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Die Wahrheit · 1929-12-13 · Heft 50 (13.12.1929) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 50 (13.12.1929)
Date
1929-12-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Es will doch Friede werden! Wer die Worte gehört hat, die am vergangenen Freitagabend Herr Rabbiner Dr. Max Grunw a 1 d in der Seitenstettengasse diesem Thema gewidmet hat, muß sich, wie der Unterzeichnete, gedrängt fühlen, sie in den weitesten Kreisen zu verbreiten. Der durch den Wochenabschnitt gegebene Gegenstand war der Bruderzwist im Hause Isaks. Im Vordergrunde steht Rebekka. Sie unterordnet ihr Muttergefühl einer höheren Rücksicht, wie die Mutter Rathenaus, die für die öffentlich geschmähte Mutter des Mörders ihres Sohnes Worte der Teilnahme findet. Sie tritt, da es nottut, ihrem eigenen erstgeborenen, Kinde in den Weg, wie die Kaiserin Friedrich ihrem Erstgeborenen. Rebekka hätte die Unstimmigkeit unter ihren Kindern ausgeglichen, wäre Isak, der, weltfremd, sich von Esaus Schmeicheleien täuschen läßt und ihn falsch erzieht, mit ihr einig gewesen. Jedenfalls rettet sie ihre Kinder, die beide ihr verloren zu gehen drohten. Nach dem Tode Isaks erschlägt nicht Esau den Bruder, wie er einst geplant. Sie finden sich in Frieden zusammen, um den Vater zu begraben. Waffenstillstand hatten sie längst geschlossen. Der Bruderzwist im Hause Isaks erinnert an den Bruderstreit im Hause Oesterreich. Die beiden untereinander unstimmigen Gruppen hätten, viel fehlte nicht, zusammengewirkt, um den Vater, das gemeinsame Vaterland, zu Grabe zu tragen. Zur rechten Zeit erschien aber der rechte Mann am rechten Ort, nicht weltfremd wie Isak, sondern bewährt auf einem Posten, der ihn täglich die Nachtseite der Menschennatur sehen ließ und ihm durchdringende Welt- und Menschenkenntnis eintrug. Begabt mit selbstlosem Opfermut und jener umsichtigen Tatkraft, die ihn schon wiederholt zum Retter Oesterreichs machte, getragen vom allgemeinen Vertrauen, hat dieser wahrhaft Berufene in letzter Stunde den rettenden Waffenstillstand unter den 1SCHEM AKTIENGESELLSCHAFT L_, Bauernmarkt Nr. 10-12- VII., nartahlllersfrafte Nr. 1 (Ecke Zieglergasse) » fEPPICHl m Größte Auswahl? MOE BCLSTOFfE MNOIE1MI DECKEN Billigste Preise! wm^m®F**>*>^ - feindlichen Brüdern herbeigeführt. In solcher Stunde der Not Teilrechte hintanzusetzen und alles der einzigen Pflicht, das gemeinsame Ganze zu erhalten, unterzuordnen, dazu gelang es ihm, sie alle zu bestimmen. Das bleibt sein unvergänglicher Ruhm, dafür danken wir ihm von ganzern Herzen als dem Vater des Vaterlandes. Aber auch eine Mutter des Vaterlandes beschied ein gütiges Geschick unserem schwergeprüften Oesterreich. Sie geht mit ihm Hand in Hand, um aus dem Waffenstillstand dauernden Frieden zu gestalten. Sie, die uns einen Sohn geschenkt, dem wir seine gerechte Teilnahme auch an jüdischen Veranstaltungen nie vergessen werden, auch sie nimmt nicht Partei, in ihrem Lager ist Oesterreich. Sie gab uns jetzt das rechte Losungswort : „Der Friede unter den Männern soll durch die Frauen kommen! Frauen Oesterreichs! Lasset uns einen Bund zur inneren Befriedung unseres Landes gründen!" Wir alle haben nur ein Volksbegehren, wir wollen endlich Ruhe im Hause, innerenFrieden haben. Keine Volksabstimmung wird uns helfen, wenn nicht die allgemeine Volksstimmung eine verdort eine Geflügelhandlung, da wiederum eine Handlung mit Ritualien und überall ein lebhaftes Drängen, Handeln und Feilschen; hier um einen Anzug, einen Hut, dort um ein Hühnchen, das gefesselt hin und her gegeben wird. Und überall riesengroße Plakate und Inschriften in „american" und „hebrew". Es ist Jomtof. Man geht zur Synagoge, deren es hier mehrere gibt. Auch wir. An der Pforte des Gotteshauses aber tritt uns der Wächter entgegen: „Ihr Ticket, meine Herren?" Wir besitzen keins. Einen Dollar „Entrance" verlangt der gute Mann und fügt auf unsere erstaunten Fragen in gemixtem Jargon die Erklärung hinzu, daß man sonst den teuren Chasen aus Rußland nicht bezahlen könne. Ein Dollar ist immerhin ein Dollar und noch mehr sogar, wenn man auf solchen Fall nicht vorbereitet ist. Das sah der treue Torwächter ein und er hatte sogar die Güte, uns den Weg zu einer anderen Schul zu zeigen, zu der wir unsere Schritte lenkten. Eine ziemlich geräumige Synagoge. Der Chasen, ein weicher, angenehm klingender Tenor, der sich immerhin hören lassen konnte, aber die Andacht schien hier nicht sonderlich groß zu sein. Während des „Leinens" stieg der Lärm vom Forte zum Fortissimo; er übertönte schließlich die Stimme des Bal-kore, so daß dieser sich genötigt sah, Ruhe heischend mit der Faust aufs Pult zu schlagen! Das wirkte vorübergehend, doch bedurfte es immerhin einiger Wiederholungen. Und nun kam ein Akt, der ob seiner Realistik imstande war, unser Herz zu rühren und uns zu erschüttern. Zur Haskoraus-neschomaus bestieg der alte „Rebbe" die Kanzel und als er im Singsangtone der Namen all derjenigen Erwähnung tat, die eines natürlichen Todes und die als Opfer eines Pogroms starben, da nahm das Schluchzen auf der Frauengalerie überhand und lange qualvolle Minuten vergingen, bis wieder Ruhe eintrat. — Nach einem wundervollen Mussaph Kaddisch eine Keduscha, die man als ein Kabinettstück polnischen Chasonus bezeichnen darf; aber auch hier ein Intermezzo: Ein Vater sah sich gezwungen, an seinem Sprößling die Ultima ratio der Erziehungsmethode anzuwenden als Einlage in der Schemauno-esre! Mit dem „Elevator" ging es in gleichmäßiger Monotonie über „downtown" nach Hause: dollar dollar — dollar — dollar! —

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