Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 50 (13.12.1929)
- Date
- 1929-12-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 mm »nmmmnitmnmiifwmiunmium nrnigimwa DIE WAHRHEIT Elsaß. Sie kamen vor etwa zwei Jahrhunderten über Italien nach Polen. Aber in unserem Hause, meine Eltern waren strenggläubige Chassidim, wurde stets das Jiddische. Mittelhochdeutsche, gesprochen. Als Achtzehnjähriger war ich in meiner Heimatstadt Delatyn, im Kreis Stanislau, als Deutscher gehaßt und hatte seitens der völkisch gesinnten Polen viel Unerquickliches zu erleiden. Der bekannte polnische Literaturkritiker Zdislaw Kaminski (Kazet), der in Delatyn eine hohe Staatsstelle innehatte, veröffentlichte über mich ein Gedicht, in dem er mich der Verbreitung der deutschen Sprache auf polnischer Erde anklagte. Das Gedicht war im „Smigus" Nr. 16 vom 15. August 1900; ein Exemplar befindet sich in der Wiener Nationalbibliothek unter J. 40, 1587), einem in Kreisen des polnischen Adels beliebten Witzblatt, abgedruckt und lautete wie folgt: In deutscher Übertragung: 1. Ktöry twierdzi w gtupiej Jest tu u nas Chajim Bloch, Ktöry twierdzi w g'Iupiej dumie, 2e po polsku nie nie umie. 2. Jest tu jeden z kroci zyd, Obca gednose mu i wstyd, Ten zydowin w polskiei ziemi, Zasadami dmie schwabskiemi! Ty..............! JesJi tu nie dobrze ci, Haida! na zlamanie nogi! Do Niemiec zyczymy szczesliwej drogi! 1. Heißer Brei und heiße Bohnen, Bei uns ist es Chajim Bloch, Der mit dummem Stolz behauptet, Daß er Polnisch nicht versteht. 2. Nur ein Jud' von vielen ist er, Fremdes Fühlen ist ihm Schande, Ein Jüdlein im polnischen Lande, Hegt die Schwabensprache! 3. Wenn 's Dir hier nicht gefällt. Du.......! Marsch! hinweg zerbrochenen Fußes, Wach Deutschland! Glückliche Reise! Vorträge. In dem letzten der im Rahmen des Maimonides-Instituts im Hörsaal 27 der Universität abgehaltenen Vorträge über den Talmud beschäftigte sich Herr Rabbiner Dr. Kaminka zunächst mit dem Gutachten, das Professor Goetzenberger in dem jüngsten Talmud-Prozeß in Nürnberg abgegeben hat. Der Gelehrte betont darin die großen Schwierigkeiten sowie die gründlichen Kenntnisse, welche das Talmudstudium erfordert; er stimmt, was besonders wichtig ist, mit der von dem orthodoxen Rabbiner Dr. Wolmuth abgegebenen Erklärung überein, daß ihm heute keine absolute Verbindlichkeit mehr beigemessen wird, da die Verschiedenheit der heutigen Verhältnisse mit den damaligen eine ganz andere Auslegung und Wertung zur natürlichen Folge haben müssen. Auch ist nicht nur der Text, sondern die Ansicht der zahlreichen Kommentatoren und ihre Uebereinstimmung maßgebend. An der Hand des ersten Satzes vom Traktat Berachoth, der von der Zeit handelt, von welcher ab man abends das „Schemah" sagen darf, bespricht der Vortragende eingehend die Bedeutung dieses Gebetes als Bekenntnis, betont den Unterschied zwischen „Beten" und „Lesen", begründet, weshalb man sich beim Rezitieren in der Synagoge nicht vom Sitz dabei erheben brauche, und erweist den Grund für das absurde Zustandekommen der Androhung der Todesstrafe für ein Versäumnis dieses Abendgebetes — eine Erklärung, die eben geeignet ist, die Notwendigkeit der Kenntnis der disparatesten Stellen von Mischna und Gemahra zu erweisen. Nur die Kenntnis der Zusammenhänge, Beherrschung der orientalistischen Wissenschaft berechtigt zu einer Kritik dieses schwierigen Werkes und einzelner Sätze aus demselben. Mei-Rat. Dr. H. Haase. Im Rahmen der Veranstaltungen des Vereines für jüdische Geschichte und Literatur fand am 11. v. M. ein Vortrag des Oberrabbiners Dr. Eliezer Schweiger aus Neutra über „Darwinismus und jüdische Weltanschauung" statt. Der Vortragende setzte sich im besonderen mit der Theorie eines Jüngers Darwins, des bekannten Zoologen August Weismann — auch als Untertitel seines Themas angekündigt — auseinander. Hatte ursprünglich Darwin nur die Theorie ausgesprochen und hierbei sich auf den struggle of life gestützt, so haben seine Jünger, nach Meinung des Referenten, dieser Theorie einen ganz anderen Sinn verliehen und einen neuen Darwinismus geschaffen, indem sie den Sieg der Starken und die Vernichtung der Schwachen im „Kampfe ums Dasein" predigten. Weismann ist es auch, der nur die Starken als die Lebensfähigen betrachtet, die Schwachen aber dem Untergang geweiht wissen will. Es wäre nach seiner Meinung zwecklos, die Armen und Bedürftigen zu schützen, überhaupt sozialen und ethischen Tendenzen zu huldigen. Was sollten darnach Aerzte, Spitäler, Wohltätigkeit und soziale Fürsorge frommen? Wir Menschen könnten die Schwachen vor dem Untergang nicht retten! Bedeutet doch nach Weismann jeder „Kampf ums Dasein" eigentlich nur eine Sichtung und Auswahl der Starken, und darin bestehe eben das Heil der Menschheit (?). Kein Wunder, daß Weismanns Theorie während des Krieges so mächtigen Widerhall gefunden; sollten doch gerade aus dem blutigen Stahlbade des Weltkrieges die wirklich lebensfähigen, idealeh Starken hervorgehen!! Vortragender führte aus, daß diese antisozialen Gedankengänge dem jüdischen Geist widersprechen, der in den ethischen und sozialen Errungenschaften der Bibel verankert ist. Sind es doch gerade die biblischen Satzungen, die sich für das Wohl des Armen und Bedürftigen einsetzen. Auch konnte Darwin, der der Bibel hohe Verehrung zollte, nie und nimmer seine Theorie in einem Gegensatz zu ihr bringen. Nur seine Jünger hätten eine neue Deutung und Definition des Darwinismus geschaffen, der unserer jüdischen und überhaupt jeder sittlich hohen Mentalität widerspricht. Dagegen haben die Rassentheoretiker, wie Chamberlain, aus dieser Darwinschen Theorie Kapital geschlagen, um die Superiorität der „arischen" und Inferiorität der jüdischen „Rasse" zu erweisen. Daß aber das Judentum dank seiner Zähigkeit im „Kampf ums Dasein" den Gedanken einer angeblichen Inferiorität ad absurdum geführt, ist Antisemiten nicht einleuchtend. Der überaus interessante und rhetorisch vollendete Vortrag des Oberrabbiners, dem sich eine lebhafte Diskussion anschloß, fand lebhaften Beifall beim zahlreich erschienenen Publikum. Der Verein hatte auch diesmal bewiesen, welche wertvollen Leistungen er auf dem Gebiete der Verbreitung wissenschaftlichen Denkens zu bieten imstande ist. Josef Babad. Qlerren,. Solon kennt in seinem Gesetzbuche keine Strafe für den Vatermord. Er hielt dieses Verbrechen offenbar für außerhalb der menschlichen Natur gelegen. An diese ideale Auffassung erinnert einigermaßen die Haltung, die der Staatsanwalt zumindest anfangs im Prozesse gegen den jungen Grafen Stolberg einnahm. So furchtbar auch die Kette der Indizien erschien, die gegen den Angeklagten spricht, der sich selbst immer tiefer in dem Labyrinth seiner abwechslungsreichen Darlegungen verirrte, der Staatsanwalt hielt noch immer seine schützende milde Hand über dem Haupte des Angeklagten. Durch die Aussagen intimer Kenner der Familie Stolberg konnte man einen erschütternden Einblick in die keinesfalls imponierend sittlichen Verhältnisse des Hauses gewinnen. Man erfuhr, daß der junge „Majoratsherr", der als außerordentlicher Schauspieler galt, durch den Tod seines Vaters eine erhebliche Verbesserung seiner materiellen Lage erhoffen mochte. Man stand vor der verblüffenden Tatsache, daß die Brüder des Verdächtigten von der Gunst des Gesetzes, sich der Aussage zu entschlagen, Gebrauch machten. Und schließlich das Geständnis des Angeklagten, der die fahrlässige Danksagung Allen Herren und Damen, die aus Anlaß meiner Auszeichnung mit einem griechischen Orden so freundlich waren, mich mit ihren Glückwünschen zu beehren, sage ich aut diesem Wege besten Dank; insbesondeie gilt das auch den hochverehrten Vereinen. Prof. Dr. S. Krauss.