspruch, der geradezu zum Sprichwort geworden ist und dasselbe besagt, was die Deutung der Alten lehren will. Dankbarkeit gegen empfangenes Gute, ob viel oder wenig, ist sittliches Gebot. Anders aber liest sich die Bemerkung, die die Thora über Pharao, den König von Aegypten niederschreibt: „Als Pharao sah, daß Erleichterung geworden, verstockte er sein Herz." Dieser Pharao konnte schnell vergessen — nicht etwa erlittenes Unrecht und erfahrene Kränkung, sondern das, was er versprochen und gelobt hatte. Solche Vergeßlichkeit, die gerade hei Besserung der Zustände, Verminderung des Druckes und bei der Gunst des Geschickes entsteht, ist für eine undankbare Gesinnung kennzeichnend. Darum stehen Moses, der Führer Israels, und Pharao, der Herr Aegyptens, einander als zwei gegensätzliche Naturen gegenüber. Es ist Moses gewiß nicht leicht gewesen, hat ihn Selbstüberwindung gekostet, gerade bei den ersten Plagen, gerade im Anfange seines Auftretens und Wirkens die Tat, die Größe offenbarende. Ansehen mehrende Ausübung des verheißenen Wortes seinem Bruder Ahron zu überlassen, aber es sollte und mußte sein mit Rücksicht auf eine Dankesschuld gegen fühlloses Wasser und stumme Erde, was vielleicht sogar kleinlich erscheinen mag. Pharao hingegen tritt gleich auf als der, dem das Aufhören einer Plage der willkommene Anlaß ist, zu widerrufen, was er versprochen hat. Darum sagen die Alten im bezug auf diese Stelle der Thora: „Daran erkennt man die Art schlechter Menschen: so lange sie in Not sind, sind sie demütig; sobald die Not vorüber ist, kehren sie zu ihrer Verderbtheit zurück." Diese dem Pharao innewohnende Gesinnung hat nun das Erziehungs- und Bekehrungswerk, das Gott an diesem Aegypterkönig vollziehen will, so erschwert, daß es nicht eines Wunders oder einer Plage bedurfte, sondern ihrer zehn sein mußten. Die Thora nennt diesen König einen „neuen König", denn es heißt: „es stand ein neuer König über Aegypten auf, der Josef nicht kannte." Er wollte Josef nicht kennen, tat, als hätte er nie gehört, was Josef für Land und Leute Aegyptens getan hat. Deshalb war er, wie der Talmudlehrer Raws sagt, wirklich ein „neuer" König. Denn auch in Aegypten war es Pflicht, sittliche und wirkliche Pflicht, daß ein König dankbar sei für das, was zum Wohle und Heile des Landes geschehen ist und geschieht, und neu für alle — Aegypter und Hebräer — war es, daß einer König sein kann, der Josef nicht kennt, Gerade den Großen ziemt es,