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Die Wahrheit · 1929-12-13 · Heft 50 (13.12.1929) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 50 (13.12.1929)
Date
1929-12-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT 1> ^>S*tMr rttffeistlichungetx dcc Xlnicti cLeutscIvcetewcicKischev Juclav JitWtök WianIX.'BerQgarrß 4 TeUfe*.: 19 J2-7? Sieg der Vernunft. Die Verfassungsreform ist nach langen schweren Kämpfen unter Dach und Fach gebracht. Böse Zeiten liegen hinter uns. Es gab Tage, wo man deutlich fühlte, wie sehr eigentlich ein aufgeputschtes, unwissendes und verelendetes Volk immer den Wahnideen des Bürgerkrieges, der Gewaltakte und der Terrorentscheidung zugänglich ist. Und wie leicht die Gewaltakte von der einen Seite die der anderen Seite auslösen. Diese Zeit, sie liegt nun, Gott sei Dank, hinter uns, und der friedliebende Bürger dieses Staates kann endlich befreit aufatmen. Und er muß jenem Manne danken, dessen bleibendes Verdienst die Erledigung der schwierigen Verfassungsreform bildet, unserem Bundeskanzler Dr. Hans Schober, zu dem die österreichischen Juden stets Vertrauen hatten und dessen Kanzlerschaft sie seit ihrem Beginne mit Freuden begrüßen. Ein treuer, legaler und — weil kein Parteimann — von jeder Einseitigkeit freier Staatsmann hat da ein sehr schweres Werk geschafft, das einem Parteimann wohl nie geglückt wäre. Demokratische Volksführer von links und rechts haben ihm, zögernd vielleicht, aber opferbereit, Gefolgschaft geleistet und die Leute des Terrors, des Putsches, des Verfassungsbruches, der Illegalität an die Wand gedrückt, wie sie es verdient haben, weil in einem freien europäischen Kulturland für sie kein Platz mehr sein kann. Wenn man jetzt die Parteizeitungen liest, möchte man glauben, daß es lauter Sieger und gar keine Besiegten in dem heißen Ringen der letzten Wochen gibt. Die Sozialdemokraten behaupten, daß die Heimwehren, die Heimwehren, daß die Sozialdemokraten zum Nachgeben gezwungen wurden. In Wahrheit hat weder Dr. P f r i m e r noch Doktor Bauer Ursache auch nur zum kleinsten Triumphgeschrei. Die Resultante, die zwischen beider Forderungen gezogen wurde, ist die berühmte mittlere Linie, auf der sich nur jene wohlfühlen, die innerlich die Verständigung bejahen und die keine Gesinnung vergewaltigen wollen. Ueber Dr. Prrimer und Dr. Bauer steht eben Schober, der Mann, dem das Ganze wichtiger ist, als die Teile. Was zustande gekommen ist, ist ein Kompromiß. Es wurde hier eine zwar nicht ideale, aber immerhin demokratische Lösung gefunden. Beide Teile haben Konzessionen gemacht, die Bahn für die wirtschaftliche Gesetzgebung ist frei. Damit ist nur die erste Etappe erreicht zum wahrhaften Frieden. Wird doch dieses Kompromiß von den rechtsradikalen Elementen, zum Beispiel der antisemitischen „D ö t z" schon heute nicht als eine Friedensetappe, sondern als Kriegsetappe ausgerufen, als erster Schritt zu neuen Kämpfen, als erste Abschlagszahlung auf neue Forderungen! Diesem Spiel muß ein Ende bereitet werden. Nach Abschluß dieses Verfassungskampfes stehen die Freunde des Friedens und der Verständigung vor neuen großen Aufgaben: Entwaffnung in jedem Sinne des Wortes, Entwaffnung der Geister und der Kämpfer! Hoffentlich wird die Wirtschaft, an der wir österreichischen Juden besonders interessiert sind, wieder ein wenig aufatmen können, wenn der beklemmende Druck der politischen Gefahren erleichtert ist. Der erste Anschlag auf den inneren Frieden ist abgeschlagen, das politische Manöver, zu welchem der Gedanke der Verfassungsreform mißbraucht wurde, mißlungen. Die Wirtschaft wird jetzt gebieterischer denn je ihre Stimme erheben gegen jeden neuen Versuch weiterer Störungen der normalen Lebensmöglichkeiten. Die wirtschaftliche Depressionswelle, die sich über ganz Europa ergießt und unser Land in besonders empfindliche Mitleidenschaft zieht, gestattet keine weiteren Experimente auf der Bahn einer uferlosen Gewaltpolitik. Wir sind um ein gutes Stück weitergekommen in dem Prozeß der Heilung und Entgiftung unseres öffentlichen Lebens, in der Annäherung an den Union dentschöslerrelchtsclier Juden ■ Wien IX., Berggasse 4 — Tel. A 19-2-77 J| ______ j ■ EINE/LOI/NCr ■ zu dem am 5 Donnerstag, den 19. Dezember, ö Uhr abends, 5 im großen Saal des RCSf aurant T O n e 110, 11., ■ Lillenbrunnaasse Nr. 2 g stattfindenden 5 Diskussionsabend ■ ■ über das Thema: ■ „Unsere Stellung zu den ( Verfassungskämpfen" j Einleitende Worte: Dr. Ernst Feldsberg. { ■ Zur Diskussion haben sich bereits gemeldet: Ing. B Hugo Koditschek, Reg.-Rat Dr. Max Lenk, Hof- J rat Ing. Josef Löwy. Die Reihenfolge der Diskussions- ■ redner wird nach Abschluß der Rednerliste bestimmt. ■ Gäste willkommen! ■ Kein Konsumzwang! ■ Das Präsidium der ■ „Union deatsdiöslerreidilsdier Jaden" ■

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