Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 51 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 "'•!m!i",,,!m'tm-,m',,m!,iM1!im^^ DIE WAMRHE8T nur sich selbst, sondern auch der zionistischen Weltbewegung tüchtige Führer gegeben hat. Das Gehaben der heute leitenden Gruppe hat es dahin gebracht, daß das wertvollste Gut, welches die zionistische Organisation auch in der Zeit ärgster Anfeindungen von außen her immer besaß, das Vertrauen in ihre Geradheit und Gewissenhaftigkeit, ins Wanken geraten ist. Unter der derzeitigen Leitung ist mit den zionistischen Mitteln g e w i r t s c h a f t e t worden, wie gewissenhafte Verwalter von Volksmittel n nicht wirtschaften dürfen. Die letzten Aktiven wurden gedankenlos verzettelt und die Organisation in peinliche, drückende Verschuldung gestürzt. Zur Unfähigkeit und Gewissenlosigkeit in der Verwaltung gesellen sich Untätigkeit, Verantwortungslosigkeit und Mißachtung der zionistischen Grundsätze in politisch-zionistischen Dingen. Werbearbeit wurde nicht geleistet. Die schwierige Lage, in welche die österreichische Judenschaft geraten ist, hat die zionistische Organisation nicht zu irgend einer Tätigkeit veranlaßt. Die zionistische Organisation nimmt keinen Anteil am Schicksal der Juden, am Schicksal der jüdischen Jugend. Sie nimmt keine Stellung zur politischen Lage in Oesterreich. Sie wird, wenn keine radikale Aenderung eintritt, als Faktor im Leben der österreichischen Juden verschwinden. Aus all diesen Tatsachen geht hervor, daß bei einer noch längeren Dauer dieser Leitung und Wirtschaft die österreichische zionistische Organisation ihr letztes Kapital an moralischer und politischer Vertrauenswürdigkeit verlieren mu ß." Diese furchtbare Philippika halten nicht wir gegen die österreichischen offiziellen Zionisten, dazu sind wir, die diese Mißwirtschaft nur kalt lassen kann? nicht berufen. Nein, Zionisten selbst haben diese geharnischte Erklärung ergehen lassen, nämlich der „V erband der demokratischen Zionisten Oesterreich s". Und er mag mit seinem Mahnruf recht haben, denn — abgesehen von den verschiedentlich kursierenden Gerüchten — hat auch der Präsident des außerordentlichen Deiegiertentages in seinem Berichte für die Mißstände manch zartes Wort der Kritik gefunden, das für jemanden, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht, höchst interessant und bemerkenswert ist. Er sagte u. a.: „ . . . In unserer Organisation sind Fehler, die sich von Jahr zu Jahr fortschleppen, Mängel, die die verschiedenen Leitungen zu beseitigen nicht imstande waren. Eine wichtige Frage ist die der Finanzen. Diesbezüglich können wir eines sagen: Es mögen Unvorsichtigkeiten begangen worden sein, die mit den Kräften der Partei nicht in Einklang zu bringen waren. Ich kann es für diejenigen sagen, die bisher und vor mir an der Spitze der Organisation gestanden sind: es ist kein Groschen für andere Zwecke als für zionistische verausgabt worden — vielleicht unsachgemäß, vielleicht nicht mit der notwendigen Vorsicht, aber es waren zionistische Zwecke. Wir wissen, daß die Heraiisgabe von zionistischen Zeitungen keine Quelle des Erwerbes ist und daß sie immer mit Verlusten verknüpft war. Vielleicht hat einmal dieser Verlust das Landeskomitee nicht so sehr getroffen, aber die Männer der Bewegung haben früher auch Opfer gebracht für die Mittel, die wir für die Organisation benötigten. Bis zu einem gewissen Grad ist es kein Unterschied, ob sie geflossen sind in ein Unternehmen, das von der zionistischen Landesorganisation geleitet wurde, oder für ein Unternehmen, das schweren Schiffbruch erlitten hat und für das die Mitglieder der Organisation gleiche Opfer gebracht haben. Ich erwähne dies deshalb, weil gewisse Aeußerungen in der letzten Zeit den Verdacht oder Argwohn hätten herbeiführen können, als ob irgendwelche Transaktionen vorgefallen wären, die nicht vor der Oeffentlichkeit verantwortet werden könnten." Diese Bemerkungen des Präsidenten des außerordentlichen zionistischen Delegi'ertentages gehen klar und deutlich auf jene Zeitimg, in der diese Bemerkungen zu finden sind, auf „Die Stimm e", deren unökonomische Wirtschaft schon lange Gegenstand peinlicher Erörterungen in eingeweihten Kreisen ist, zumal sie das Konto mancher einflußreicher Parteiführer allzu arg belastete. Es wurde auf dem DeLegiertentag eine Reorganisation des Parteiorgans „D i e Stirn m e" einstimmig beschlossen, ohne daß in diesem Blatte zu lesen ist, worin diese höchst notwendige Reorganisation bestehen soll. Die letzte „Neue Welt" lüftet das traurige Geheimnis. Nach ihrem Berichte wurde auf dem Delegiertentag mitgeteilt, daß „D i e S t i m me" nicht mehr der Organisation gehören, sondern einem Vereine „Die Stimme" gegen Uebernahme der aufgelaufenen Schulden in Eigentum gegeben wird. Wenn wir noch ergänzen, daß Dr. Jakob E h r 1 i c h zum Präsidenten der zionistischen Landesorganisation gewählt wurde, daß Statutenänderungen beschlossen wurden, um den leidigen Streit innerhalb der Organisation um die zionistische Wahlkreiseinteihmg aus der Welt zu schaffen, was anscheinend' aber noch immer nicht gelungen ist, so haben wir auch schon das ganze klägliche Ergebnis des großen Parteitages. Wir könnten ja eigentlich mit Befriedigung feststellen, daß auf diesem Parteitage all die früher so beliebten Tiraden von der Landespolitik, von der Eroberung der K u 11 u s g e m e i n d e, von der Gewinnung der jüdischen Jugend fehlten. Aber wir waren sie schon so gewohnt, daß wir sie beinahe vermissen, wenn wir auch ganz gut wissen, warum sie diesmal ausblieben. Nur eine politische Resolution wurde gefaßt, sie hat die Ereignisse in Palästina zum Anlasse und wird uns noch Gelegenheit zu Betrachtungen bieten. Für heute nehmen wir schmerzbewegt ob des gebotenen Trauerspiels Abschied von unseren Zionisten.