Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 50 (13.12.1929)
- Date
- 1929-12-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064245--17675-3087798- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 DIE WAHRHEIT Ungarische Nastgänse S 3-20 Mährische Lebergänse „ 3-40 Gansffetf kg „ 4-— Geräucherter Gansbügel per Stack S 3.— „ Gansbrust „ „ „ 7-— Stadtu. Provinzversand pr. Tel. A14-4-87 Karl Faludi, XIX., Döblinger Hauptstraße 88 Auf diesen Gebieten hat sich N. Müller trotz guten Willens und des Strebens nach Unparteilichkeit im allgemeinen von den Anschauungen einer judenfeindlichen Presse und sonstigen gehässigen Strömungen offenbar nicht freihalten können. Regierungsrat Dr. Emil Weinberg. Karin Michaelis „Flammende Tage"*) Karin Michaelis, die mutige Vorkämpferin für Menschenrechte, sendet ein neues Werk in die Welt: „Flammende Tage". Sie schreibt über Fragen, die die Gemeinschaft der Geschlechter betreffen. Sie erhebt Anklagen gegen bestehende Mißstände. Sie bekämpft Ungerechtigkeiten mit den Waffen der Satire und der scharfen Analyse. Sie überzeugt durch ihre kluge und tiefe Güte und bringt auch Anregungen, um die Mißstände, die sie beleuchtet, aus der Welt zu schaffen. Auf jeder Seite dieses von Temperament sprühenden Buches zwingt sie den Leser, sich mit der Not der Kreatur zu befassen. Sie sieht die Abhilfe in einer grenzenlosen gegenseitigen Sympathie der Menschen zueinander. Sie wünscht, sie sagt es selbst: „die Ewigkeit ihrer Seele einzutauschen in Menschengüte." Mit Leidenschaft streitet sie für das Recht zur Mutterschaft und gegen den Zwang dazu. Sie zeigt das Martyrium der Frau. Ein Kapitel widmet sie dem geknechteten serbischen Weibe. Sie führt uns in die kleinen unsauberen Städte Polens, wo abgezehrte kranke Kinder in fensterlosen verfallenen Häusern, dicht gedrängt, vegetieren und in den stinkenden Gassen verkommen. Sie spricht von gequälten Menschen und Tieren und läßt deren Leid den Leser spüren. Als Zeichen der Barberei unserer Zeit erscheinen der vorurteilslosen Frau Tierquälereien und Judenhaß. Sie begreift es, daß Politik, Religion und Nationalismus zwischen den Menschen Schranken aufrichten, aber sie begreift nicht das Ausmaß des dadurch erzeugten Hasses. Einen weiten Raum im Kapitel über „Jüdinnen" widmet sie ihren Erinnerungen. Ihre jüdischen Mitschülerinnen waren frei von der Unsitte böswilliger Klatschsucht, noch waren die Begabten unter ihnen, stolz oder eingebildet. Verletzende Bemerkungen und Schmähungen traf sie nie bei ihren jüdischen Kameradinnen. In ihrer Erinnerung lebt noch die Predigt eines Rabbiners, die bei der Einsegnung zweier jüdischer Mädchen gehalten ward. Eine Weile lang lebte Karin Michaelis in dürftigsten Verhältnissen als Musikstudentin in einer jüdischen Pension Kopenhagens und hat dort nur Güte erfahren, als wenn alle, Wirte und Gäste, darin gewetteiiert hätten, ihr zarteste Rücksicht entgegenzubringen und sie zu erfreuen. Sie rühmt die Hilfsbereitschaft der Juden gegen Andersgläubige, die sie an mehreren Fällen, da sie Sammlungen für Notleidende veranstaltete, erfahren hat. Sie wäre stolz, könnte sie einen Tropfen jüdischen Blutes in sich entdecken. „Mütterlicherseits stamme ich in gerader Linie von einem gewissen Major von Schmidten ab, der im Jahre 1743 aus Bayern nach Dänemark einwanderte. Väterlicherseits habe ich ausschließlich jütländische Pfarrer und Bauern als Vorfahren aufzuweisen. Vergebens habe ich gegrübelt, gefragt, geforscht, um auf jeden Fall jene Tropfen jüdischen Blutes herauszufinden, die es mir erklärlich machen könnten, daß seit meiner frühesten Kindheit die jüdische Rasse so weit anziehender auf mich wirkte, als die nordische blonde. Jedoch als ich mich später durch Augenschein davon überzeugte, daß viele bayrische Männer und Frauen, ohne doch semitischer Abstammung zu sein, dieselben Züge und Eigenschaften wie meine schöne Mutter besitzen, mußte ich mich damit zufrieden geben, reiner Nichtjude zu sein. Doch käme der Tag, der mich vom Gegenteil belehrte, der mir den Beweis davon erbrächte, daß auch nur ein winziges, bißchen Semitenblut in meinen Adern fließt, so würde ich mich so stolz fühlen, wie der Knappe, der den Ritterschlag empfangen." Karin Michaelis — dies ist wohl die Summe iiires Wesens — liebt alle Kreatur und haßt den Haß. L. Marco-Lasker, Berlin. Stimmungsbild aus Palästina. Der Freund des Schriftleiters unseres Blattes, der in der „Wahrheit" schon manchen Stimmungsbericht aus dem Heiligen Lande veröffentlicht hat, sendet ihm wieder einen Brief, der angesichts der letzten Ereignisse von besonderem Interesse ist. Daß dieser trotz des Ernstes der Lage launige Bericht optimistisch gefärbt ist, mag daran liegen, daß sein Verfasser seit jeher zuversichtlich gewesen und anscheinend auch jetzt seine wohl nicht restlos zu teilende Hoffnung auf ein Gedeihen Palästinas nicht aufgibt. D. Red. Haifa, im November 1929. Lieber Oskar! Meinem Versprechen gemäß, will ich Dir nach langein Stillschweigen von uns hier erzählen. Vieles habt Ihr ja aus den Zeitungen ersehen., die je nach Partei des Blattes oder des Korrespondenten ihre Berichte färbten. Manchesmal haben wir uns sehr amüsieren können, z. B. über Telegramme im „Neuen Wiener Journal", die von einer Zerstörung der zionistischen Siedlungen Nablus und R a m 1 e h berichteten. Wir konnten nur sagen „Kalevai", denn die genannten Orte sind die Hochburgen der arabischen „Hakenkreuzler". Nun, vor allem möchte ich Dir versichern, daß es uns recht gut geht. Wenn ich die Wahl habe zwischen der Heirnwehr und Schutzbund, so ziehe ich doch Palästina vor. Wir müssen uns klar sein, daß, wo wir organisiert auftraten, wir den Arabern weit überlegen waren. Wenn wir von den 120 jüdischen Opfern die ca. 80 niedergemetzelten wehrlosen Opfer in Hebron und Safed abziehen, kommen wir auf ca. 40 jüdische Tote, denen ein Vielfaches an Arabern, gegenübersteht. Inklusive der von den Engländern Erschossenen dürfte die Zahl auf 300—400 geschätzt werden. Immerhin hat es sich gezeigt, daß wir mit unserer ad hoc geschaffenen Organisation die Situation gerettet haben und daß 500 gediente Leute dem ganzen arabischen Mob widerstehen könnten. Ich ..arbeitete" in einer Kwuzah, die aus Deutschen und Oestereichern gebildet war. Dazu kamen noch ein Engländer, ein Südafrikaner und ein Amerikaner, letzterer ein bekannter Journalist. So hatten wir. obwolü auf einem recht exponierten Posten, eine recht feine Gruppe beisammen. Am ersten Tag hatte das Kommando ein Berliner, der aber bald verwundet wurde, worauf ein Linzer Kavallerieleutnant „aufrückte". Einmal wurden wir auch vom englischen Militär ausgehoben, das auf unserem Platz am zweiten Tag ein Maschinengewehr aufpflanzte. Doch fand es keine Waffen bei uns. Und wir mußten übersiedeln. Immerhin lernte ich nebst anderen, weniger sympathischen Dingen Jolly Joker und German Whist bei dieser Gelegenheit. Zu Bridge bin ich nicht mehr gekommen. Denn wir waren nicht mehr nötig. Es tat uns wirklich leid auseinanderzugehen. Die ganzen Sachen haben dazu geführt, daß wir uns nur noch viel mehr mit dem Land verbunden fühlen und sogar ich, der ich als „Antisemit" bekannt bin, fand nichts zu nörgeln. Daß *) Carl Reißner-Verlag, Dresden 1929. l«. Dezember 1929 v* tlbr abends 19. Bezemöer 1929" Ein Abend jüdischer Kunst Großer Honierthaussaal Künstlerische Leitung: J. Stutschewsky l. Musik: Uraufführung jüdischer Kammermusikwerke und Klavierkompositionen. Ausführung: J. Stutschewsky. I. Brandmann. B. Gimpel u.a. Gesang: Prof. Dsimitrowsky. Chor- und Gesangvorträge. Ausführung: Jüdischer Gesangverein. II. Tanz: Künstlerische Leitung: Gertrud Kraus. Uraufführung eines bibl.Zyklus „Frauengestalten" (Es4her, Ruth, Mirjam u. a.) weiters Ghettolieder und andere Tanzvorführungen. Ausführung: Tanzgruppe Gertrud Kraus. Karten Vorverkauf: Konzerthauskasse, Kartenbüro „Aida", II., Tabor- _Straße 1, Buchhandlung Rath, H., Taborstraße 20.