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Die Wahrheit · 1929-12-20 · Heft 51 (20.12.1929) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 51 (20.12.1929)
Date
1929-12-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 BBB ÜME WAHRHEIT Wie demütigend für seinen Amtskollegen, der in diesem Saale vor einigen Jahren mit seiner ehrlichen Anklage gegen die CzongraderBoinbenwerfer ein so beschämendes Fiasko erlitten! Diesen Mördern ist lebenslänglich — Leben und Freiheit gesichert. & $ * Eine interessante Studie in dem jüngst erschienenen Jahrbuch der Gesellschaft der Bibliophilen hat wieder das alte Thema von der jüdischen Abstammung Richard Wagners zur Diskussion gestellt. Die Wagnerianer von der strengsten Observanz leiden schon schwer darunter, daß Juden nicht nur aus reiner Begeisterung rührige Apostel für die Kunst des Meisters waren, sondern sich auch als seine edlen Gönner und Helfer im Kampf ums Dasein betätigt hatten. Zuzugeben, daß er das Dasein selbst einem Juden namens Geier zu danken habe, das geht über ihre Kräfte und so setzen sie sich leidenschaftlich für die Erbringung des Nachweises ein, daß Geier, wenn er schon der leibhaftige Vater und nicht bloß der Stiefvater Richard Wagners gewesen, doch selbst auch kein Jude war. Nun sei dem wie immer, Richard Wagner wäre weder der erste noch der letzte Antisemit, in dessen Adern jüdisches Blut rollt. Beachtenswert erscheint mir ein Detail, an das bisher noch keiner erinnert hat: Gustav Frey tag, der zu den intimsten Kennern Wagners gehörte, aber nie dessen reine arische Abstammung bezweifelte, äußerte einmal: Richard Wagner ist kein Jude, aber er vereinigt in sich in hohem Maße alle jene Eigenschaften, die er den Juden — andichtet. $ * * Der ungarische Ministerpräsident hat einem Interviewer gegenüber geäußert, daß der zum Minister gemachte Chef der Rassenschützler, Görnbös, seitdem er im Kabinett sitzt, sich von der Politik ferne halte. Das heißt, er hat während dieser Zeit keine öffentliche Brandrede gegen die Juden losgelassen. Graf B e t h 1 e n erinnert an den vormärzlichen Polizeidirektor, der auf den Vorwurf, daß er einem nicht ganz einwandfreien Herrn eine amtliche Stellung bei der Polizei eingeräumt habe, selbstbewußt antwortete: Der Mann hat sich seither bei keiner verbrecherischen Affäre beteiligt. Ego. Franz Rosenzweig gestorben Von Rabbiner Dr. B a e c k, Berlin. Wenn das Wort Simmeis wahr ist, daß die Kultur „den Weg des Menschen zu sich selber" bezeichnet, dann steht in Franz Rosenzweig die Kultur des deutschen Juden unserer Tage vor uns. Hinter diese Bedeutung seiner Persönlichkeit tritt selbst das Werk zurück, das er, in wenige Jahre der Gesundheit und der Krankheit zusammengedrängt, geschaffen hat. Einen seltenen Reichtum besaß dieses Werk: die beiden, noch nicht genug gewürdigten Bücher „Hegel und der Staat" und „Der Stern der Erlösung*\ die wundersame Weibdrfbcmentmjurßk Uhlulidtl Uebertragung und Erklärung von Gedichten des Jehuda Halevi, die Neuschöpfung der deutschen Bibel, die von der Gemeinschaft mit Martin Buber zeugt, und daneben die Fülle der Aufsätze. Aber das Eigentliche ist die Persönlichkeit: der deutsche Jude, der den Weg zu den Jahrtausenden und den Jahrhunderten seines Wesens, zu den Wurzeln seiner Eigenart und damit zu sich selber gewonnen hat, der damit hinausgeführt wurde über bisherige Parteiungen und Gegensätzlichkeiten und dem das Letzte gegeben/ward, von dem zu zeugen und zu künden, was ihm [darin zuteil geworden, von seiner Kultur, von seiner Erkenntnis und seiner Frömmigkeit. * * * Im „Berliner Tageblatt" schildert H. Q. das Heldenleben des vor einigen Tagen in Frankfurt im 43. Lebensjahre verstorbenen jüdischen Religionsphilosophen Dr. Franz R o s e n z w e i g. Viele kennen seine Schriften, erinnern sich daran, daß sie aufhorchten, als seine Erstlingswerke erschienen. Sein Sprachgefühl und seine rhythmische Sprachgestaltung waren außerordentlich. Aber nur ganz wenige wissen, welch unerhört heroisches Leben dieser mit dreiundivierzig Jahren Gestorbene geführt hat, weich nahezu unglaublich gigantenhaften Kampf hier ein gewaltiger Geist gegen einen völlig siechen Körper bis zum letzten Tage der endlichen Auflösung geführt hat. Franz Rosenzweig wurde als Folge einer schweren Kopfgrippe von einer rapide fortschreitenden Lähmung überfallen, die ein Glied seines Körpers nach dem andern außer Gefecht setzte. Stück für Stück starb dieser Körper ab, ohne daß der wunderbare Geist in ihm sich beirren und entmutigen ließ. In den letzten Jahren war der Lähmungsprozeß so weit fortgeschritten, daß Franz Rosenzweig nur noch eine einzige Verständigungsmöglichkeit mit seiner nicht minder heroischen Frau und Mitarbeiterin besaß: sie bediente eine ejgens für ihn konstruierte Schreibmaschine und erriet an dem Blick seines Auges — nachdem auch ein letztes Fingerglied, das noch zur pantomimischen Verständigung gedient hatte, versagte —, welchen Buchstaben er angab. Aus diesem mehr instinkthaft erratenen Buchstaben formte sich ein Wort und reihte sich Satz an Satz zu den wundervollen Uebersetzungen, in denen Rosenzweig den erhabenen Rhythmus des hebräischen Urtextes der Bibel in deutscher Sprache einzufangen und wiederzugeben suchte. Die jüdische Welt hat sehr viel in Franz Rosenzweig, der eine starke Hoffnung war, verloren, die gesamte geistige Welt einen Bruder und Kämpfer, zu dem aufzuschauen und an dem sich ermutigen schon allein bedeutet, sich vor der Kraft und Stärke der menschlichen Seele als göttlichem Funken zu neigen. fBwiefhasten. G. M. Ueiber das kürzlich stattgehabte* Hebräische Konzert können wir beim besten Willen nicht berichten, da die Veranstalter, der in einem Referate einer Wiener Tageszeitung als besonders „rühr i g" bezeichnete zionistische Jugendverein„Erez Israel", — anscheinend aus politischen Gründen — nicht rührig genug waren, unserer Zeitschrift Referatskarten zu senden._________ Lederhandschuhfabrik J&sef, tKasCiaqec L, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40

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