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Die Wahrheit · 1927-01-01 · Heft 1 (1.1.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 1 (1.1.1927)
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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£rs*fkeint Jeden 9fceftaft t 30 DIE WAHRHEIT Cesterrei&iscfkeWoifkensdiTift für Jüdisdke Jnteressen Veröffentficftungen der „Ifiiioii deulscftösterr. Juden4* Redaktion und Administration: Wien ##•» Jieinesivojie Jlf. 13 Fmnumt 4*2*10 XLI1I. Jahrgang Wien, 1. Jänner 1927 tf/röf Sozialdemokraten. Große Ereignisse, so . sagt man, werfen ihre Schatten voraus. Groß ist natürlich immer ein relativer Begriff und die kommenden Wahlen, welche die österreichische Politik bereits deutlich überschatten, sind denn auch nur Ereignisse von relativer Größe. Oesterreich steht schon lange nicht mehr im Zentrum der Weltpolitik und das österreichische Abgeordnetenhaus.— schon gar nicht. Ja man könnte noch weitergehen und die für ein demokratisches Staatswesen, das wir zu sein vorgeben, bedauerliche Feststellung machen, daß dieses Parlament nicht einmal mehr die Führung in seinem eigenen Lande besitzt; trotz seiner noch so verzweifelten Versuche, durch gegenseitige Korruptionsbeschuldigungen und die Aufdeckung von großen und kleinen Skandalen das öffentliche Interesse auch mir einigermaßen zu fesseln. Das österreichische Publikum ist müde und abgestumpft, parlamentarische Debatten und Monologe, Untersuchungsausschüsse und Parteiverhandlungen sind ihm gleichgültig geworden. Der Schwerpunkt der österreichischen Politik liegt also außerhalb des parlamentarischen Gebietes, er befindet sich dort, wo die großen Wirtschaftsfragen entschieden werden, jene wahrhaften Schicksalsfragen für Oesterreich, von denen das Wohl und Wehe der vielen Tausende abhängig ist, deren Existenz nicht wie die der Herren Abgeordneten für die Dauer der Legislaturperiode bereits im Vorhinein gesichert erscheint. Darum ist z. B. die Frage, ob wir dieses oder jenes Industrieprodukt in so guter oder doch wohlfeiler Qualität produzieren können, daß es im In- und Auslande konkurrenzfähig auftreten kann, für uns wichtiger als endlose Debatten im Untersuchungsausschuß — und das ist auch der Grund, warum das scheinbar in Agonie liegende Wiener Bürgertum anläßlich der Budgetdebatte im Wiener Gemeinderat leidenschaftliche Erregung bekundete; handelt es sich doch um nichts geringeres als um die Frage, ob der rücksichtslose Steuersadismus der sozialdemokratischenMachthaber die Erwerbsgrundlage zahlreicher Kreise der städtischen Bevölkerung zu vernichten geeignet ist oder, nicht. Wer mit offenen Augen* das geschäftliche Leben, wie es w i r k 1 i ch ist, und nicht, wie es Äe Parteibrillen zeigen, betrachtet, wird diese Träge leider bejahen müssen, und er wird auch zugeben müssen, daß die Art und Weise, wie ip der Qemeinde gewirtschaftet wird, sich nur wenig von dem Gehaben eines Mannes unterscheidet, der trotz schwierigen Geschäftsganges so und so viele Millionen aus seinem Unternehmen herausnimmt, um sich seine Wohnung mit allem modernen Luxus und Komfort einzurichten. Man sollte meinen, daß ein so kurzsichtiges und nur auf äußere, parteipolitisch verwertbare „Erfolge" abzielendes Verhalten, wie es die Majorität des Wiener Gemeinderates an den Tag legt, das jüdische Bürgertum, das hierunter besonders schwer leidet, zu weiteren Schritten veranlassen sollte als es die wenn auch noch so entschiedene Ablehnung des Breitnerschen Systemes ist, zu Schritten, die auch im Hinblick auf (fie in nicht zu langer Zeit erfolgenden Wahlen sehr am Platze wären. Was sehen wir indessen? Auf der einen Seite eine große Zahl jüdischer Angestellter und in freien Berufen stehende Juden, die der Sozialdemokratie willenlos Gefolgt schaft leisten, auf der anderen Seite eine allercfings nur einen Bruchteil der Wfener jüdischem Bevölkerung darstellende Zafcl von Glaubensgenossen, welche sich um die jtidischnätionale Fahne scharend, in Oesterreich MinoritätspoKtik betreiben wollen und sich so selbsttätig aus dem öffentlichen und staatlichen Leben ausschälten — eine Politik, deren Widersinnigkeit und Gefährlichkeit schon oft von uns geschildert wurde —, während jener Teil des jüdischen Bürgertums, welcher kFaft seiner Stellung im öffentlichen Leben, in Wirtschaft und Gesellschaft, kraft seiner politischen Reife und seiner jahrzehntelangen politischen Erfahrung zur Vertretung der jüdischen Interessen in erster Linie berufen erscheint, sich vollständig passiv verhält und' den korn^ menden Ereignissen mit einer schon an Leichtsinn grenzenden Gleichgültigkeit entgegensieht. Welches sind nun die Früchte einer, derartigen politischen Betätigung? Was die sozialdemokratischen Nachläufer oder „Mitläufer", wie sie das „Neu W i e n e r T a g b I a 11" in seinem Leitartikel voi 10. Dezember sehr richtig nennt, anbelangt, so sinl wir bezüglich ihrer „Erfolge" mit Gemeinderaf Dr. Plaschkes einer Meinung, wenn er in einer jüngst abgehaltenen zionistischen Versammlung gesagt hat, daß es „den Juden in Wien und Oesterreich, ohne Rücksicht darauf, ob sie Unternehmer oder Angestellte, manuelle oder geistige Arbeiter shn£

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