Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 52 (27.12.1929)
- Date
- 1929-12-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 MS WAHRHEIT Ungarische Mastgänse S 3-20 Mährische Lebergänse „ 3-40 Gansfetf kg „ 4-— Geräucherter Gansbllgel per Stück s 3.— „ Gansbrust „ „ „ 7-— Stadtu. Provinzversand pr. Tel. A14-4-87 Karl Faludi, XIX., Döblinger Haupt st roße 88 Jode$mteii@ im HmUgen Land. Der Berliner „Kreis jungjüdischer Pazifisten" bittet uns um Veröffentüfchung nachstehender Ausführungen: Das Nachspiel hat begonnen, die« Gerichte gehen an die Arbeit. Strafen werden verhängt, Kollektivbestrafungen, die a& regelrechte Kriegsmethoden erinnern und scheinbar noch zum eisernen Bestand der Zivilisation gehören, die man «in k^ofliaie oder halbkoloniale Länder zu tragen berufen ist. Upch Todesurteile werden gefällt; werden jetzt von den Berufungsgerichten „bestätigt". Mankennt diese Aktionen der Justiz. Die paar aufgehetzten Bösewichte werden natürlich schonungslos dem Arm der Gerechtigkeit ausgeliefert — wie überall — dfe tatsächtfehen Ursachen und Urheber dürfen straflos hinter irgend einem historischen Vorhang verschwänden. Man kennt diesen Gang der Gerechtigkeit .... Was tut die jüdische Oeffentlichkedt? Ja, es sind doch bloß ein paar unbedeutende arabische Proleten, Plebejer, — gewiß: es ist nun auch ein Jude darunter. Aber die jüdische Presse*) begnügt sich damit, die Meldung über gefällte Todesurteile zu registrieren, wie man etwa einen Börsenkurs oder eine Vereins-veranstaltung registriert, und dffie jüdischem Organisationen, denen das Prinzip der Menschlichkeit und Gerechtigkeit sonst ein Gegenstand wesentlicher Betonung isj, hüllen sich in Schweigen. — jetzt, wo sie gerade, am lautesten, aareindringlichsten reden sollten! Rücksichtnahme wpedfer einmal? WahrscheänäSioh. Auf britischen Imperialismus. Ach so: man soll sich in die inneinep" Verhältnisse eines andern Landes nicht „einmischen"! Diese Redensart blüht heutzutage rigoros, — und dazu hat man sich einen Völkerbund geschaffen, posaunt Paneuropa aus und predigt die Einheit des Menschengeschlechtes. Andere mögen meinen: Seht, das de- und wehmütige Herz der Juden! Jüdische „Würde" sollte nicht immer in Menschenverbrüdjorung schwelgen! Es gilt, endlich einmal Ruhe dieser jüdisch-menschlichen Regung des „Mitgefühls" gegenüber zu bewahren. Und schließlich: man braucht das doch nicht in die Welt zu rufen, wenn man — selbstverständlich — gegen die Todesurteile und die Todesstrafe an sich.ist! Keine jüdische Stimme regt sich! Der Kreis jungjüdischer Pazifisten hat als einzige Gemeinschaft geschlossen innerhalb der jüdischen Oeftentlichkeit gegen die ungeheuerlichen Methoden der Gerichtsarbeit in Palästina protestiert. Leider ist es bis jetzt nicht gelungen, wenigstens die jüdische Jugend zu einer gemeinsamen Front gegen «die Urteie zusammenzubringen. Die jüdische Jugend muß diesen Schritt aber tun! Es gilt, in aller Deutlichkeit und Uneingeschränktheit für wannhafte Gerechtigkeit im HeiMgen Lande einzutreten! Dar Sinn des Judentums verlangt das Bekenntnis: Macht Schluß mit einer Justiz der Rache und Vergeltung! Arabische Siedlungen werden zu Kollektivstrafen gezwungen, ein halbes Dutzend Araber muß wochenlang hi der Angst zwischen Leben und Tod schweben, — Juden und Araber werden auch fernerhin in Palästina zusammenleben, werden sogar den Friedensweg zueinander finden müssen! Friedenswege. führen nicht über drakonische Maßnahmen. Das Judentum muß gerade in der gegenwärtigen Situation ohne Zögern ein Wort der Menschlichkeit sprechen! Kultur und Kultus. Von Dr. Ernst Feldsberg. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, daß sich. Strömungen geltend machen, die Jugend dem Religionsunterrichte zu entziehen. Die Gründe hierfür sind vor allem in der Freidenkerbewegung zu suchen. Es wird behauptet, daß durch den Einfluß der religiösen Erziehung die freie Weltanschauung des Menschen in der einen oder anderen Weise beinträchtigt wird. Fs muß also vor allem überprüft werden, ob die Geschichte wirklich Anhaltspunkte dafür bietet, daß die Religiosität, frespektiive die religiöse Erziehung schädigend auf die kulturelle Entwicklung der Menschheit gewirkt hat. Gerade aus der Geschichte unseres Volkes ersehen wir mit aller Deutlichkeit, daß der Gedanke der Freiheit immer wieder aus *) Wir können uns von dieser Kriltik ausschließen, denn in unserem Batt hat schon vor fünf Wochen B. Segel die Todesurteile verurteilt. den Reihen des Judentums gekommen ist, und heute noch sind es immer jüdische Köpfe, welche die Freiheitsideen, die kulturelle und soziale Bewegung bahnbrechend beeinflussen. Man kann also sicher nicht dem Judentum zum Vorwurf macheu, daß seine Anhänger durch die religiöse Erziehung den offenen Blick für die Freiheit verÜoren hätten. Vernünftig angewendete religiöse Erziehung kann nur zur Hebung des kulturellen Aufschwunges beitragen. Die Eigenheit der Religion, die in ihr liegende ethische Moral wirkt sicher läuternd auf diejenigen, die unter ihrem Einfluß erzogen we_rden. Ich will mich mit dieser Frage nicht abstrakt befassen, sondern mehr an konkreten Beispielen zu erklären versuchen, daß durch das Verständnis für den Kultus Kultur vermittelt werden muß. Schon im zarten Kindesalter wird der Jugend in der Religionsstunde von Gott erzählt, von einem Wesen, das über alles erhaben ein überirdisches Ideal darstellt, das die Geschicke der Menschheit leitet, das alle Menschen ohne Unterschied anerkennen sollen. Es wird also bereits dem jungen Kind ein Idealismus beigebracht, der unter keinen Umständen durch den Hinweis auf irgendwelche materialistische Erscheinungen des Alltags ersetzt werden kann. Die Ehrfurcht vor diesem höheren Wesen, welche dem Kinde in das Herz gepflanzt wurde, kann nicht verglichen werden mit der Achtung vor dem Staatsgosetz, das gleichzeitig den Kindern gelehrt wird. Ein religiös erzogenes Kind wird sich viel schwerer zu einer Delikthandlung herbeilassen, als ein Kind, welches ohne Einwirkung irgendeiner Religion erzogen wurde. Ein religiös erzogenes Kind wird sich in allen seinen Handlungen immer vor Augen halten, daß es ein höneres Etwas gibt, das als Richter über Gut und Böse jeden Fehler sieht und straft, den der Mensch begeht; nicht so ist es mit der Ehrfurcht vor der Staatsgewalt. Wenn der Respekt vor dem Gesetz ganz gleich wäre mit den Achtung vor Gott, dann müßte die KritruV nalität weit geringer sein, als sie gegenwärtig erscheint. Nur die Ueberzeugung, daß das Auge des Gesetzes den Missetäter nicht erreichen wird, veranlaßt verbrecherische Menschen, Taten zu begehen, die vom Staate bestraft werden müssen. Ein religiös erzogener Mensch, ein schon im zartesten Alter ethisch geläuterter Mensch, wird sich selbstverständlich nicht zuerst die Frage vorlegen, ob die Staatsgewalt die Möglichkeit des Einschreitens hat, sondern ein solcher Mensch wird sich wohl fragen, ob er es vor seiner Erziehung, vor seiner Moral und vor allem vor seinem Gewissen verantworten kann, wenn , er eine böse Handlung beabsichtigt. Der Zwe^k des modernen Religionsunterrichtes soll also vor allem darin liegen, die Religion nicht als eine Art Fetischismus gelten zu lassen, sondern als ein Mittel, um den Menschen zu lehren, was gut und schlecht ist, um. dem Menschen die Verantwortlichkeit vor sich selbst und vor seiner Mitwelt vor Augen zu führen. Gerade das Judentum und gerade die. jüdische Religion waren es, die als erste bahnbrechend die Kultur ihren Glaubensgenossen vermittelt haben. Das Christentum hat diese ideelle Einstellung der Religiosität übernommen, und wenn auch die Gebräuche des Judentums und des. Christentums nach außenhin sich unterscheiden, der Grundgedanke der Religiosität als der Lehrerin von Gut und Böse ist sicher beiden Religionen gemeinsam. Aber nicht bloß vom rein pädagogischen Standpunkte aus kann der Kulturzweck einer Religion erwogen werden, sondern es soll auch untersucht werden, ob die Religion nicht als einer der größten Faktoren des Menschentums zu gelten hat. Man sagt so oft, und es wird uns Juden besonders nachgerühmt, daß wir: ein besonderes ideelles Familienleben besitzen. Ist nicht dieses Familienleben das Produkt der moralischen und ethischen Einflüsse unserer Religion? Erinnern wir uns nur an den Tisch in unserem Vaterhaus, um den geschart wir am Freitagabend, am Sederabend oder bei irgendeinem festlichen Anlaß saßen, zu Häupten.des Tisches der Vater als Haupt der Familie, gleichsam als Leiter und.- Lenker des Schicksals seiner Sippe, Das