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Die Wahrheit · 1929-12-27 · Heft 52 (27.12.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 52 (27.12.1929)
Date
1929-12-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT der üblichen Zeitrechnung eingesetzt, ersteres wird erst im Jahre 354 als der Geburtstag Jesu, der auf den 25. Dezember fällt, im römischen Festkalender erwähnt. Doch eigentlich hat erst ein Dekret Kaiser Justinians (527—565) das Fest definitiv auf diesen Tag festgelegt. Früher galt der 6. Jänner (Epiphanias) als der Geburtstag Jesu und daran hält sich noch heute die armenische Kirche. Der 25. Dezember, welcher „Dies natalis Domini" heißt, war früher der Tag des heidnischen Julfestes, nämlich des Festes der Wintersonnenwende, das von allen antiken Völkern feierlich begangen und in Rom „Dies natalis invicti solis" (Geburtstag der unbesiegten Sonne) genannt wurde. Aber auch in Palästina wurde der 25. Kislew von altersher mit Lichtern und grünen Zweigen begangen. Im Jahre 165 wurde an diesem Tage durch Jehuda Makkabi und die Seinigen der Tempel zu Jerusalem wieder eingeweiht, der drei Jahre zuvor an demselben Monatstage von Antiochus E p i p h anes geplündert, verwüstet und entweiht, während auf dem großen Ganzopferaltar das Bildnis des Zeus Olymp i o s aufgestellt worden war, der größte Greuel, den die Juden erleben konnten?. Daß der Syrerkönig diese Untat just an einem 25. Kislew verübte, läßt darauf schließen, daß er damit das Fest der Wintersonnenwende feiern wollte. Drei Jahre später wurde diesem allgemeinen Naturfest, das in Palästina wohl auch von den Juden als Volksfest gefeiert wurde, durch die Einsetzung des Chanukkafestes ein spezifisch jüdischer, historischer und höherer religiöser Sinn untergelegt. Die ursprüngliche Bedeutung des Festes geriet in Vergessenheit, dem Feste wurde ewige Dauer und weltgeschichtlicher Rang verliehen, es wurde zum Symbol des Sieges des monotheistischen Glaubens über das Das Chanukkalichtlein. Nun war sie fast ein Jahr in der Großstadt. Tag für Tag ging sie durch das Gewühl des Straßen- Iebens zur Arbeit. Rastlos klapperte die Maschine, die ihre flinke Hand in Bewegung setzte. Eintönig haspelte ein Tag nach dem anderen sich ab und nur ein Sonntag war es, der zum Ausruhen dem jungen, elternlosen Mädchen frei war. Dann saß sie in ihrem Stübchen, das so stimmungslos, so recht nur „zum Vermieten" hergerichtet, und dachte bei der Näharbeit über ihre Vereinsamung nach. Damals, als die Eltern noch lebten, hatte sie nicht geahnt, wenn sie mit den Freundinnen über die Zukunft sprach, die lachend vor ihr zu liegen schien, daß das alles in Nichts versinken würde. Wie war es doch so traut im fieimatstädtchen! Die ganze Gemeinde schien eine Familie. Wehmütig gedachte sie der Feiertage, die man miteinander verbracht. Jetzt wußte sie kaum, wann solche waren, denn sie lebte unter Andersgläubigen. Nur im Traum sah sie sich mit den Eltern an hohen Festtagen zur Synagoge gehen, meinte in der von ihr geschmückten Sukko zu sein .... sah den festlich gedeckten Tisch, die Mutter das Licht Heidentum. Das mosaische Judentum beseitigte nämlich nicht die im Volke vorgefundenen Bräuche und Sitten, sondern erfüllte sie mit höherem Inhalt und verlieh ihnen eine monotheistische Mission. Der Grundgedanke, der das vormalige Naturfest mit dem nationalen und religiösen Chanukkafest verband, war die Wiederkunft des heiligen Lichtes. Früher war es die Sonne, jetzt symbolisiert das bescheidene Oellämpchen das Licht der Thora, das Antiochus auszulöschen drohte und das die Hasmonäer wieder entzündeten. Um die Einsetzung des Geburtstages Christi, für den es keine historischen Anhaltspunkte gab, just auf den' Chanukkatag zu rechtfertigen, wurde später eine ganze Anzahl mystischer Argumente ersonnen, nach denen die Empfängnis Jesu am 25. März stattgefunden haben mußte. Wir können uns heutzutage ein christliches Weihnachtsfest ohne Geschenke und Weihnachtsbaum nicht vorstellen, ebensowenig wie etwa ein Chanukka ohne Lichter. Und doch ist Weihnachten mit dem Baum und den Geschenken durchaus nicht organisch verbunden. Baum und Geschenke stammen aus dem altrömischen Heidentum und gehörten ursprünglich zum Neujahrstag (1. Jänner), der in Rom ein volkstümliches Fest war und an dem man die Halle des Hauses mit Lorbeer- und Oelzweigen schmückte und für Hausgesinde, Gäste und Kinder eine Tabula Fortunae (Glückstisch) aufstellte, der mit allerlei Genüssen beladen war. Aus den Blättern der Zweige sagten die Frauen die Zukunft voraus und die Fülle des Glückstisches sollte eine Vorbedeutung für den Segen des kommenden Jahres sein. Diese Bräuche wurden durch die alten Germanen im Norden übernommen, die Oel- und Lorbeerzweige durch prosaische Blätter ersetzten, von benschen . . . dann schluckte sie an Tränen .... Weiter, weiter, das Leben erfordert so viel, sie mußte ihr tägliches Brot verdienen .... Kaltes Naß rieselte hinab, als sie im Dunkel der Straße vom Kontor nach Hause eilte. Was war nur heute mit ihr? Etwas quälte sie, rief sie, und sie wußte nicht was .... Ihr Stübchen schien ihr zu eng, unruhig ging sie auf und ab und stellte sich ans Fenster. Seit kurzem hatte sie ein vis-ävis. Sah sie recht? Da — da — ja, da brannten auf dem zackigen Leuchter drei Chanukkalichtchen. Heiß stieg es in ihr auf, Tränen drängten sich in Hannas Augen. „Chanukka!" hauchten ihre Lippen. Nicht schnell genug konnte sie jetzt nach Hause kommen, sie zählte das vierte, das fünfte Lichtlein und dann — es zog und zog sie mit aller Macht zu den Glaubensgenossen. Als das sechste Lichtlein seinen trauten Schein hinüberwarf, faßte sich Hanna ein Herz, sie nahm Mantel und Hut und eilte über die Straße. „Die Hausfrau sprechen?" fragte verwundert das die Tür öffnende Dienstmädchen. „Hier gibt's keine Hausfrau, die ist ja gestorben, aber wenn sie den Herrn . . . ." Indem sie dies sagte, tat sich eine weitere Tür auf und ein Herr trat heraus, hinter ihm guckten zwei kleine hübsche Knaben neugierig die Fremde an. Zaghaft brachte Hanna ihr Anliegen vor, er-

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