Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 50 (13.12.1929)
- Date
- 1929-12-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen UUBUtf mH dea Verdffeatlldiungen der „Union dentschösterr. Juden* „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien"!iFi;ni!!i;i»iiiH!iiniiii;tiinMiii!iiii!iiiiiii;iilllllllll!lllllllllllllllllHinilllllllllllllllllllllllllHn Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 13. Dezember 1929 Nummer 50 Deutschtum und Judentum. Aus der in Vorbereitung befindlichen Schrift: „Antisemitismus nach dem Weltkrieg" von R. N. Couden hove-Kalergi.*) Vor dem Kriege war Rußland das Weltzentrum des Antisemitismus. Heute ist es Deutschland. Außerhalb Deutschlands ist der Antisemitismus in Europa nur noch lebendig in einigen Mittel- und Kleinstaaten Osteuropas. Diese Tatsache sollte den deutschen Antisemiten zu denken geben. Denn die drei anderen führenden Nationen Europas lehnen den Antisemitismus ab. England hat seit Disraeli unter seinen politischen Führern zahlreiche Juden und kennt weder einen politischen, noch einen gesellschaftlichen, noch einen wirtschaftlichen Antisemitismus. Frankreich hat seine antisemitische Phase in der Dreyfus-Krise überwunden. Diese Ueberwindung des Antisemitismus fällt zusammen mit der nationalen Regeneration und Gesundung Frankreichs, die ihm die Kraft gaben, den Weltkrieg durchzuhalten. Auch das extrem nationalistische Italien lehnt den Antisemitismus ab, der in den Augen Mussolinis ein bar barisches Vorurteil ist. Italien hat bewiesen, daß sich der Kommunismus auch ohne antisemitische Schlagworte überwinden läßt und daß der stärkste Nationalismus auch ohne antisemitischen Einschlag lebensfähig ist. Indessen hält Deutschland an der antisemitischen Einstellung fest und baut eine Theorie nach der anderen um dieses Vorurteil. Es behauptet nach wie vor, daß das Judentum nur Talente hervorbringt, aber keine Genies — obgleich das anerkannteste unter den lebenden Genies heute ein deutscher Jude ist: Albert Einstein, und der berühmteste lebende Oesterreicher ein zweiter Jude: Siegmund Freud. Andere Theoretiker gehen von der These des jüdischen Materialismus und Mammonismus aus und übersehen, daß kein Volk so stark und so lange für seinen Glauben und seine Ideale gelitten hat wie das jüdische; daß die jüdischen Gemeinden nicht ihre reichsten Mitglieder am höchsten *) Erscheint Ende November in der Neuausgabe von „Wesen des Antisemitismus" von Heinrich Graf Coudenhove- Kalergi, Paneuropa-Verlag. Wien, schätzen, sondern ihre weisesten, ihre Gelehrten; daß im Judentum trotz seines Realismus ein ungeheurer Idealismus lebt, ein Idealismus, so stark, daß er der Welt das Christentum und den Sozialismus geschenkt hat. Ein Argument des Antisemitismus sollte aber kein Deutscher mehr verwenden: das Argument, daß die ganze Welt sich einig sei im Haß gegen die Juden. Denn erstens ist dies unrichtig. Der Antisemitismus ist kein Weltphänomen mehr, sondern beschränkt sich auf bestimmte Gebiete. Und zweitens hat das deutsche Volk im Weltkrieg an sich selbst erfahren, w i e ungerecht der Haß auch einer ganzen Welt ein Volk treffen kann. Der Haß gegen das Judentum und gegen das Deutschtum sind verwandt. Beide Völker wurden gehaßt, verfolgt und verleumdet, weniger um ihrer Fehler willen, als um ihrer Vorzüge. Der Weltostrazismus hat zwei Exempel statuiert. Der Deutsche wurde hauptsächlich darum als Feind der Menschheit empfunden, weil er tüchtiger, fleißiger, sachlicher war als die meisten anderen Völker und ihnen so den Konkurrenzkampf erschwerte. Das gleiche gilt von den Chinesen in Südostasien, den Japanern in Kalifornien. Das gleiche gilt von den Juden. Denn die Juden sind durch ein zweitausendjähriges Martyrium zu ihrer heutigen Größe emporgestiegen. Von den meisten Berufen ausgeschlossen, unter vielfach erschwerten Lebensbedingungen, mußten sie ihren Geist zehnfach schärfen, um ihre nackte Existenz durch das Mittelalter hindurch zu retten. Wer faul oder unbegabt war, konnte diesem verschärften Existenzkampf nicht standhalten und ging zugrunde. Nur die Tüchtigstenkonnten sicherhalten undfortpflanzen. Wer willensschwach und feige war, ließ sich angesichts der Scheiterhaufen und Folterwerkzeuge taufen und schied aus der jüdischen Gemeinschaft aus: nur die Tapfersten und Willenstärksten hielten das Wunder dieses zweitausendjährigen Kampfes durch. So fließen in jedem modernen Juden Ströme von Märtyrerblut — von