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Die Wahrheit · 1929-12-20 · Heft 51 (20.12.1929) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 51 (20.12.1929)
Date
1929-12-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT MllllllllflllMMIMMIIMBIffllMIHnm^^ Basis entstünde, dies das Staatsbürgertum und Deutschtum der deutscher: Juden in Frage stellen oder nar gefährden könnte. Nun verspricht uns ja die Jewsekzya seit 1925 fortwährend jüdische unabhängige Sowjetrepubliken im Rahmen der Sowjetunion, selbständige Sowjet} u d e n s t a a t c n, sogar mit fremd-nationalen Minoritäten. In der Krim, also zwei oder drei Tagesreisen von Berlin soll ja dieser Tage der zweite autonome jüdische Rayon entstanden sein. In SowKurußland amtieren Gerichte in der jiddischen Nationalsprache. In Charkow hat die Akademie der Wissenschaften eine besondere Falkultät für jiddische Nationalsprache und Kultur eingerichtet.....Ei, ei, fürchtet man denn gar nicht die verheerende Wirkung dieser nationaljüdischen, von einer mächtigen Regierung geschützten und geförderten Lebenserscheinungen, die dicht von den Toren Deutschlands so üppig in die Halme schießen, fürchtet man denn gar nicht ihre verheerende Wirkung auf die Staatsgesinnung und das Deutschtum de deutschen Juden? Die ganze sowjetische Judenpoiitik wird in Deutschland und gerade von den deutschen Kreisen, die den Palästinaaufbau bekämpfen, mit allen Mitteln gefördert und bejubelt. Kein Wort der Kritik ließ sich je gegen die Verfolgungen der jüdischen Religion vernehmen. Nur Dr. Ismar Freund, der ausgezeichnete Historiker und hervorragend staatsmännisch befähigter Schöpfer der jüdischen Gemeindeorganisation in Preußen, hat auf Grund einer Studienreise in Rußland ein erschütterndes Bild von den Zuständen entworfen. Aber keine von den Organisationen und Zeitungen, die den Palästinaaufbau bekämpfen, hat je gegen die sowjetische nationalistische Judenpolitik einen Finger gerührt. Warum? Vergebens zerbricht man sich den Kopf, ui: die Lösung dieses Rätsels zu finden. Würde es sich nicht lohnen, daß die Palästinagegner die beiden hier aufgeworfenen Fragen näher erwägen wollten? Aber auch an ihre Gegner kann man eine Reihe von Fragen stellen, deren Beantwortung viel zur Beilegung des Streites betragen würde. Doch das gehört schon auf ein anderes Blatt. (Fortsetzung folgt.) QI erse tv. Im Fall H a 1 s m a n n ist eine neue, höchst wichtige Phase zu verzeichnen. Es kann nämlich nunmehr als ausgeschlossen gelten, daß sich auch nur ein einziger denkfähiger Mensch findet, der das über Philipp Halsmann gefällte Urteil, wonach er wegen Totschlages in den Kerker gelangen soll, für gesetzlich zulässig hielte. Professor Dr. Carl Stooß hat durch eine in der „Neuen Freien Presse" veröffentlichte, wenige Zeilen umfassende Feststellung folgendes klar gemacht: Nach dem Obduktionsbefund und den gerichtsärztlicheu Gutachten ist es zweifellos, daß dem armen M o rduch Halsmann der Kopf von hinten mit einem Stein zertrümmert wurde; das beweist unwiderlegbar die Absicht des Täters, zu töten und läßt nur die einzige Möglichkeit einer Anklage auf Mord zu. Wer immer — sei es ein „Unbekannter" oder der Sohn — für dieses Verbrechen verantwortlich gemacht wird, kann daher nur wegen „Mord" und nicht wegen „Totschlag'' verurteilt werden. Der Fall Halsmann muß noch einmal aufgerollt werden. Junger Nonn, 16 Jahre alt, aus gutem jüdischen Haus, möchte als IfrlseurtelMrling arbeiten. Zuschriften an Löwy, II.» FerdinanÖstraße 25, erbeten. Für einen Vatermörder wären vier lumpige Jahre Kerker eine ganz lächerliche Strafe. Für einei: Schuldlosen aber vielleicht doch etwas zu viel. :•: :■: Der Rektor einer Wiener Hochschule, Herr Professor I I eile b r a n d, hat seine Inauguration*- feier in w irklich überraschender Weise dazu benutzt, eine Brandrede hinausztischleudern. Der Herr Professor hatte mit der sehr richtigen Kennzeichnung unserer politischen Wetterlage begonnen, indem er von dem Sturmwind sprach, der durch Oesterreich weht. Das ist kein gesundes Wetter. Wer aber hoffte, der Herr Rektor werde den auf seine Worte lauschenden Hörern aus Herz legen, durch ihr Verhalten dafür zu wirken, daß die politischen Stürme wenigstens \or den der stillen Forschung geweihten Hallen der Hochschule halt machen, ist bitter enttäuscht worden. Herr Rektor Hcllebrand vindizierte im weiteren Verlauf seiner Rede gerade der akademischen Jugend die Aufgabe, sich als „Sturmtruppe'" zu bewähren. Wäre es nicht passender, die Studenten daran zu erinnern, dal.i sie nicht zum „Stürmen", sondern zum „Studieren" berufen sind? Eine zwar den akademischen Kreisen ierne stehende, aber geistig so außerordentlich hochstehende Persönlichkeit, daß sie auch dreistesten politischen Metzern imponieren dürfte, hat den Mm gefunden, klipp und klar zu verkünden, es sei die höchste Zeit, die Schmach zu bannen, die seit langem auf Oesterreich lastet und unser politisches Leben vergiftet, der Haß müsse aus den Schulen weichen, das F a u s t r e e h t m u ß aufhören! Endlich ein Manu!, wäre man versucht auszurufen, wenn es nicht just eine 91 Jahre alte l~ r a n - Marianne Hainisch wäre, von der dieser Alarmruf zum — Frieden ausgegangen. % Seitdem der große antisemitische Literarhistoriker Bartels Hermann Bahr als Prototyp des „jüdischen" Literaten an den Pranger stellte, sollte man eigentlich über nichts staunen. Aber immerhin ist es interessant, daß — wie in einer Reminiszenz des „Tagesboten aus Mähren" zu lesen — im Jahre 1875 ein mehr antisemitisch als literarisch angehauchter Hetzkooperator einmal in seiner Predigt u. a. ausführte: „Da treibt sich in Graz ein polnischer Jude herum, der da glaubt, weil er lange Zeit einen schwungvollen Handel mit Mandelseife und Hosenträgern betrieben, daß er sich auf den steirischen Trottel herausspielen kann. Dieser Mensch namens Rosegger wagt es, Gebräuche der katholischen Kirche zu bekritteln usw. usw." Rosegger mag zu der Predigt milde gelächelt haben, aber es bleibt doch traurig, daß man die Judenhetze auch damit betreiben darf, daß man z. B. Hermann Bahr zum „jüdischen Literaten"', Gerhart Hauptmann zum Antisemiten und Rosegger zum „polnischen Juden" macht. ': im Czongrader Gerichtssaal sind die angeklagten Giftmischerinnen teils zum Galgen, teils zu lebenslänglicher Kerkerstrafe verurteilt worden. Der Staatsanwalt in diesem Prozesse hat sich in, gewissen Sinne eines Bombenerfolges zu erfreuen.

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