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Die Wahrheit · 1929-12-20 · Heft 51 (20.12.1929) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 51 (20.12.1929)
Date
1929-12-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT mtmm waeiimmiummanmimiucmam Platz verpflanzen solle, oder ob man Saffed, das seit 1919 eine bedeutende Abwanderung zu verzeichnen hatte, überhaupt aufbauen sollte und wenn ja, wie man die wirtschaftliche Basis der Stadt irgendwie stärken könne. Wie auch immer, dieser Aufbau, wohl in schönerer und gesünderer Form, wird eine Belebung des Baumarktes und somit auch eine Steigerung des Importes von Baumaterialien nach sich ziehen. Ebenso dürfte die Verbrennung der Saaten eine Steigerung des Getreide-Importes zur Folge haben. Als eine andere direkte Folge der Unruhen können wir die Abwanderung der jüdischen Kaufleute aus der Altstadt Jerusalems betrachten. Das führt zwar zu einer momentanen Entwicklung des neuen Commercial Quarter, doch soll nicht vergessen werden, daß diese Kaufleute somit einen großen Teil ihres bisherigen, meist arabischen Kundenkreises verlieren und so sicherlich für die nächste Zeit eine Einbuße ihres Umsatzes erleiden werden. Endlich müssen wir noch den Verlust an Menschenleben, speziell von .Familienvätern hier in Rechnung stellen. Schwerer einzuschätzen ist der durch tagelange Stillegung der Produktion entstandene Verlust. Als indirekte Folgen wird man vor allem mit einer Verminderung des Touristenverkehres und privater Investitionen zu rechnen haben. Eine ziffernmäßige Abschätzung derselben ist natürlich unmöglich. Und schließlich müssen wir zu den Folgen der Unruhen noch den Boykott rechnen, der mit aller Intensität von arabischer Seite geführt wird und hinter dem vor allem die christlichen Araber stehen, die die günstige Konjunktur ausnützen und sich wirtschaftlich so in die Positionen der Juden einsetzen wollen. Er umfaßt das ganze Wirtschaftsleben ebenso wie die freien Berufe. Die jüdischen Aerzte, die Jahrzehnte hindurch arabische Patienten hatten und von jüdischer Seite immer als eine Art von Friedensmissionären betrachtet wurden, sehen oft. tagelang keine Patienten, und wenn schon einer kommt, so verweigern die arabischen Apotheker die Ausfertigung der Rezepte jüdischer Aerzte. Die Position der jüdischen Aerzte versuchen junge arabische Aerzte einzunehmen, die sich ihr Diplom in Beirut oder gar in Europa erworben haben, und wir werden hier vielleicht dieselbe Bewegung zu beobachten haben wie in Aegypten, wo auch eine nationale Bewegung gegen die ausländischen Aerzte, Ingenieure usw. entstand, als eine Anzahl Einheimischer in diesen Berufen ausgebildet war. Der Kampf gegen die jüdischen Kaufleute macht sich vor allem im Textilhandel bemerkbar, wo die Juden den Markt beherrschten und einen großen arabischen Kundenkreis hatten. Er wird sich auch im Engroshandel bemerkbar machen, wo die Juden die Vertretungen der wesentlichen europäischen Firmen in den Händen haben. Der Außenhandel dürfte unter diesem Boykott wohl nicht leiden, da ja der Bedarf derselbe bleibt; doch werden vielleicht zeitweilig diese Artikel von den Beiruter Kommissionären bezogen werden. Es ist wahrscheinlich, daß auch die orientalischen Juden Saffeds und Tiberias, die seit Generationen den Hausierhandel in den Dörfern Transjordaniens und Syriens (Hauran) in den Händen hatten, unter diesen Strömungen leiden werden. Dazu kommt noch, daß sich in diesen Dörfern Krämer etablieren, die ihre Waren von Damaskus beziehen und so froh sein werden, den alteingeführten Hausiererkonkurrenten auf diese Weise loszuwerden. Selbstverständlich richtet sich der Boykott auch stark gegen die Produkte der jüdischen Industrie, wodurch manche der Fabriken einen Minderumsatz von 33 Prozent haben. An diesem Boykott beteiligen sich auch einige syrische Kaufleute. Dadurch wird auf der einen Seite die Einfuhr für den arabischen Markt Palästinas steigen und die Ausfuhr nach Syrien eine Einbuße erleiden. Auch die Landwirtschaft wurde vom Boykott berührt. Die arabischen Brooker kaufen dieses Jahr nicht die jüdischen Mandeln aus Angst, daß die arabischen Bootsleute nicht die Ware verladen werden, und erleiden so eine beträchtliche Einbuße. Diese Frage beginnt nun auch aktuell zu werden für den Orangenhandel. Der arabische Brooker kaufte die jüdische Ernte vom Baum. Wird hier der Boykott durchgeführt, so entgeht diesen Brookern eine bedeutende Verdienstmöglichkeit. Von jüdischer Seite hat man aus pazifistischen Tendenzen heraus einen Gegenboykott abgelehnt. Es ergab sich zwar von selbst ein solcher unprogrammäßig, als vergiftetes Obst von einigen Arabern auf den Markt gebracht wurde. Das führte auf der jüdischen Seite zu einer provisorischen Steigerung des Konservenkonsums und weiterhin zu einer Vergrößerung der Anbaufläche für Gemüse, auf der anderen Seite führte es zu einer Schädigung des Fellahin, der sein Gemüse zu Schleuderpreisen auf dem arabischen Markt absetzen muß. Und hier kommen wir zu einem Kernproblem des Boykottes und vielleicht des gesamten jüdisch-arabischen Fragenkomplexes. Ein organisierter jüdischer Boykott würde nicht den den Boykott organisierenden städtischen Araber treffen, sondern den im allgemeinen friedlichen, nur von ihm autgehetzten Fellah. Dieser war bis vor wenigen Jahren in der Schuldherrschatt des Effendis, des Junkers, und nur durch die ihm unerwartet hohen Einkünfte, die ihm seine Produkte auf dem jüdischen Markt brachten, konnte er sich aus dieser Schuldherrschaft loskaufen und wieder ein freier Mann auf freiem Boden sein. Ein jüdischer Boykott würde seine Lage wieder verschlechtern und ihn vielleicht wieder in die Hand des Effendi bringen. Und darum führt dieser mit aller Macht die Boykott-Propaganda, in der Hoffnung auf den Gegenbcykott, der das Rad des Fortschrittes in der arabischen Wirtschaft wieder in die Gegenrichtung zur Feudalwirtschaft drehen würde. Und darum nutzt er die aus verschiedensten Zwecken gewidmeten Mittel zur Besoldung von Terroristen, die jeden Araber, der bei einem Juden kauft, überfallen und berauben. Die Regierung scheint diesen Verhältnissen machtlos gegenüber zu stehen. Es ist wichtig zu konstatieren, daß in Plätzen wie Tiberial, wo es keinen Terror gibt, auch der Boykott versagt hat und das jüdisch-arabische Wirtschaftsleben sich ohne jede Störung abwickelt. In einer Hinsicht droht allerdings auch dem städtischen Araber eine Schädigung. Die Juden, die bisher hunderttausende Pfund im Jahr für Miete an die Araber zahlten, denken jetzt aus Sicherheitsgründen an ein Verlassen arabischer Hauser, und es dürfte hier eine starke Baubewegung entstehen, die weiterhin ein Sinken der Mieten mit sich bringen wird. Vielleicht wird dann, wenn einige der stark verschuldeten Realitätenbesitzer zusammengebrochen sein werden, auch dort eine Verständigungswille um sich greifen. Zeit ist's, die Streitaxt zu begraben! Stimme eines Unparteiischen. Von Binjamin Segel*). Der Kampf der Parteien innerhalb der deutschen Judenheit um Palästinaaufbau, Jewish Agency, Nationalismus, Zionismus, Keren Hajessod, Keren Kajcmeth und alles, was damit zusammenhängt, hat Formen und Dimensionen angenommen, wie sie bisher undenkbar gewesen. Die Heftigkeit und gegenseitige Verbitterung sind unüberbrückbar. Kein Wunder! In den Streit spielen religiöse, politische und soziale Momente hinein, also alle die Fragen, die die menschlichen Leidenschaften am heftigsten zu entflammen pflegen. In der Siedehitze des Gefechtes kann es nicht zu einer ruhigen, besonnenen Aussprache kommen und die Punkte, von denen aus eine gegenseitige Verständigung erfolgen könnte, sind wie von Wolken verhüllt. Jede Partei ist mit dem Zerpflücken der gegnerichen Argumente so beschäftigt, daß sie keine Zeit hat, ihre eigenen einer Ueberprüfung zu unterziehen und so befestigt sich auf jeder Seite die Ueberzeugung, daß sie allein und ausschließlich im Rechte ist und der Gegner falsche Wege wandelt, die ins Verderben führen und denen gegenüber es kein Kompromiß geben kann und darf. Mittlerweile umfaßt der Zank immer breitere Bezirke des jüdischen Gemeinschaftsleben und der Schaden ist nicht abzuschätzen, der daraus nicht nur der deutschen, sondern der Gesamtjudenheit erwächst. Denn seit einigen Generationen strahlten aus dem deutschen Judentum nach allen Richtungen der jüdischen Welt geistige Anregungen aus, die ihr gesamtes Leben in jedem Sinne förderten. Die Zerklüftung innerhalb der deutschen Judenheit ist somit eine Katastrophe für die Weltjudenheit. Wenn ich mir nun herausnehme, an beide Parteien eine Mahnung zum Frieden zu richten, so tue ich das auf Gru.id *) Der hier veröffentlichte Aufsatz unseres geschätzten Mitarbeiters und die ihm folgenden entsprechen in ihrer Auffassung über das Aufbauwerk in Palästina nicht restlos unserer Meinung. Wir publizieren dennoch diese Artikelserie, da sie vielleicht zu der so notwendigen Befriedung der Judeuschaft beitragen wird, zumal der Autor tatsächlich unparteiisch urteilt. Die Red.

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