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Die Wahrheit · 1929-12-13 · Heft 50 (13.12.1929) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 50 (13.12.1929)
Date
1929-12-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Ahnen, die sich lieber verbrennen ließen, als von ihrem Gott, ihrem Glauben, ihrem Ideal abzufallen. Wer an Vererbung glaubt, muß darum in den Juden einen besonders wertvollen Zweig der Menschheit sehen. Einen Zweig der Menschheit, gestählt vom Leiden und vom Denken. Denn während die meisten Europäer erst vor wenigen Generationen aus dem Analphabetentum hervorgegangen sind, haben die Vorfahren der Juden seit Jahrtausenden gelesen, geschrieben und sich mit geistigen Problemen auseinandergesetzt. Wer statt auf Schlagworte zu hören, diese Tatsachen bedenkt, gewinnt ein anderes Bild vom Judentum als das Zerrbild, das der Antisemitismus schafft. Wenn die Größe eines Volkes sich messen läßt an der relativen Zahl seiner hervorragenden und bedeutenden Kinder, stehtdas Judentum heute zweifellos an erster Stelle. So betrachtet, erscheint das Judentum nicht als minderwertige, sondern als hochwertige Menschengruppe — und der Antisemitismus als ebenso schweres Unrecht gegen die Juden, wie der Deutschenhaß gegen die Deutschen. Heute ist die Mißachtung der Deutschen in der Welt mindestens so stark verbreitet wie die Mißachtung der Jude n. Die Kriegsschuldlüge, die Märchen von den Kindermorden in Belgien bis zur Verleumdung der Menschenfresserei, die Klassifizierung der Deutschen als Menschen zweiten Ranges, als Materialisten und Rationalisten, als Menschen ohne Genie und ohne Originalität, als Plagiatoren der Welt, als Menschen ohne Größe, ohne Formen, ohne Takt ohne Grazie — all diese Verleumdungen, die den Thesen der Antisemiten so ähnlich sind, haben die Weltmeinung gegen Deutschland vergiftet. Nur langsam setzt sich die Wahrheit über Deutschland in der Welt durch. Gerade die große deutsche Nation, die dieses schwere unverdiente Schicksal erfahren hat, sollte SeuiUetcn, Ein Tag in Jefferson. Von Rolf R e i n s t e i n, Hamburg. Chicago!, das ist die Abstraktion einer Welt, die mit anderem Maß gemessen, mit anderen Augen betrachtet, nach anderen Werten geschätzt sein will. Was in die Fächer Deines europäisch geordneten Hirns nicht hineingeht, nenne es Chicago! — New York mit seiner Kontinuität, auf dessen Broadway man Anklänge Berlins, den Hauch der Pariser Boulevards, der Via Roma Neapels zu spüren vermeint, erstickt State-Street mit ihrem ohren- und hirnbetäubenden Lärm. Und das ist das Seltsame dieses unter dem Namen Chicagos vereinten Städtegebildes, das ein Siebenfaches des reichshauptstädtischen Berlins an Ausdehnung umfaßt, daß es uns mit der ganzen Brutalität seiner Eigenart das Bewußtsein aufzwingt, in U. S. A. in der Beurteilung anderer vorsichtiger und kritischer sein. Gerade Deutschland sollte den kleinen antisemitischen Nationen vorangehen in der Kritik und Revision der Judenfrage. Gerade das deutsche Volk, das mit Recht so stolz auf seine Sachlichkeit ist, sollte nicht widerstandslos einem Vorurteil folgen, das sich auf Neid, religiösen Fanatismus und Halbbildung stützt. Die Revision der Judenfrage ist darum nicht Sache der Juden, sondern der besten Deutschen. Wenn Deutschland den Antisemitismus ebenso überwindet, wie dies Frankreich vor einem Menschenalter in der Dreyfus-Krise tat, ist der Antisemitismus in der Welt erledigt: denn sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Osteuropäer werden sich hier der deutschen Autorität beugen. Diese Revision ist eine Gewissenspflichf Deutschlands, die Befreiung aus einer schweren Schuld und einem schweren Irrtum. Wer darum den Antisemitismus bekämpft, hilft nicht nur dem Judentum, sondern auch dem Deutschtum. Die ungeheure Mehrzahl der deutschen Antisemiten ist guten Glaubens und überzeugt von der Wahrheit der antisemitischen Thesen, die sie gelesen oder gehört hat. Die ungeheure Mehrzahl der Antisemiten kennt die Juden nur sehr oberflächlich und malt sich ein Bild von ihnen, das mit der Wirklichkeit ebensowenig übereinstimmt wie das Bild, das sich die Deutschenhasser von den Deutschen malen. Wer Gerechtigkeit fordert, sollte damit beginnen, sie zu üben. Deutschland fordert von der Welt Gerechtigkeit und moralische Gleichberechtigung: es sollte damit beginnen, sie den Juden gegenüber zu üben und der Welt zu zeigen, wie ein großes Volk die Kraft findet, falsche Vorurteile zu überwinden und von sich zu werfen. zu sein, im „Lande Gottes"! — Das typisch Amerikanische gibt sich in der Bauart zu erkennen, der Zweckmäßigkeit dieser Riesenquadraturen, der Embarquements zum Michigansee: das ist „real american" Stoc-yard, das ist die Schlachtstadt mit ihrem Dunst nach Blut ihrem Oualm und ihrem Morast das Gebiet der Armour, Swift, Nelson Morris; Channel: das ist das Gebiet von Kohle und Eisen. Pulman: das Riesenindustriegebiet. Dann die eigentliche Citv mit ihren riesigen ,.blocs" der Wolkenkratzer in Dearborn-, Wabash-, Randolph-, State- und der unendlich langen Clarkstreet ohne Anfang und Ende. Und endlich — the world finest — die Michigan-Avenue, die luxuriöse Weltstraße! Da ist aber auch Evanston, das Wohnhaus viertel mit seinen hochmodernen Departmenthäusern, darin es sich gut leben läßt — wenn man Amerikaner geworden. Und endlich ist da '— das Judenviertel in Jefferson! Hier leben sie eng aneinander, zumeist in Holzhäusern, „poor emigrants" nennt sie überheblich der Cityman. ..Rohmaterial" für den „smelling?ot"! Man könnte sich nach einer der kleinen jüdischen Städte des Ostens versetzt fühlen. Dasselbe Getriebe. Hier eine Althandlung,

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