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Die Wahrheit · 1929-12-13 · Heft 50 (13.12.1929) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 50 (13.12.1929)
Date
1929-12-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT <MH Seilt 1 seit jenen Tagen immer neue Massen ins Land kommen, daß der „Lloyd Triestino" bis Jänner ausverkauft ist, hast Du vielleicht schon gehört. Nun haben wir hier täglich die Sensation der Untersuchungskommission. Man liest enorm viel Zeitungen. „Haarez" und „Doar Hajom" erscheinen zweimal täglich. Bisher hat die Untersuchung fast nur Günstiges iür die Juden ergeben. Unser Anwalt, Sir Boyd Merriman, ist eine „Kanone" la Kalibers. Er hat den Chiei Secretary Luke (ehem. Lukasz) bis aufs Hemd ausgezogen*) und auch unsere anderen „Freunde" unter ein ähnliches Rampenlicht gebracht Aber all das ist nur „auch wichtig". Wesentlich ist nur die Stärke unserer wirtschaftlichen Positionen. Ich bin jetzt kreuz und quer durch das Land gekommen und habe sehen können, wie stark wir trotz unserer Schwäche sind. Von einer „Krise" keine Spur. Bei den Banken liegen Summen, die nicht placiert werden können. Denn der Kaufmann will sich nicht verschulden und schränkt sich lieber ein, als unwirtschaftlichen Kredit zu nehmen. Auch der Boykott kann die jüdische Wirtschaft nicht erschüttern, die bereits stark in sich geschlossen ist. Wenn ich Dir so optimistisch schreibe, will ich Dir nicht verschweigen, daß es wohl noch ein halbes Jahr nicht „ganz ruhig" sein wird. Aber das soll Dich und Deine Freunde nicht abhalten herzukommen. Es kommen schon Touristen, manche wohl aus Neugierde. Aber es ist soweit sicher. Auch ist die Reise recht angenehm. Die Schiffe des „Lloyd Triestino" haben etwas von der gemütlichen Atmosphäre eines Wiener Kaffeehauses behalten und ich fand eigentlich, daß die Reise zu rasch gehe. Und was das Reisen hier betrifft, so ist die Sache relativ billig und bequem durchzuführen. Wie Du gehört hast, war neulich eine Gruppe der „N. F. Presse" hier und die kann Dir ja erzählen. Und noch etwas. Jeder Jude, ohne Unterschied seiner jüdisch politischen Stellung, sollte gerade jetzt herkommen und Fühlung gewinnen mit seinen Brüdern. Nächstens mehr. K. Hbg. Offener Brief an die „Dötz" Ich habe am 4. Dezember der „Dötz" nachstehendes Schreiben eingesendet: Mit lebhafter Freude habe ich in Ihrer Ausgabe vom 3. Dezember die Kundgebung zu Ehren des Abgeordneten Jerzabek gelesen. Denn es kommt nicht oft vor, daß man in einem antisemitischen Blatte so gehäufte Lobhudeleien für das Judentum findet, wie in besagter Kundgebung. Zunächst stellen Sie fest, daß alle jüdischen Eltern ihre Kinder dem Hochschulstudium zuführen. Kann es ein höheres Lob für die jüdischen Eltern geben? Und was hindert die christlichen Eltern, dieses Beispiel nachzuahmen? Ferner schreiben Sie, daß die jüdischen Akademiker erfahrungsgemäß leichter unterkommen als die anderen. Ich weiß nicht, wo Sie solche Erfahrungen gemacht haben; jedenfalls würde deren Richtigkeit in dem seit 40 Jahren antisemitisch verseuchten Oesterreich die glänzende Begabung der Juden zum Hochschulstudium und das völlige Versagen des angeblich so sieghaften antisemitischen Gedankens beweisen. In der Hoffnung, daß Sie den deutschen Mannesmut aufbringen werden, auch diese Ergänzung Ihrer Kundgebung für Jerzabek abzudrucken, zeichnet achtungsvoll Dr. H. Spiegier, III., Boerhavegasse 8. P. S. Da die „Dötz" bis heute, wie wir uns aus der durch berufliche Pflicht auferlegten Lektüre des Antisemitenblattes überzeugen konnten, den von ihr geforderten Mannesmut nicht aufbrachte, übergeben wir dieses Schreiben der Oeffentlichkeit. D. Red. *) Inzwischen hat der durch die Vernehmungen der Untersuchungskommission sehr starke belastete Mr. Luke einen zunächst für fünf Monate berechneten „Urlaub" angetreten. D. Red. Die Ostjuden. Wir veröffentlichen im folgenden die vornehme Kritik, die Chajim Bloch in der Vorbemerkung seines demnächst im A m a 11 h e a- V erlag (Zürich—Leipzig—Wien) erscheinenden Buches „Priester der Liebe*' (Die Welt der Chassidim) der früheren Stellungnahme Jakob W a s s e r m a n n s zu den üstjuden zuteil werden ließ. Die Antwort des Dichters auf diese Kritik ist unseren Lesern aus Nr. 48 der „Wahrheit" bekannt. In einem offenen Brief an den Herausgeber der „Monatsschrift für kultureile Erneuerung"" hat der bekannte deutsche Dichter Jakob Wassermann auch der Ustjuden Erwähnung getan. Er schrieb wörtlich folgendes: „Kriegs- und iNachkriegsjahre haben vielerlei Unrat und Unflat an die überiiäche der Gewässer getrieben; nicht bloß jüdisches Händler-, Schieber- und Spekulantentum, nicht bloß die Scharen halbbarbarischer, lebensgieriger, beutegieriger, aber von einem ganz barbarischen Autokratismus geuerationenlang in Ghettowildnis gefangener und infolge des Krieges unglücklicherweise auf Deutschland als das Land der Mitte losgelassener polnischer und russischer Juden.*) Die polnischen und russischen Juden in ihrer Totalität dafür verantwortlich zu machen, das scheint mir, ich bediene mich der Worte Jakob Wassermanns, „bei der Gesamtverfassung der heutigen Sittlichkeit** doch ein wenig gar zu billig und gar zu einfach. Ich bin dessen sicher, daß der große empfindsame Dichter anders urteilen würde, wenn er die von tiefster Menschlichkeit erfüllten, gottergebenen üstjuden gekannt hätte. Mit der Aenderung von „Juden" in „Ostjuden" und „Baron Ferdinand" in „Dichters Wassermann" frage ich mit Doktor Beer in Hermann Bahrs schönem Roman „Die Rotte Korahs": „Wen kennen Sie von uns? Was haben Sie von unserem Volke gesehen? Ich will Ihnen sagen, was Sie kennen! Die Üstjuden? Nein, nein, mein lieber, großer Dichter Wassermann! Woher sollen Sie die Ostjuden kennen? Woher? Ich bitte! Bis ein Ostjude in Ihre Gesellschaft kommt, ist er es längst nicht mehr." Wassermann fragt mit stolzem Ernst: „Was hätte ich mit ihnen, den polnischen und russichen Juden zu schaffen, ich, dessen Vorfahren väterlicherwie mütterlicherseits seit sechshundert Jahren im Herzen von Deutschland lebten und arbeiteten? Ich habe auf diese Frage folgende Antwort zu geben: Auch die Ahnen dieser von Wassermann so herabgesetzten Ostjuden, väterlicherwie mütterlicherseits, lebten und arbeiteten viele Jahrhunderte im Herzen von Deutschland. Wir besitzen die Berichte von Zeugen und Zeitgenossen über die Judenverfolgungen in Deutschland während der Kreuzzüge und dann später und sehen, daß unsere Ahnen gezwungen waren, ihre geliebte deutsche Heimat zu verlassen; Polen hat sie autgenommen. „Und diese Jidden", heißt es in dem von Walter Gerbing, einem deutschen Nichtjuden, herausgegebenen Buche „Das Erdbild der Gegenwart" (Band I, Polen) „hingen treu am Alten, sprachen das Mittelhochdeutsch ihrer aus dem Westen ausgewanderten Ahnen, lebten und webten aber im Grunde gar nicht auf polnischer Erde, sondern im Ghetto und in ihrer Synagoge." Bis zum Kriege haben diese Juden ihre deutschen Namen, so abscheulich manche sind (Alfred Döblin hat in seinem Buche „Reise nach Polen" eine Auslese dieser seltsam komischen Namen gebracht), behalten und nie eine Abänderung in polnisch klingende vorgenommen; der deutsche Name ging von Vater auf Sohn über und war ihnen teuer. Diese Juden haben, vielleicht unbewußt, Jahrhunderte hindurch deutsche Kultur im Osten verbreitet und im gewissen Sinne auch deutsche Wesensart auf polnischer Erde bewahrt. Das ist Heldentum. Die Ostjuden, welche heutzutage in den Westländern in die Augen springen und sich durch nicht einwandfreie Handlungen bemerkbar machen, sind längst keine „Ostjuden". Die aber, die auch in der „Fremde" ihrer Eigenart und Gesinnung treubleiben, sind wohl wie wir alle lebensgierig, keinesfalls aber beutegierig. * * * Ich will es mir nicht nehmen lassen, an dieser Stelle eine Erinnerung aus meinem Leben zu verzeichnen. Meine Urahnen stammten aus Deutschland und dem *) Jakob Wassermann, „Lebensdienst", Leipzig 1928. Grethlein & Co. Er wiederholte diese Beschuldigung in einem im Sommer 1928 in Reichenhall gehaltenen Vortrag* über „Das Judentum".

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