Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 51 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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der Tatsache, daß ich in diesem Streit ein Unparteiischer bin. Ich habe einerseits den jüdischen Nationalismus im Jahre 1916 in einem besonderen Buch so scharf und heftig bekämpft, daß mir das den Haß der Zionisten eingetragen hat, die mich förmlich in den Bann getan haben. Anderseits habe ich ebenso energisch für den wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau eines jüdischen Palästinas, wenn auch nicht aus nationalistisch-politischen Motiven, gekämpft. Vielleicht könnte ich also die Linie finden, auf der beide so heftig sich befehdenden Parteien doch am Ende geeint marschieren könnten. Die beste Methode dazu scheint mir zu sein, daß jede Partei ihre Schlagworte und Grundsätze noch einmal durchdenkt und zu Ende denkt. Sie wird vielleicht an ihrer absoluten Unfehlbarkeit irre werden und mehr Verständnis für ihre Gegner gewinnen. Wenn nun die Bestreiter des Palästinaaufbaues sich an die Balfour-Deklaraticn klammern — die Balfour-Deklaration und die Erklärungen der „historischen Rechte" der Juden auf Palästina bilden den größten Bluff, auf den die Juden im Laufe ihrer Geschichte hineingefallen sind. — und sich am Aufbau nicht beteiligen wollen, da sie als Gegner des Nationalismus ein National- Heim für die Juden verpönen, so erhebt sich die Frage, warum haben dieselben Kreise die eminent nationale Arbeit des Hilfsvereines der deutschen Juden in Palästina bis zum Ausbruch des Weltkrieges nicht nur gefördert und mit Riesensummen gestützt, sondern sie als ein hervorragend deutsch-patriotisches Werk behandelt? Kann es etwas Nationaleres geben als die Einführung des Hebräischen als Unterrichtssprache in den Volks- und Mittelschulen des Landes, wodurch diese Schulen erst nationalisiert wurden, wodurch die Jugend erst national-bewußt und die Sprache erst wirklich zur Umgangssprache wurde? Und das hat niemand anderer als der Hilfsverein getan, verkörpert in dem verstorbenen Dr. Paul Nathan, der auch den Grundstein zum hebräischen Realgymnasium und dem Technikum in Haifa gelegt hat. Vorher herrschte unter der Schuljugend Palästinas eine babylonische Sprachenverwirrung. Es gab eine Schule mit deutscher, eine mit englischer und eine ganze Anzahl, nämlich die der Pariser Alliance, mit französischer Unterrichtssprache. Außerdem gab es Kinder, die Türkisch, Spanisch, Mogrebinisch (Arabisch), Bucharisch und Jiddisch sprachen. Letztere war die Umgangs- und Unterrichtssprache der Chedarim, die von den Kindern der meisten Aschkenasim besucht wurden. Es ist selbstverständlich, daß von einem einheitlichen Unterrichtssystem, von gemeinsamen Schulbüchern und ähnlichen pädagogischen Maßnahmen nicht die Rede sein konnte. Wenn die Zöglinge der diversen Schulen zusammenkamen, konnten sie sich nicht miteinander verständigen. Es isr das große Verdienst des Hilfsvereines, dieses wilde Chaos beseitigt und durch die Einführung des Hebräischen in seinen Schulen erst die Möglichkeit geschaffen zu haben, die Grundsätze moderner Pädagogik in den Schulen Palästinas anzuwenden. Mittels eines vortrefflich geleiteten Lehrerseminars, eines gediegen vorbereiteten Stabes von Lehrern und Lehrerinnen wurde der Grund gelegt zu dem hebräischen Schulwesen, das jetzt den Stolz und den Augapfel der Zionistischen Organisation Palästinas bildet. Ja erst dadurch ist die hebräische Sprache zur Umgangssprache der Juden Palästinas geworden. Erst dadurch ist das Hebräische im Begriffe, zur Muttersprache der Juden in Palästina zu werden. Das ganze Palästinawerk hat dadurch erst den Charakter eines jüdisch-nationalen Werkes bekommen. Die Juden hätten noch so viele Kolonien und Industrieunternehmungen gründen mögen, sie hätten noch so viele Häuser bauen und bevölkern, noch so viele Beamtenstellen bekleiden, noch so viele politische Institutionen in ihre Hände bekommen können, solange nicht das Hebräische in der Schule herrschte und von hier aus seinen Weg in das Haus und in <üe Straße nahm, war das Ganz© nicht jüdischnational. Die Herrschaft des Hebräischen in die Schule eingeführt und so dem jüdischen Nationalismus in Palästina zum Siege verholten, ja ihn dort zum Alleinherrscher gemacht zu haben, is.t das Werk des Hilfsvereines mit Dr. Paul Nathan an der Spitze, mit den enormen Mitteln, die die deutsche Judenheit ohne Unterschied der politischen Richtung geleistet hat unter dem Beifall aller führenden Köpfe nicht nur unter den Juden, sondern auch der Nichtjuden, ja des deutschen Kaisers selber. Warum soll es nun verpönt sein, jetzt rein wirtschaftliche und kulturelle Unternehmungen in Palästina zu fördern, nur weil die Balfour- Deklaration eines schönen Tages von einem jüdischen Nationalheim in Palästina sprach? War Wilhelm II. ein Nationaljude? War es Dr. James Simon oder Dr. Paul Nathan? Ueber anderthalb Jahrzehnte gründeten deutsche Männer und deutsches Kapital in Palästina hebräische Schulen für die Jugend, in denen sie zu hebräisch sprechenden und denkenden Juden erzogen wurden, und niemand fand ein Haar in der Suppe. Freilich, die so ersprießliche und segensreiche Tätigkeit des Hilfsvereines in Palästina hatte zur Nebenwirkung, daß der französische Einfluß in diesem Lande zugunsten des deutschen bedeutend zurückging, und das war ganz im Sinne der phantastischen Orientpolitik Wilhelm II., weshalb der Hilfsverein in ihm einen Freund und Förderer hatte. Der französische Einfluß beruhte zu einem sehr großen Teile auf den französischen Schulen der Pariser Alliance, deren Unterrichtssprache französisch war und die durch die hebräischen Schulen des Hilfsvereines depossediert wurden. Aber ich werde im Verlaufe dieser Ausführungen den Nachweis führen, daß an dem Aufbau des jüdischen Palästina in der Gegenwart Deutschland viel realere, greifbarere Interessen hat als an den phantastischen Plänen Wilhelms II. Doch einstweilen möchte ich den Gegnern des Palästinaaufbaues noch folgende Fragen unterbreiten: Wenn es wahr ist, daß ein deutscher Jude, der den jüdischen Nationalismus abweist, sich an keiner Siedlungsarbeit beteiligen darf, die irgendwie zur Stärkung dieses Nationalismus führt, wie drüfen die Bekämpfer des Palästinaaufbaues die Siedlungstätigkeit der Sowjetregierung fördern, ihr entgegenjubeln, sie mit Geld und guten, sehr guten, begeisterten Worten unterstützen? Diese Siedllingsarbeit baut sich ja auf einem unerhört extremen, schroffen, unduldsamen Nationalismus auf, wie er dem fanatischesten Palästinafreund nicht im Traume aufgegangen ist! Der zionistischpalästinensische Nationalismus setzt das Nationale neben das Religiöse als Merkmal des Judentums. Aber es fällt ihm nicht ein, das Nationale gegen das Religiöse auszuspielen, letzteres zu verdrängen, zum Aussterben zu bringen, es zu erdrosseln, zu würgen, zu verfolgen. Der zionistisch-palästinensische Nationalist behauptet, das Hebräische sei ihm heilig als Nationalsprache der Juden und die Bibel müsse hauptsächlich als Sprachdenkmal studiert werden. Der sowjetische Nationalist verbietet die Lektüre der Bibel und der Gebote, weil sie religiöse Dokumente sind, und verfolgt darum auch die Sprache, in der sie abgefaßt sind. Aber eine Nationalsprache haben diese Juden trotz der Abschaffung und des Verbotes des Hebräischen und diese* Nationalsprache ist das Jiddische! Juden, die alles Religiöse abgestreift haben und dennoch als Juden gelten, bloß weil sie Jiddisch reden, was für Juden sind das, wenn nicht Nationaljuden? Was ist eine solche Bestrebung anders als der fanatischeste und extremste Nationalismus? Der zionistisch-palästinensische Nationalist versichert, das Makkabäerfest als nationales stehe ihm höher als der Versöhnungstag, der rein religiös ist. Hat aber der zionistisch-palästinensische Nationalist je versucht, den Versöhnungstag öffentlich zu entweihen, an ihm Arbeitstage zu veranstalten. Reit- und Schießübungen abzuhalten? Die zionistischen Nationalisten möchten in jüdischen Gotteshäusern Volksversammlungen abhalten und über Fragen des Volkslebens, vorab über zionistisch-palästinische Fragen beraten, was wir sicher verurteilen. Wer aber anders als der sowjetistische Nationalist verwandelt altehrwürdige Synagogen in Fabriken, Spielklubs und Ställe, wirft die Thorarollen hinaus und hängt an Stelle der Heiligen Lade das Bildnis von Marx und Lenin? Was heißt das, daß kein Mensch vor 18 Jahnen in der Religion unterrichtet werden darf, was anderes als, daß ihm die Religion überhaupt vorenthalten, abgewöhnt werden soll und wenn er trotzdem als Jude gelten soll, was anders ist er als ein nationaler Jude? Die Gegner des jüdischen Nationalismus müßten diese Erscheinung mit aller Macht bekämpfen, Himmel und Hölle gegen sie aufrufen. Aber nein. Den Nationalismus bekämpft man nur. wenn mit ihm eine Arbeit für Palästina verbunden ist. Der sowjetische Nationalismus wird verschont, obwohl das russische Siedlurigswerk ihn ganz und gar entbehren kann. Es scheint die Meinung vorzuherrschen, daß, wenn im fernen Palästina ein jüdisches Gemeinwesen auf nationaler