Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 51 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Die Krise im Zionismus. Wenn man zu diesem Titel noch „in Deutschland" hinzufügt, so erhält man die Aufschrift eines Aufsatzes in der letzten „Stimm e", in dem in bewegten Worten geschildert wird, wie schlecht es infolge der Fraktionsstreitigkeiten um den Zionismus in Deutschland bestellt ist und daß nur der bevorstehende Delegiertentag Abhilfe für dieses brennende Uebel schaffen wird. Der geschätzte Leser der..„Stimme" wird diesen Bericht mit gemischten Gefühlen aufnehmen, mit mitleidigen, weil es dem österreichischen Zionismus so viel besser geht, mit stolzen, weil im österreichischen Zionismus derartige Streitigkeiten, die sogar zur Krise führen, einfach unmöglich sind. Doch halt! Beschäftigten nicht auch die österreichische jüdische Oefferitlichkeit schon allzu oft Zänkereien im zionistischen Lager, hat nicht auch in Wien letzthin sogar ein außerordentlicher Delegiertentag des zionistischen Landeskomitees stattgefunden, der gewisse Uebelstände, von denen man in vertrauten Kreisen schon sehr lange sprach, bereinigen sollte? Jeder kehre vor seiner eigenen Tür! Für die österreichischen Zionisten ist es nicht angebracht, schadenfroh auf ihre deutschen Brüder zu blicken, sie haben mit ihrer eigenen Organisation Kummer genug. „Wesentliche Teile der Organisation bestehen nur mehr auf dem Papiere. Die Generalversammlungen einst sehr wichtiger Gruppen vereinigen jetzt, wenn es hoch kommt, zwanzig Personen, meistens weniger. Die Arbeit für Palästina, die Arbeit für die jüdische J u g e n d und die politische Arbeit haben gänzlich aufgehört. Von der ersprießlichen, dem idealistischen S. SCHEIN AKTIENGESELLSCHAFT l., Dauernmarhl Nr. 10—12-14 Vll., raarlaiuuersiraoe Nr. QA (Ecke Zieglergasse) ww TEPPICHE fORHÄNGE nOBE&SfOFFE ElMOEEUim DECKE! Gröftte Auswahl! Billigste Preise! Charakter des Zionismus einzig allein angepaßten freiwilligen, ehrenamtlichen Arbeit ist so gut wie nichts geblieben. An ihre Stelle ist ein B ü r okratismus getreten, dessen Begleiterscheinungen Unfähigkeit und Kostspieligkeit sind. Der letzte, auf Grund des bisherigen Wahlsystems vor wenigen Monaten versammelte Parteitag hat eine vielköpfige Leitung gewählt. Die damals gewählten Herren Adolf Böhm, Doktor L. Goldhammer, Dr. A. Karplus, Dr. Kobler und Dr. H. Benedikt sind weggegangen. Herr Dr. Kellner hat sein Amt gar nicht angetreten. Geblieben sind lediglich Herr Dr. Finkelstein und Frau Sofie Löwenherz. Der im Statut vorgesehene, zur Leitung mitberufene Parteirat ist überhaupt nicht gebildet worden. So sieht die Leitung einer Organisation aus, welche einst zu den wichtigsten der zionistischen Weltorganisation zählte und nicht nische Ausgleichung von Dissonanzen, die aus den teils modern-europäischen Anschauungen resultierten. Der kleine Rabbinersohn besuchte diese Schule bis zu seinem neunten Lebensjahre und machte im Studium gute Fortschritte, da er sehr begabt, wißbegierig und an geistiger Reife seinen Jahren voraus war Zu jener Zeit wurde sein Vater als Rabbiner nach Frauenkirchen in Ungarn berufen. Dort angekommen, fragte der kleine Lazar, als er die verfallenen Häuser des Ortes erblickte, den Vater: „Ist hier die Vorstadt?" Der zum Empfang des neuen Seelsorgers erschienene Gemeindevorsteher, der die Worte vernahm, antwortete ihm lächelnd: „Jawohl!", worauf Lazar bemerkte: „Warum wird dem Vater ein Haus in der Vorstadt und nicht in der Stadt angewiesen?" „Weil dies hier so Brauch ist," ward ihm zur Antwort. „Wenn dem so ist," sagte darauf der gekränkte Knabe, „so wird meinem Vater, wenn er zu großer Bedeutung gelangt sein und von einer großen Gemeinde gewählt werden wird, nicht ein kleines Häuschen, sondern eine Schlucht im Innern der Erde als Wohnung angewiesen werden". Bis zu seinem 13. Lebensjahre lernte Horwitz bei einem . Lehrer nebst der Bibel deutsch und andere Gegenstände, später bei seinem Vater Talmud und Kommentare. Innerhalb von fünf Jahren machte er große Fortschritte und kam mit achtzehn Jahren nach Preßburg, woselbst er bei dem berühmten Chacham Sofer (Rabbiner Moses Schreiber) in der dortigen Jeschiwa Unterricht genoß. Da seine Fähigkeiten immer mehr zutage traten, wurde er der Lieblingsschüler seines großen Lehrers. Nach vierjährigem Studium in Preßburg wurde Horwitz nach Hause berufen, weil sein Vater schwer erkrankt war. Bald nach seiner Heimkehr starb der Vater. Er betrauerte tief den Verlust desselben und hielt ihm eine ergreifende Trauerrede, deren geistvoller Inhalt von den Zuhörern ebenso bewundert wurde wie die Beredsamkeit des Sohnes. Man wollte Horwitz, der dem Vater nachgeraten war, zu dessen Nachfolger einsetzen, doch er lehnte mit den Worten ab: „Ich bin noch zu jung, wählt einen Berufeneren!" Trotzdem man in ihn drang, die Stellung anzunehmen, blieb er konseqent bei seiner Ablehnung. Auch von Heiratsvorschlägen wellte er nichts wissen, sondern unabhängig bleiben. Erst später, als ein anderer Rabbiner gewählt wurde, entschloß er sich, sich mit der Tochter eines angesehenen Kaufmannes aus Deutsch-Kreuz, Karoline Spiegel, zu verleben. Im Alter von dreiundzwanzig Jahren verheiratete er sich. In einer herrlichen Rede verabschiedete er sich von der Gemeinde in Preßburg und übersiedelte zu seinem Schwiegervater. Dieser sorgte für seinen Unterhalt, so daß es Horwitz möglich war, sich seinen weiteren Studien hinzugeben. Mit eisernem Fleiß saß er Tag und Nacht bei seinen Büchern. Es fanden sich Mißgünstige, die, als sie seine Fenster nachts erleuchtet sahen, behaupteten, er lerne nachts, damit sein Schwiegervater nicht merke, daß er noch nicht viel könne. In Wirklichkeit besaß Horwitz ein so umfassendes Wissen, daß er zum Leiter der Talmudthora-Schule gewählt wurde. So lebte er in Ruhe nur seinen Studien und strebte nicht nach Höherem. Da trug ihm eines Tages Hoffmannsthal die Oberrabbinerstelle in Wien an. Zu dessen Erstaunen lehnte Horwitz den Antrag jedoch ab. Statt glücklich zu sein, solcii ehrenvollem Rufe folgen zu dürfen, meinte Horwitz, er sei noch zu jung und nicht würdig, in einer so großen Gemeinde angestellt zu werden. Hoffmannsthal berief sodann eine Versammlung ein, zu der auch Horwitz eingeladen wurde. Kultusvorsteher Ritter v. Neuwald apostrophierte den Erschienenen mit den Worten: „Ihre Jugend ist kein Hindernis, das Amt zu bekleiden. Sie sind in den Wissenschaften versiert und ein unbeschriebenes Blatt. Sie werden sich der Gemeinde anpassen, was ein harmonisches Zusammenwirken ermöglichen wird." Nach mehrfachen Einwendungen erst entschloß sich Horwitz endlich zur Annahme der Berufung. Er hatte vorher noch den Rat des Rabbiners Schreiber in Preßburg eingeholt, der ihm kategorisch aufforderte, die Stellung anzunehmen. (Fortsetzung folgt.)