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Die Wahrheit · 1929-12-27 · Heft 52 (27.12.1929) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 52 (27.12.1929)
Date
1929-12-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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DIE WAHRHEIT **** Seite Ii l%rcffei%tlicktti%&ei\ %Jl der linien deutschest evveicKifchev Juden IX. Werqgarfo 4 *TtLJei^i9J2-77 Die Stellung der „ Union" zu den Verfassungskämpfen. Donnerstag, den 19. d. M., fand im Restaurant Tonello ein sehr stark besuchter D is k u ssionsabend der „U n i o n" mit dem Thema „Unsere Stellung zu den Vierfassungskämpfen" statt. Der Vorsitzende, Herr Präsident Dr. Jakob Ornstein. teilte in seiner einleitenden Rede mit, daß Henr Bundeskanzler Schober, dem die „Union" anläßlich der Verabschiedung der Verfassungsreform ihre Glückwünsche ausgesprochen, diese in freundlicher Weise beantwortet hat. Dr. Ornstein beschäftigte sich hierauf mit einer Erscheinung der letzten Tage. die in uns höchste Befriedigung und Stolz ausgelöst. Herr Graf R. N. Coudenhove-Kalergi hat der Neuauflage des ausgezeichneten Werkes seines Vaters, des Grafen Richard Coudenhove-Kalergi, eine Einleitung über die Mission des Judentums gewidmet, die uns mit besonderem Danke für diesen trefflichen Sohn eines großen Vaters und für den Friedenspolitiker, dessen Name in allen fünf Weltteilen besten Klang besitzt, erfüllt. Dieser hervorragende und ausgezeichnete Mann hat in dieser Schrift Gedanken und Auffassungen niedergelegt, die seit Jahrzehnten Programm und Grundlage der „Union" sind. Seine Anschauung, daß die Judien nur nach dar Religion eine besondere Spezies darstellen, in allen anderen Beziehungen aber gleichberechtigte und gleichverpfliohtete Bürger jener Staaten sind, in denen sie leben, ist auch Gemeingut in unserer Vereinigung und es kann uns nur in dem Kampf für unsere Grundsätze immer mehr befeuern, daß ein Graf Coudenhove-Kalergi dieses unser Programm von seinem Standpunkt aus verfochten hat. (Starker Beifall.) Dr. Ernst Feldsberg führte in seinem einleitenden Referate unter anderem aus: Als am 18. Oktober d. J. Bundeskanzler Schober den von seinem Amtsvorgänger übeirnommenen Entwurf für eine Vertassriingsreform dem Nationarrat vorlegte, gingen die Wogen der Politik in diesem Lande derart hoch, daß man befürchten mußte, daß das Staatsschirf, von diesen Wogen gepeitscht, irgendwo an einer Klippe zerschellen werde. Zwei mächtige politische Parteien standen sich mit bewaffneten Formationen gegenüber. Auf der einen Seite die Heimwehr, die sich als „Volksbewegung" bezeichnete und erklärte, unter dem Druck ihrer Waffen die Verfassungsreform in allen ihren Punkten durchsetzen zu müssen, auf der anderen Seite der republikanische Schutzbund, der seinerseits behauptete, die Errungenschaften der Demokratie in diesem Staate unter allen Umständen verteidigen zu müssen. Auf der christlichsozialen und sozialdemokratischer Seite aber gab es gemäßigte Elemente, welche bemüht waren, gemeimsam mit Bundeskanzler Schober die Verfassungsreform auf legalem Wege durchzusetzen. Es würde zu weit führen, wenn ich die einzelnen Phasen dieses Verfassungskampfes noch einmal vor Augen führen wollte. Ich kann wohl damit rechnen, daß wir alle froh darüber sind, daß diese äußerst kritische Zeit nun endlich hinter uns Hegt. Ich glaube aber, daß es für uns Juden doch immerhin interessant ist, uns mit der Frage zu beschäftigen, welche Stellung die Juden Oesterreichs zur Vorlage der Verfassungsreform einzunehmen hatten und welches Interesse die Juden an der nunmehrigen Verfassunigsreform haben. Wir haben bisher in allen Zeitungen und allen öffentlichen Versammlungen nur immer vom staatspolitischen Interesse die Verfassung beleuchtet gesehen, vom jüdischen Standpunkt aber wurde über die Verfassung sehr wenig öffentlich gesprochen. Es ist allen bekannt, daß sich Juden in allen Lagern der politischen Parteien in Oesterreich befinden. Die Juden sind in einer gewiß sehr großen Anzahl in der sozialdemokratischen Partei vertreten, sie gehören in einer großen Anzahl den bürgerlich gemäßigten Parteien an und sie gehörten — was mir unverständlich erscheint — Gott sei Dank aber nur zum geringen Teile auch der Heimwehr an Wir Juden sind durch traditionelle Schulung unserer Gehirne, durch traditionelle Schulung unserer wirtschaftlichen Betätigung zum großen Teil auf das Gebiet des Handels und der Privatwirtschaft gedrängt worden. Schon im Mittelalter wurde uns Juden der Erwerb von Grund und Boden, die Teilnahme an der öffentlichen Verwaltung, die Ausübung einer großen Reihe von Handwerken verboten. Zusammengepfercht in den Mauern des Ghetto mußten unsere Ahnen ihr Dasein fristen. Die großen Lchensherren, welche auf Grund der Lehren der katholischen Kirche an dem Verbot des Zinsennehmens festhielten, versuchten den Gegenwert für den Entgang der Zinsen aus Tributen zu bekommen, die sie den Juden auferlegten. War es also ein Wunder, wenn die Juden unter allen Umständen versuchten, zur Rettung ihres Lebens durch die Betätigung des Handels als einzig gestattetes Recht die Gelder aufzubringen, um diesen Tribut zu leisten? Zu all dem kam noch, daß unsere Ahnen uui jüdisch-wissenschaftlichem Gebiete eine Schulung genossen, die sie im Verhältnis zu ihren Mitbürgern befähigte, die Idee der Wirtschaft in höherem Maße zu verstehen und zu begreifen. Ist es also zu verwundern, wenn wir Juden heute noch kraft dieser traditionellen Schulung, kraft der bis in die späteste Neuzeit bestandenen Judenverbote auf wirtschaftlichem Gebiete uns betätigen? Ist es also zu verwundern, daß ein großer Teil der Juden als Kaufleute in Oesterreich für eine bürgerliche Regierung, für eine bürgerliche Verfassung in diesem Staate eintritt? Ebenso aber ist es verständlich, daß sich Juden im Lager jener befinden, welche den Kampf für die Freiheit und für die Gleichheit aller Menschen aui ihr Panier geschrieben haben. Der Freiheitsgedanke, der uns Juden schon durch unseren Glauben vermittelt wird, er wirkt sich auch im Privatleben des Juden aus. Nach unserem Glauben sind alle Juden ohne Unterschied des Standes und des Landes gleichberechtigt. Wir haben keinen Mittler zwischen uns und unserem Gotte, das idealste Prinzip der Gleichberechtigung ist in unserem Glauben durchgebildet. Ist es da zu verwundern, daß Menschen, die eine solche religiöse Schulung seit Jahrtausenden genossen haben, diejenigen waren, welche im Freiheitskampfe immer an der Spitze gestanden sind, sich für jede Idee begeistert haben, welche die Ketten der Unfreiheit abzuwerfen verhalf. Es wurden also die Verfassungskämpfe in Oesterreich von den Juden politisch verschieden beobachtet. Es ist daher sehr schwer, eine einheitliche politische Stellung aller Juden zum Verfassungskampf zu finden, wohl aber scheint es notwendig zu sein, die Verfassungsreform, wie sie jetzt besteht, und den eingebrachten Verfassungsentwurf daraufhin zu prüfen, ob der Entwurf, bzw. die neue Verfassung, für uns Juden vom rein jüdischen Standpunkte aus interessant ist. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, hob der Referent vor allem jene drei Momente heraus (Notverordnungsrecht, Volksabstimmung, Verfassungsgericht s h o f), die wir bereits in unserem Artikel „Sieg der Vernunft" in Nummer 50 der „W a h r h e i t" ausführlich behandelten. Es war, führte Dr. Feldsberg unter großem Beifall aus, eine der ersten Aufgaben der „Union", gegen diese Bestimmungen des Verfassungsentwurfes Sturm zu laufen. In sehr ernsten Beratungen haben wir dazu Stellung senommen und haben eine Eingabe an den Herrn Bundeskanzler Schober (siehe ebenfalls Nr. 50 der „W ahrh e i t") gerichtet. Der Erfolg sprach für die gerechtfertigte Forderung der österreichischen Judenschaft und es steht unumwunden fest, daß die „Union deutschösterreichischer Juden" getreu den Bestimmungen ihres Programms als einzige Vereinigung der österreichischen Judenschaft den Mut besessen hat, offen gegen diese Bestimmungen anzukämpfen. Durch diese Stellungnahme hat die „Union" neuerlich bewiesen, daß der tief im Herzen der Ju-

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