Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 50 (13.12.1929)
- Date
- 1929-12-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«.:;«n;:irtumi:!:mti:li>yiiiTli:ltai]Uiiiii DIE WAHRHEII söhnliche ist. Nach dem Krimkriege gab Gortschakoff die Parole aus „La Russie se receuillit", „Rußland sammelt sich". Wir Oesterreicher haben uns lange genug zersplittert. Sammeln wir uns, unsere Frauen voran — nicht mitzuhassen, mitzulieben sind sie da — um das Banner der verehrtesten Frau unseres Landes! Mit der Krone der Weisheit und der Krone der Güte vereint sie die Krone des würdigsten Alters. So möge sie jetzt ihr ganzes Lebenswerk krönen mit der Krone der Friedensbringerin! Sie werde die Retterin Oesterreichs, der Schutzengel, die Mutter unseres Vaterlandes! V. N—n. Veratene Jungen. Der verratenen Jungen im Studentenwichs sei nochmals mit einem Worte gedacht, die zur gleichen Zeit, wie nach einer internationalen Parole, in Wien, in Prag, in Ber 1 in, in Ha 11 e, in Lemberg, in Krakau und Warschau, wie früher schon in Budapest und Bukarest, die Fakultäten belagert halten, daß kein jüdischer Fuß die heiligen Hallen der Wissenschaft entweihe; die mit Faust und Säbel und Knüppel die Freiheit, die Wissenschaft und damit den Länder und Zeiten vereinigenden Weltengeist totzuschlagen suchen. Daß der Bazillus des Judenhasses wie die schwarze Pest so rasch und verheerend von Grenze zu Grenze übergreifen konnte, ist nicht so sehr verwunderlich. Seuchen werden im Zeichen des regen Völkerverkehres leicht verschleppt. Daß aber die Epidemie den Weg hinauffinden konnte zu den Stätten des Geistes, die stets als gut desinfiziert und immun gegen solche Kinderkrankheiten aus der Werdezeit der Völker galten, daß Jünger der Wissenschaft, die in Zeiten großer Erhebungen stets auf den Barrikaden waren, um dem Volke die Freiheit zu erkämpfen, daß diese jugendlichen Künder eines neuen Morgenrotes nunmehr mit der Meute heulen: „Juden raus! Zurück zur Unfreiheit und Engherzigkeit!", dies gehört zu den allergrößten Enttäuschungen. Mit Blindheit geschlagen — dies ist die einzige Erklärung für die Untaten. Man könnte Mitleid mit diesen verratenen Jungen haben, denn sie sind verraten und verkauft, von Anderen, die einen jugendlichen Stoßtrupp, und zwar aus einer geistig höheren Schicht, für ihre gemeinen politischen Zwecke brauchen. International! Den internationalen Einheitsfaden bei diesen gleichzeitigen Ausbrüchen auf den Hochschulen in Mittel- und Osteuropa bilden in Wirklichkeit nur die Juden, sonst sind diese Kämpfe verschiedengeartet und nuancenreich genug. Und hier tritt die Komik zu der Tragik. In Budapest hieß vor kurzem der Schlachtruf: „Raus mit den Tschechen, Rumänen und Juden!" Die Antwort in Bukarest und Prag lautet: „Tod den Ungarn, Polen und Juden!" In Wien und Berlin will man glattweg den Numerus clausus für die Juden. In Warschau brüllt die Meute : „Schmeißt heraus die Deutschen und die Juden!" Wir wollen keine Deutschen, keine Ukrainer und keine Juden!", schreien die lieben Kommilitonen in Lemberg. Also überall eine anderes Kampfobjekt, aber zu jedem kommt der Jude hinzu. Geht es so weiter, dann könnte es einem schon angst und bange werden um die Kultur von morgen in den von der Seuche erfaßten Ländern. Aber die Wege Gottes und der Geschichte sind oft sonderbar. Vielleicht kommen doch noch Ereignisse, die der akademischen Jugend die Augen öffnen über den Frevel, der mit ihrer Seele und ihrer Jugend von gewissen politischen Führern getrieben wird. Arme, verratene Jungen! („Israelit".) DasJudentum in katholischer Beleuchtung. Zu den Werken, an denen die hervorragendsten katholischen Gelehrten mitarbeiten, gehört das von der Gö rres-Gesellschaft herausgegebene „S t a a t s 1 e x i k o n", das nunmehr in fünfter, neubearbeiteter Auflage bei Herder & Co. in Freiburg im Breisgau herausgegeben wird. Daß es sich hier um ein Werk handelt, in dem die in katholischen Kreisen herrschenden Anschauungen zum Ausdruck kommen, geht unter anderem daraus hervor, daß die vierte Auflage auf dem Titelblatt die Bemerkung trug: Zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland. Der im Jahre 1927 in fünfter Auflage herausgegebene zweite Band enthält u. a. einen 13 Seiten langen Aufsatz von N. Müller über die „Jude n", der wohl die Beachtung derjenigen verdient, über die er handelt, lieber die Person des Autors können wir leider nichts Näheres angeben, da der letzte das Autorenvevzeichnis enthaltene Band noch nicht erschienen ist. Aus dem das Schrifttum über die Juden enthaltenen Abschnitt ist jedcch zu ersehen, daß der Verfasser sich damit eingehend beschäftigt hat. Der Aufsatz über die „Juden" zerfällt in sechs Abschnitte, und zwar: 1. Die Juden vor der Emanzipation. 2. Die staatsbürgerliche Gleichstellung. 3. Die Juden im Staatsleben. 4. Die Juden im Wirtschaftsleben. 5. Die Juden im Kulturleben. 6. Statistik, Vereinigungen. Es ist selbstverständlich ausgeschlossen, alle Anschauungen und Gedankengänge des Verfassers hier wiedsrzugeben. Nichtsdestoweniger wollen wir eine Reihe von Ansichten des Verfassers wieder bringen, aus denen hervorgeht, wie er sich zum Judentum verhält. Aus dem Abschnitte 3: Die Juden im Staatsleben: Die mehr praktische Frage, wie die Juden sich zur jeweiligen Nation innerhalb der sie leben, verhalten, ob sie sich als volksmäßige oder als rein religiöse Gemeinschalt betrachten, ferner die Frage, welche Beziehungen zwischen Judentum und Nationalgefühl herrschen, wie sich im einzelnen Juden das Gefühl für sein Judentum zum Gefühl für das Staatsvolk, in dem er lebt, verhält, ist gemäß den verschiedenen Auffassungen im Judentum zu beantworten. Im allgemeinen kann man sagen, daß die assimilierten Juden politisch im Lager ihrer Staatsvölker stehen, sie wollen nicht national jüdisch sein, sondern jüdischnational. (?) Wo die Juden jedoch innerhalb ihrer Wirtsvölker eine geschlossene religiöse und soziale Gemeinschaft bilden wie die Ghetto-Juden im früheren Rußland, stehen sie naturgemäß der Nation ablehnend gegenüber. Die Anhänger des Zionismus sind entsprechend ihren politischen Zielen natürlich nationaljüdisch eingestellt Das Problemkomplex „Judentum und Deutschtum" hat eine verschiedene Lösung gefunden. Das orthodoxe Judentum gibt für seine Anhänger die Parole aus: „Als Bürger Deutscher, als Mensch Jude". Der jüdische Liberalismus hat sich die Formel geprägt: „Deutsche jüdischer Konfession". In der parteipolitischen Einstellung sollten die Juden nach ihrem Bildungsstreben und ihren sozialen Verhältnissen folgerichtig konservativ sein. Durch die geschichtliche Entwicklung wurden sie aus der jahrhundertelangen Bedrückung heraus und nicht zuletzt auch durch die antisemitische Bewegung zu den radikal fortschrittlichen Parteien gedrängt So wurden die Juden die Mitläufer bei den Linksliberalen. Juden waren die Väter des Sozialismus (Marx, Engels, Lassalle) und bedeutende Führer der Sozialdemokratie. Bedenken religiöser Art konnten bei ihnen nicht auftreten, da die Sozialdemokratie nicht so sehr die Religion an sich als das Christentum angreift (?). Die Führerstellung der Juden in der Sozialdemokratie findet auch ihre Erklärung in dem energischen Vorwärtsstreben und in dem Verlangen, eine politische Rolle zu spielen. Dazu kam die Erwägung, daß so am. ehe-