Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 52 (27.12.1929)
- Date
- 1929-12-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Hsches Blatt den Protestantismus als „Tannenbaum- Religion." Erst 1737 erscheint in Wittenberg ein mit Lichtern versehener Weihnachtsbaum. Und doch ist er noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sehr selten in Deutschland. In Berlin taucht er schon 1780 auf. Allein noch 1803 erwähnt Schleiermacher in seiner „Weihnachtsfeier" auf dem Tisch nur Myrthen, Amaranten und Epheu zwischen Lichtern als auf dem Bescherungstische stehend. Man nannte das „Gärtchen mit Lichtern" und sie wurden auch Ende der Achtzigerjahre von Goethes Mutter erwähnt. Die Weimarische Forstordnung vom Jahre 1775 (Goethe kam in diesem Jahre nach Weimar) verbietet bei Strafe von 5 Talern oder 14 Tagen Arrest „das Ausschneiden der Gipfel zu den auf Weihnachten gewöhnlichen sogenannten Christbäumchen." Erst nach den Freiheitskriegen fand der Weihnachtsbaum im protestantischen Deutschland rasche Ausbreitung, im katholischen Württemberg wurde er erst nach 1860 volkstümlich. Ueberhaupt galt der Baum, der im Norden heimisch war und dessen außerchristliche Herkunft dunkel im Unterbewußtsein des Volkes lebte, nicht als ein christliches, sondern als ein spezifisch Lutherisches Symbol und die katholischen Länder nahmen ihn nur zögernd und ungerne an. Nach dem Münchner Hof verpflanzte ihn eine protestantische badische Prinzessin, Königin K a r o 1 i n e, Gemahlin Maximilian I. (1806—1825), von da aus verbreitete er sich durch das Land. Nach Wien brachte den Weihnachtsbaum 1821 der berühmte aus der Niederlausitz stammende Schauspieler Heinrich Anschütz. Aber schon im Jahre 1817 hatte die protestantische Prinzessin Henriette von Nassau-Weilburg, die den Erzherzog Karl, den Sieger von Aspern, geheiratet, ihn beim Wiener Hof eingeführt; durch eine andere deutsche Prinzessin, Maria Dorothea von Württemberg, die den in Ungar n residierenden Erzherzog Josef heiratete, wurde er 1819 nach Budapest verpflanzt; nach Prag wurde er durch einen hohen österreichischen Beamten, dem Vater des berühmten Historikers Freiherrn von H e 1 f e r t 1820 gebracht. Nach Mähren, Schlesien kam der Christbaum erst in den Dreißigerjahren, nach Salzburg wurde er erst 1840 aus Wien eingeführt, ebenso nach Graz durch eingewanderte protestantische Familien. Im streng katholischen Tirol wird in den Siebzigerjahren von der Kanzel herab von dem Anzünden des Weihnachtsbaumes als von einer F r e i m a u r e r s i 11 e gewarnt. Nach den entlegenen Alpentälern gelangte er erst in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Nach O s t g a Ii z i e n brachten ihn die von Josef II. in den Achtzigerjahren des 18. Jahrhunderts dort angesiedelten protestantischen Bauern aus Hessen, Nassau. Franken, Schwaben, Thüringen. Doch wurde er zunächst nur von den Städtern angenommen, das Landvolk, besonders das ruthenische, kannte ihn bis auf die neueste Zeit nicht. Von Galizien verbreitete er sich nach Russisch-Polen fast ausschließlich unter den Städtern und der Intelligenz. Nach dem Pariser Tuillerien-Hof verpflanzten Prinzessinnen deutscher Herkunft den Weihnachtsbaum, irn Volke wurde er durch die deutscheu Truppen 1870 bekannt. Nach England brachte ihn Prinz Albert, der Gemahl der Königin Victoria (1840). Der englische Hochadel eignete sich die Sitte rasch an. Bald überboten die großen Herren einander im Luxus des Weihnachtsbaumes. Die Bäume erreichten die riesige Höhe von 70, 100 und 120 Meter und verschlangen fabelhafte Summen. In der vornehmen Lebewelt wurde es üblich, daß die galanten Herren den von ihnen verehrten Theaterdamen dicht mit Juwelen behangene Bäumchen auf den Weihnachtstisch stellten. In Amerika wurde der Baum durch die eingewanderten Deutschen um die Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitet. Am Beginn des 20. Jahrhunderts äußerte schon der Ackerbauminister Wilson Bedenken wegen der zwei Millionen junger Tannenbäumchen, die alljährlich diesem Brauch geopfert werden. Im Jahre 1897 schmückte der amerikanische Millionär James Clements einen Weihnachtsbaum mit einem Goldklumpen aus Clondyke, wo der frühere Eisenbahnbremser reich geworden war, und ließ den Stamm über einem Haufen Zwanzigdollarstücke aufrichten .... -X- * * Es hat also eine Zeit gegeben, da der Weihnachtsbaum als etwas ganz Neutrales, als das Symbol eines von allen altertümlichen Völkern gefeierten Naturfestes galt. Wäre die Lage der mitteleuropäischen Juden im Mittelalter eine bessere und wären sie aufgelegt gewesen, fröhliche Symbole in ihr Leben zu flechten, so kann man sich wohl ausmalen, daß sie einen Chanukkabaum geschaffen hätten, ganz nach den Vorschriften des Gesetzes. Ein Baum wäre mit vielen Lichtern besetzt worden. Für jedes Familienmitglied ein Lichtlein, den zweiten Abend zwei Lichtlein, den dritten drei usw. Der ganze Baum wäre mit Lichtlein besteckt worden. Gegen die Geschenke und den bunten Zierat hätte das Gesetz auch nichts einzuwenden gehabt. Es ist leicht denkbar, daß die christliche Welt diesen Chanukka-Baum übernommen und zum Christbaum gemacht hätte, ebenso wie sie das Chanukkafest übernommen und zum Weihnachtsfest gemacht hat. Dann hätten heutzutage die jüdischen Kinder es nicht nötig, ihre christlichen Altersgenossen um das buntleuchtende Spielzeug zu beneiden. Revision der Judenfrage. Zu dem Leitartikel der Nr. 50 der „W ahrhei t", „Deutschtum und Judentum" aus der Einleitung „Antisemitismus nach dem W e 11k r i e g" von R. N. Coudenhove-Kalergi zu der Neuauflage des Werkes seines Vaters Grafen Heinrich Coudenhove-Kalergi, „Das Wesen des Antisemitismus" (P a neuropa-Verla g, Wien) möchte ich folgende Bemerkung mir gestatten: Der meines Wissens zuerst von G ü d elii a n n geprägte Satz: „Die Judenfrage ist keineswegs eine Frage der Juden, sondern vielmehr eine der Völker, in deren Mitte sie leben", erscheint hier zum ersten Male von einem nicht unserer Konfession angehörenden Politiker ersten Ranges nur in etwas anderer Form ausgedrückt. Coudenhove sagt: „Die Revision der Judenfrage ist.. . nicht Sache der