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Die Wahrheit · 1929-12-27 · Heft 52 (27.12.1929) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 52 (27.12.1929)
Date
1929-12-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT HiHHOTl" Seite? Zusammengehörigkeitsgefühl, das gewohnheitsmäßig auf diese Weise in das Herz der Familienmitglieder gepflanzt wird, kann nicht so leicht durch äußere Einflüsse zerrissen werden. Die Pietät, die uns immer wieder im Vaterhause gelehrt wurde, sie bildet wohl einen essentiellen Bestandteil unseres Denkens und Fühlens. Wir können es immer wieder beobachten, daß wir Juden bei dieser oder jener Handlung Vater oder Mutter zitieren und immer wieder uns zurückerinnern an die schönsten Stunden unseres Lebens. Es muß also ein gewisses Fluidum sein, ein unzerreißbares ideelles Band, das uns mit unserer Familie verbindet. Das mag auch der Grund sein, warum wir gerade den Begriff der Pietät bei uns Juden ganz besonders ausgebildet finden. Unsere Religion führt uns immer wieder vor Augen die Nichtigkeit dieses Lebens und ruft uns immer wieder in unser Gedächtnis-zurück die Worte des alten griechischen Philosophen: „Denke daran, daß du ein Mensch bist." Müssen wir nicht, wenn wir am Jaum Kipur die Sterbekleidcr anlegen, daran erinnert werden, wie eitel und nichtig dieses Dasein ist? Müssen wir nicht einsehen, daß wir, wenn wir einst diese Welt verlassen, nur dann verklärt weiterleben können, wenn wir unsere Monumente im Herzen unserer Mitmenschen gesetzt haben? Lehrt uns nicht gerade unsere Religion durch den Totenkult die Gleichheit aller Menschen trotz ihrer verschiedenen sozialen Schichtung? Ist es nicht für jeden Menschen ein erhebendes Gefühl zu wissen, daß er nicht untergeht imVergleich zu seinen Mitmenschen, sondern daß er ideell genau"das Gleiche ist und bleibt wie alle anderen, wenn er auch draußen im praktischen Leben weniger zu sein scheint? Man muß sich nur in die Lehren unserer Religion und Tradition vertiefen, um verstehen zu können, wie sehr diese Lehren dazu berufen sind, den inneren Menschen zu stählen und zu festigen. Völker kamen und gingen, Generationen, die längst vergessen sind, sind über diese Welt gezogen, sie alle aber hat das Judentum, die jüdische Religion überdauert. Lieber Scheiterhaufen, auf denen die Juden für ihren Glauben sterben mußten, über die Foltern des Mittelalters, über die Pogrome der Neuzeit hinweg, über Nationalismus und Chauvinismus hat das Judentum seine Getreuen geführt. Die großen Umwälzungen vom frühesten Altertum bis in die Neuzeit konnten an diesem Bollwerk nicht rütteln. Alle Versuche der Ausrottung sind schmählich gescheitert. Und doch sind wir mit der Kultur fortgeschritten und sind gewiß, das kann uns niemand nehmen, in der Kultur bahnbrechend voranmarschiert. Was ist es also, das uns den inneren Halt gegeben hat? Was ist es, das uns alle Unbill und Schicksalsschläge der Zeit ertragen ließ? Ich glaube, daß die hehren Ideale, die uns unser Glaube lehrte und lehrt, daß die tiefe Kultur, die ehrliche Moral und Ethik, die in diesem Glauben liegen, uns alles überdauern iieß. Es kann also für die Vorkämpfer jüdischer Ideale nur eine Losung geben: „Religiöses Judentum!" Umschau. Der „W eltspiege 1", die Beilage des „Berliner Tageblatt", bringt einen Bilderbericht aus dem — „G h e 11 o" Newyorks. „Ghetto" wird in dem Artikel mehrmals wiederholt. „Ghetto" hin, „Ghetto" her, „Ghettojuden" und ähnliches. Aus diesem Artikel erfährt der Leser, daß Newyork ein jüdisches „Ghetto" mit zwei Millionen Juden hat! Da staunt man, was? Nicht über die zwei Millionen Juden, sondern über das „Ghetto" des „Weltsptegels". In dem Berichte heißt es, daß diese zwei Millionen ..Ghettojuden" Elendsgestalten sind, die dort eine Art Osten errichtet haben. Jedenfalls ist der Sinn des Berichtes, oder besser gesagt seine Gesinnung, so. Der gläubige Leser bekommt die Ansicht, daß dieses „Ghetto" ein Schandfleck Newyorks sei, aus dem nur einzelne Begnadete herauskommen, um sich der Außenwelt einzufügen. Die Verfasserin des Artikels hat entweder nicht gesehen, oder sie will nichts gesehen haben, denn sonst hätte sie nicht so oberflächlich und entstellend geschrieben. Oder — sie hat von Berlin den Auftrag bekommen, über Newyorks „Judenghetto" zu berichten, und so, hört ihr, hat sie eben „berichtet". Sie hat nicht berichtet, daß gerade jene zugewanderten Juden es sind, die sich mehr als es gut ist, der Außenwelt anpassen, in wenigen Jahren von den „Eingeborenen" nicht mehr zu unterscheiden sind und überhaupt sich nicht schnell genug ausgrünen können. Es ist komisch, wenn man im Jahre 1929 von einem „Ghetto" schreibt, und ausgerechnet — von einem N e wyorker „Ghetto". Die Berichterstatterin schreibt, daß der Amerikaner den „Kike", den zugewanderten Juden haßt. Das stimmt. Aber er haßt ebenso den zugewanderten Italiener, den Spanier, den Polen. Russen und — auch den Deutschen. Der Amerikaner haßt überhaupt alles Zugewanderte, schon allein, weil er in ihm einen Konkurrenten sieht. Es ist töricht, wenn jeder Artikel andeuten will, der Amerikaner hasse im Juden den Juden. Bessere, hellsichtigere Berichterstatter schildern jene zwei Millionen „Ghettojuden" anders, als. das Fräulein Berichterstatterin des „Weltspiegels", das durch den Anblick der „Kaftanjuden" zum Schlüsse kam, der Amerikaner müsse diese „Gestalten" hassen. Dem ist, Gott sei Dank, nicht so. Der Amerikaner weiß, weiche wichtige Rolle gerade jene „Ghettojuden" in Newyork spielen. Er weiß, daß diese „Ghettojuden" eine mächtige Presse, eine wertvolle Literatur, eine hochentwickelte Kunst, ein großartiges Schulwesen und ein noch großartigeres Sportleben haben. Er weiß, daß viele, die heute in der Filmbranche Amerikas führend sind, zu jenen zwei Millionen „Ghettojuden" zu zählen sind; er weiß, er weiß noch viel mehr, was die Berichterstatterin nicht weiß. Und was ich über die zwei Millionen „armen", „elenden" „Ghettojuden" weiß, weiß sie auch nicht. Ach, sie weiß fast gar nichts. Sie hat nur das Newy orker „Ghetto" mit der Berliner Grenadierstraße verglichen, und da sie weiß, daß jeder einigermaßen anständige Berliner die Grenadierstraße zu hassen, als erste Bürgerpflicht hält, so verwechselt sie Newyork mit Berlin und tut damit den Amerikanern bittar Unrecht. Professor Dr. Heinrich Löwe hielt kürzlich einen Vortrag in der Berliner „Gesellschaft für jüdische Familienforschung" über die Entstehung von jüdischen Namen. Der Vortrag ist überaus interessant und lehrreich. Am meisten erfreut mich Professor Lowes Feststellung, daß der Name „Seldte" ein echt jüdischer sei! Hier die Begründung: Im Mittelalter legten sich viele Juden den Namen „Glück" bei. „Glück" hieß in damaliger Sprache „Salida"; aus „Salida" ist „Seide" geworden und aus „Seide" — „Seldte"! Könnt ihr lieben Leute euch ausmalen, was das heißt? Das heißt: daß der Magdeburger Likörfabrikant und. S t a h 1helmführer Seldte — jüdischer Herkunft ist! Wenn die Völkischen nun irgendein bißchen Charakter haben, so schließen sie sofort ihren Bundesgenossen aus Magdeburg aus; es wäre sonst äußerst blamabel und geradezu katastrophal für die völkische Bewegung. Ich habe aber noch zwei Ausschlüsse zu empfehlen, und zwar — die Herren Münchmeier und Hitler! Ich habe, angeregt durch die Forschung des Professor Löwe, auf eigene Faust eine Art Forschung unternommen. Der Erfolg ist nicht von der Hand zu weisen: Die Namen „Münchraeier" und „Hitler" sind echte jüdische Namen. Hier die Beweise: Wir stellen zunächst das Wort „Münch" auf die Seite und untersuchen den „Meier". „Meier" ist das ursprüngliche hebräische „m e'i r" — das heißt zu Deutsch: „aus der Stadt". Und nun „Münch", das ist die Abkürzung von „München". Als Münchmeiers Vorfahren zur Namensanmeldung kamen, fragte sie der Beamte: „Wo seid's ihr her?" Da antworteten sie in einem fließenden Hebräisch: „me'tr München". Darob Kopfscbüttein des Beamten. Kurz und gut, man übersetzte und verdeutschte diese drei Worte und damit es schneller ging, stellte der bayrische Beamte aus dieser Antwort den Namen im reinsten Urbayrisch zusammen und registrierte folgendermaßen: „Von jetzo abi hoast's ihr .Münchmeier' und damit san mi ferti! Ihr könnt's gehen!" Und nun zu Hitler. In der Tschechei hießen alle jüdischen Hutmacher „Hütler". Als dann so ein Hütler zur Namenanmeldung kam, zerbrach er sich nicht erst lange den Kopf und bat, sich doch nach seinem Beruf benennen zu dürfen. „Gemacht", sagte da der Jude, „soll sein .Hütler' und soll es mit masel sein!" Später ist aus dem Namen „H ü 11 e r" „H i 11 e r" geworden und noch später aus „Hitler" der völkische Oberantisemit Adolf Hitler! So entstanden die Namen der beiden „großen" Antisemiten Münchmeier und Hitler. Und nun, ihr Herren Völkischen, drei Ausschlüsse, bitte, aber ein bißchen rasch! Sollten nunmehr noch ein paar Völkische Interesse an der Erforschung ihrer Herkunft haben, so stehen der Herr Professor Löwe und meine Wenigkeit gerne zur Verfügung. Josef Kaplan.

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