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Die Wahrheit · 1929-12-13 · Heft 50 (13.12.1929) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 50 (13.12.1929)
Date
1929-12-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT MnnnBHnwwBwiwnBwii Seite Tötung zugab. Aber das von Güte erfüllte Herz des Staatsanwaltes sträubte sich noch immer gegen die Annahme des vorsätzlichen, meuchlerischen Vatermordes! Unwillkürlich drängt sich dem mitfühlenden Beobachter der Gedanke auf, wie hart es diesem deutschen Staatsanwälte geworden wäre, in dem jungen Grafen Stolberg einen tückischen Vatermörder zu erblicken, wenn dieser den Ruf genossen hätte, ein fanatischer Wahrheitsfreund zu sein, wenn alle Glieder der Familie Stolberg durch die Bande der rührendsten innigsten Liebe mit einander verbunden wären, wenn er weiter hätte leugnen dürfen, wenn ein „Unbekannter", der den Ermordeten ausgeraubt, als Täter in Frage käme. Wenn — doch genug. Es ist wohl anzunehmen, daß in diesem Falle der Staatsanwalt für den Freispruch des jungen Stolberg plädiert hätte. % * * Ist es nicht seltsam, daß die große Oeffentlichkeit mit geradezu verblüffender Gleichgültigkeit an der Gerichtsverhandlung vorüberging, in welcher Prof. v. Möller, Lehrer der Rechtsgeschichte an der Universität Berlin, als Angeklagter erschien? Jüdische Leser hätten sicherlich allen Grund, sich für die Schicksale des Mannes zu interessieren, von dessen „antisemitischen Krawallvorlesungen" vor einiger Zeit in den Zeitungen zu lesen war. Herr Prof v. Möller stand natürlich nicht wegen dieser Vorlesungen vor Gericht. Wohl aber wegen einer Reihe schweren Beleidigungen, die er vom Katheder aus, zum Gaudium seiner hakenkreuzlerisch gesinnten Hörer, nicht nur gegen die heutige Staatsform Deutschlands, sondern auch gegen einige aktive Minister ausgestoßen hatte. Die geheime Verhandlung endete zwar mit einem Freispruch, dessen Begründung — die Geisteskrankheit des Angeklagten — tragisch wirkt und dem Betroffenen das tiefste Mitgefühl sichert. Einem Lehrer der Rechtsgeschichte, der seit Jahren geisteskrank ist, wird man auch die antisemitischesten Hetzvorlesungen gerne nachsehen. % % * Im großen Saale des SzolnokerGerichtsh o f e s, in dem jetzt die Verhandlung gegen die Giftmischerinnen von Tiszakürt stattfindet, hat man vor einigen Jahren auch die Csongrader Bombenwerfer, d. h. die Subjekte, von deren Schuld damals alle Welt überzeugt war, auf der Anklagebank gesehen. Die drei Opfer dieser Bombenwerfer waren Besucherinnen eines jüdischen Wohltätigkeitsballes gewesen und die Täter konnten daher zu ihrer Entschuldigung nicht einmal das anführen, was die Giftmischerinnen jetzt vorbringen: daß die Getöteten, die sie beerben wollten, ihnen im Wege standen . . . Die rassenschützlerischen Bombenwerfer von Csongrad könnten heil und gesund den Gerichtssaal verlassen. Selbst ihr im ersten Moment des Erschreckens freiwillig abgelegtes Geständnis wurde ihnen nicht zum Verhängnis, denn Rassenschützler hatten vor Gericht nur zu erklären, das Geständnis sei ihnen erpreßt worden, und waren dann geschützt. Seither schenkt die ungarische Justiz aber noch immer den Csongrader Bombenwerfern eine nie erlahmende, peinlich, fast übertrieben scheinende Aufmerksamkeit. Aus einer sensationellen Parlamentsdebatte konnte man sogar erfahren, daß auch die Regierung alles daransetze, daß keine verfrühte indiskrete Mitteilung über die in undurchdringliches Geheimnis gehüllten Recherchen in dieser Sache bekannt werde. Die Ehre der ungarischen Justiz erfordert es unerbittlich, daß die Csongrader Mörder, wenn man sie wirklich noch jemals auf der Anklagebank sehen sollte, der gerechten Strafe nicht entgehen. £ * * Die hakenkreuzlerische Presse macht sich den Urnstand, daß Gerhart Hauptmann sich vom politischen Getriebe fern hält, zunutze, um gelegentlich ihm stille Sympathien für den Antisemitismus anzudichten. Hauptmann mag es an der Zeit gehalten haben, dem Gelichter ein hands up zuzurufen, und es ist daher mit Freuden zu begrüßen, daß ein ihm nahestehender Freund mit ausdrücklicher GenehmigungHauptmanns dessen Haltung gegenüber Judentum und Antisemitismus laut und weithin vernehmlich folgendermaßen kennzeichnet. Er schreibt u. a.: „Wie wenig die Menschen von der geistigen Welt, in der Gerhart Hauptmann lebt, von seinem unbeirrbaren Gefühl für Recht und Gerechtigkeit wissen, zeigt wohl am besten die Tatsache, daß es jüngst einmal Gegenstand einer wirklichen Debatte sein konnte, welche Stellung der Dichter dem Judentum gegenüber einnahm. Es erscheint mir geradezu lächerlich, davon auch nur zu reden, aber es ist vielleicht ganz gut, wenn i c h e i nmal mit Wissen des Dichters öffentlich erkläre, daß seinem Wesen kaum etwas ferner liegt, als der Begriff des Judenhasses, des Antisemitismu s". * * * Anläßlich des vor einiger Zeit stattgefim.denen Stiftungsfestes des katholischen Kasinos Freising hielt Ministerpräsident Dr. Held eine Rede, in der er, um Ludendorffs Hetztätigkeit zu erklären, sich mit dem Geisteszustände des Generals beschäftigte. „Man frage sich — sagte Dr. Held u. a. — bei Ludendorff, ob man von Dummheit oder Verächtlichkeit sprechen solle. Die Katholiken hätten es nicht nötig, sich von Ludendorff eine Zensur ausstellen zu lassen über Vaterlandsliebe und Vaterlandstreue." Dieses Urteil Dr. Heids über den gewaltigen Maulhelden ist zwar nur im Namen deutscher Katholiken gefällt worden. Aber die deutschen Juden, denen Ludendorff gleichfalls Zensuren über Vaterlandsliebe und Vaterlandstreue ausstellt, brauchen sich nur einfach der Meinung Dr. Heids anzuschließen. * * * Die „Dötz" ist mit dem neuen Entwürfe über das Preßgesetz höchst unzufrieden. „Hat man — schreibt sie — diesen Begriff (nämlich was die Presse bedeutet) erfaßt, dann kann man unmöglich gestatten, daß jeder, der nur will, und mag er n o c h so ungebildet und so minderwertig in sittlicher und geistiger Beziehung sein, auf die arglose arische Leserschaft bedenkenlos losgelassen wird." Wenn man an die Leistungen gewisser hakenkreuzlerischer PreBorgane erinnert, bei denen es fraglich ist, ob sie mehr von Mißachtung der deutschen Sprache oder von Verhöhnung aller Lehren der Religion und der Humanität zeugen, dann muß ich gestehen, daß ich oft darüber staunte, daß derlei Literatur „auf die arglose arische Leserschaft bedenkenlos losgelassen wird." Ego.

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