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Die Wahrheit · 1929-12-27 · Heft 52 (27.12.1929) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 52 (27.12.1929)
Date
1929-12-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 * DIE WAHRHEIT * «■ i den verankerte Gedanke der Demokratie und Gleichberechtigung die Triebfeder ihrer Handlungsweise war. Am 7. Dezember d. J. ist die Verfassungsreform Gesetz geworden, die furchtbaren politischen Kämpfe, die jeden Tag zur blutigen Revolution auszuarten drohten, sind beendet und der österreichische Staat, dessen Wirtschaft gerade durch diese Verfassungskämpfe katastrophal gelitten hat, geht hoffentlich besseren Zeiten entgegen. Es soll endlich wieder denStaatsbürger die Möglichkeit geboten sein, irei von politischen Kämpren einer wirtschaftlichen Entwicklung nach aufwärts entgegenzusehen. Die nächste Aufgabe der Regierung soll die Beschaffung der Anleihe, die Wiederauirichtung der schwer leidenden Industrie und die Wiederbelebung des Handels mit dem Auslande sein. Die Arbeitsiosenziifer, die gerade in der letzten Zeit in einer Weise angestiegen ist. die zu schweren Bedenken Anlaß gibt, soll durch eine geordnete Wirtschaft, durch eine produktive Fürsorge herabgemindert werden. Friede und Ordnung sollen endlich nach diesen schweren Tagen in unserem Staate einziehen. Die Ausländer sollen wieder nach Oesterreich kommen, sie sollen wieder in Oesterreich Bestellungen machen, sie sollen wieder in Oesterreich Kapital investieren. Um diese wirtschaftliche Sanierung — wenn ich es so bezeichnen darf — zu erreichen, muß endlich damit auigehört werden, in Oesterreich noch immer Gewaltpolitik zu betreiben. Es geht nicht mehr an, daß die Heimwehrzeitungen einen Aufruf erlassen, in dem sie mitteilen, daß die Verfassungsreform nur die erste Etappe sei und daß nunmehr der Helm fester geschnürt werden müsse, um zu neuen Kämpfen bereit zu sein. Es geht nicht an, daß der Schutzbund erklärt, er werde nach wie vor über die Freiheit des Volkes mit den Waffen wachen. Solange sich Formationen gegenüberstehen, die mit Ausdrücken, wie „Gewehr bei Fuß", „Helm fester schnüren" usw. jonglieren, solange wird in Oesterreich keine Ruhe sein und es ist meiner Meinung nach der Appell vor allem an die Juden zu richten, in der Abrüstungsfrage eine einheitliche Stellung einzunehmen. Alle zusammen mögen dafür eintreten, daß in Oesterreich nur die Waffen des Geistes und nicht Feuer und Schwert geeignet sind, die innerpolitischen Verhältnisse zu ordnen. Wir haben eine glänzend organisierte Polizei, wir haben ein Bundesheer und eine Gendarmerie, die als Machtfaktoren des Staates über die Aufrechterhaltung der Ordnung zu wachen haben. Es ist nicht notwendig, daß neben diesen Formationen noch andere bewaffnete Formationen ihr Soldatenspiel betreiben. W o 11 e n denn diejenigen, welche diese Formationen fördern und unterstützen, nicht endlich begreifen, daß sie sich ins eigene Fleisch schneiden? Die Forderung nach der allgemeinen Abrüstung, die notwendiger ist als die Verfassungsreform, ist also der einzige Weg zum Wiederaufbau unseres Staates. (Bravorufe.) Der Referent sprach noch über die allgemeine Politik, die nun die „Union" im öffentlichen Leben zu verfolgen hätte: Wir sind seit jeher auf dem Standpunkte gestanden, daß alle Juden dieser Stadt in der „Union deutschösterreichischer Juden ihren Platz finden können, falls sie bereit sind, für die volle Freiheit der Juden als Staatsbürger, für ihre Gleichberechtigung in jeder Beziehung mit den übrigen Staatsbürgern einzutreten, und falls sie anerkennen, daß wir fordern müssen, in diesem Staate alle Rechte zu besitzen, die jeder andere Staatsbürger besitzt, da wir ja alle Pflichten ebenso auf uns nehmen müssen. Es wird wohl keinen Juden in Wien geben, mag er vom jüdisch-politischen Standpunkte in dem einen oder anderen Lager stehen, der nicht überzeugt sein müßte, daß die Schritte, die die „Union" zur Aenderung einiger Bestimmungen des Verfassungsentwurfes getan hat, im Interesse aller Juden gelegen waren. Diese Tatsache beweist wieder, daß die Judenschaft Wiens sich zur Wahrung ihrer jüdischen Interessen in diesem Lande notwendig zusammenschließen muß. Da jeder Bürger dieses Staates als Bürger gezwungen ist. zu den politischen Verhältnissen in diesem Staate Stellung zu nehmen, so muß auch die „Union" sich eine Politik zurechtlegen, die sie in Zukunft betreiben muß, um einerseits die jüdischen Rechte aller Juden zu wahren, anderseits aber den politischen Ideenkreis ihrer Mitglieder nicht zu verletzen. Es hat in diesem Verfassungskampfe nach dem richtigen Worte des Bundeskanzlers Schober weder Sieger noch Besiegte gegeben und ich glaube, daß dieser Ausgang für uns Juden däe einzige Möglichkeit bedeutete, ohne persönliche Opfer davonzukommen. Wer immer von beiden Parteien als Sieger hervorgegangen wäre, der hätte den Juden, weil ja gerade bei uns Juden so gerne generalisiert wird, Vorwürfe über Vorwürfe gemacht. Wir wissen es ja alle zu genau, dal! auf der einen Seite von „jüdischen Kommunisten" und auf der anderen Seite vom „jüdischen Kapital" gesprochen wird. Wir Juden werden immer der Prügelknabe bleiben. Ich glaube also nicht, daß es zweckdienlich wäre, wenn die „Union" für die eine oder für die andere der großen Parteien eintreten würde, sie muß vielmehr eine mittlere Linie gehen, deren Richtung durch das Festhalten einzig und allein an dem Interesse aliler Juden vorgeschrieben ist. Wir dürfen nicht in dasselbe Horn blasen, in. das die großen Parteien blasen, wir dürfen nicht behaupten, daß die Führer der Sozialdemokraten in Oesterreich als Juden Führer der Sozialdemokratie sind, sie sind es als Sozialdemokraten. Ebensowenig aber darf man uns zum Vorwurf machen, daß wir die Führer des Kapitalismus wären. Auch dort sind die Juden nicht als Angehörige des jüdischen Glaubens Fühxer, sondern nur deshalb, weil sie durch ihre wirtschaftliche Einstellung glauben, für diese Politik Interesse nehmen zu müssen. Die Nächstenliebe, die uns Juden als ein heiliges Vermächtnis von unseren Ahnen übertragen wurde, die Ideen des Judentums, die der Welt die Kultur gegeben haben, diese Ideen der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit, sie sind geeignet, uns Juden wachzurütteln, uns aufzurufen, gemeinsam vorwärtszustreben im Kampfe für den Frieden unter den Menschen. Ich glaube, daß diesem heiligen' Kampfe sich alle Juden ohne Rücksicht auf ihre politische Stellung ausschließen sollten. Lauter Beifall folgte diesen Ausführungen. Ing. Hugo Koditschek beschäftigte sich in ausführlicher Weise mit der wirtschaftlichen Situation Oesterreichs, an der wir Juden als Kaufleute und Gewerbetreibende besonderes Interesse haben. Er schilderte; die schlechte Wiirtschaftslage, in der sich Oesterreich derzeit befindet, und zeigte die Gründe auf, die zu diesem auf die Dauer unhaltbaren Zustande führten. Er schloß mit den Worten: „Vor allem muß die Kampfstellung zwischen Stadt und Land aufgegeben, zwischen Arbeiterschaft und Bürgerlichen der Friede hergestellt werden. Die erdrückende Mehrheit der österreichischen Bevölkerung in Stadt und Land will Ruhe und Frieden! Die produktive Fürsorge kostet weitaus weniger als die Ausgabe füir; den latenten Bürgerkrieg, der nur einen Entfall der Einnahmen mit sich bringt. Deshalb muß endl'ich ein Geist ausgleichender Versöhnung in unsere Politik und Verhaltung einziehen!" Hoirat lng. Josef Löwy beleuchtete die Verfassungskämpfe vom Standpunkte des Historikers. Er erzählte eine Jugenderinneruing, wie er als Student beim Besuche der Oper auf der vierten Galerie stets die glücklichen .Besucher des Parketts beneidet habe. Als er dann selbst im Parkett der Vorstellung beiwohnte, da verlor das Theator bei weitem jenen Glianz. mit dem es von der Galerie herab auf ihn gewirkt hatte, denn die Möglichkeit, Orchester und Bühne von der Nähe beobachten, wirkte desillusionierend. Diese Jugenderrnnerung, aus der der Redner die Lehre gezogen hatte, daß man, um ein Urteil über Dinge zu gewinnen, sich nicht in die Dinge setzen dürfe, wählte Hofrat Löwy zu einem Vergleich mit dem österreichischen Theater-, in dem seit dem Jahre 1918 ein Revolutdonsstück gespielt wird, dessen Ende kein Mensch voraussehen kann. In dem Orchester spielen die Musikanten .rechts und links ein verschiedenes Spiel, ohne selbst auf die Noten zu schauen. Auf der Bühne wird Volksgetümmel agiert, das einmal mehr nach rechts und einmal mehr nach links wogt. Es zeigt sich hier die Tragik aller KLEIDERHAUS SCHACHTER XII., MEIDl. HAUPTSTR. 26 - TEL R 313 76 Größte Auswahl in fertigen Herren- und Knabenkleidern in besterQuaiität jm^ Eigene Werkrt&tte für feine Mafi arbeit. f^C

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