Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 52 (27.12.1929)
- Date
- 1929-12-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dtaer Nummer SO Droschen MmM VerÖfteaflldhtingea der wUakm deutschdsterr. Juden" mad 4*n »Amtfichea Verlautbarungen der Israelitischen Kulfusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 27. Dezember 1029 Nummer 52 Chanukka. Von Binjamin Segel. - •. Jedes Jahr, das Gott werden läßt, um die Chanukka- und Weihnachtszeit, entsteht in allen intelligenten jüdischen Familien, besonders wo Kinder da sind, ein Wettstreit, man kann schon sagen ein Konkurrenzkampf, zwischen Chanukka-Lämpchen und Weihnachtsbaum, besonders wenn beide Feste nahe beieinander oder gar teilweise zusammenfallen. Das bescheidene Chanukka-Lämpchen hat einen stillen, vornehmen Reiz, der äußerst poetisch wirkt und auf sinnige reife Gemüter einen starken Zauber ausübt. Man hat es mit einer Prinzessin aus altem Königsgeschlecht verglichen, in deren Zügen die lange glorreiche Geschichte der Ahnen eingemeißelt ist und die es darum verschmähen kann, sich mit glitzerndem Geschmeide und schimmernden Pelzen zu behängen, um die Augen der Menge auf sich zu ziehen. Sobald aber der Blick vom Chanukka-Lämpchen zu seinem mächtigen, prunkvollen und stolzen Doppelgänger, dem Weihnachtsbaum schweift, so begreifen wir, warum dieser den weitaus größeren Zulauf hat. Er blendet das Auge mit der Buntheit und der Vielfalt seiner Farben und Strahlen. Namentlich die Kinder jeglichen Alters, die sehen ihn gerne, die Freude gerade an den schreienden Farben und Lichtern mitten in dunkler Winternacht hat für kindliche Gemüter viel Anziehendes und fordert zum lauten Jubeln und Singen auf. Nun gilt bei den Juden der Weihnachtsbaum als spezifisch christliches Symbol, etwa gleich dem Kruzifix — der Weihnachtsbaum heißt ja auch Christbaum —, den Weihnachtsbaum schön zu finden und sich an ihm zu erfreuen oder gar ihn in einem jüdischen Hause etwa den Kindern zur Schau und zum Gaudium aufzustellen, heißt also beinahe so viel wie dem Christentum huldigen, sich vor ihm beugen, heißt fast es in gewisser Hinsicht anerkennen, ihm im religiösen Bewußtsein einen Platz neben dem Judentum einräumen, die Rechte und die Würde der angestammten Religion schmälern und ihr untreu werden. Man kann häufig beobachten, daß streng fromm erzogene jüdische Kinder, die sich daheim an den Chanukka-Lichtern geweidet und begeistert „Moaus Zur" gesungen haben, von dem blendenden Glanz des Weihnachtsbaumes im nachbarlichen Hause angezogen, sich verstohlen, mit schlechtem Gewissen hinschleichen, um sich an den strahlenden Lichtern aus der Nähe satt zu sehen. Dann kehren sie verdrossen heim und es ist ihnen zumute, als hätten sie eine verbotene Speise genossen oder einen Ausflug in ein verbotenes Land gemacht. Im Stillen sagen sie sich wohl: Warum dürfen wir nicht auch so was haben? In der Auffassung der Juden ist das Weihnachtsfest, das „Fest der Geburt des Herrn44, so alt wie das Christentum und der Weihnachtsbaum genau so alt wie das Weihnachtsfest. Im Lichte der Geschichte betrachtet, sehen aber die Dinge ganz anders aus. Das Weihnachtsfest ist um mehr als ein halbes Jahrtausend jünger als die Entstehung des Christentums. Mehrere hundert Jahre haben also die Christen das Weihnachtsfest am 25. Dezember nicht gefeiert. Und der Weihnachtsbaum galt viele Jahrhunderte als heidnisches, wenigstens nicht christliches Symbol, erst mit Beginn der Neuen Zeit wurde er langsam und unter Kämpfen christianisiert. Bekanntlich sind alle christlichen Hauptfeste den jüdischen nachgebildet, häufig unter Abänderung der Motive. Pfingsten ist z. B. nicht das Fest der Gesetzgebung am Sinai, sondern der Ausgießung des heiligen Geistes. Anderseits haben fast alle jüdischen Feste im christlichen Festkalender stärkere oder schwächere Spuren hinterlassen. Was schon dem flüchtigen Betrachter auffällt, ist, daß Chanukka im christlichen Festkalender einen förmlichen Doppelgänger hat, dessen Name im Grunde nur eine Uebersetzung des seinigen ist: Weihnachten, das ebenfalls am 25. Dezember beginnt — manchmal fallen beide Feste sogar auf denselben Tag —, ebenfalls mit Lichtern, denen des Weihnachtsbaumes gefeiert wird, der auch acht Tage lang entzündet zu werden pflegt, bis zum Ersten des folgenden Monates, der auch der erste Tag im neuen Jahre ist. So weit reicht die Nachahmung des jüdischen Festes seitens des christlichen, daß letzteres diesmal ausnahmsweise am Abend des vorangehenden Tages anhebt wie dies bei allen jüdischen Festen und beim Sabbath der Fall ist. Das christliche Fest ist 509 Jahre jünger als das jüdische. Letzteres wurde 165 Jahre vor