Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 47 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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T Seite 12 DIE WAHRHEIT Tempel zu gehen, wo der Mann, dessen Kommen ihnen die einzige Freude, die sie haben, bereitet, sie bereits erwartet, um ihnen Trost und Rat, Hilfe und Liebe zu bringen. Der Gottesdienst ist beendet. Professor Dr. Kupfer hält eine zum Herzen — auch zum verstockten Herzen — gehende Predigt. Ein leises Schluchzen geht durch den Raum, ein Schluchzen des Schmerzes und der — Hoffnung. Denn der Mann da droben am Predigerstuhl versteht es vorzüglich, den Samen der Hoffnung in die Herzen seiner Schützlinge zu pflanzen. Er spricht von seiner Hilfsaktion für die entlassenen jüdischen Sträflinge. Mit zu Herzen gehenden Worten erzählt er — ohne Namen zu nennen —, was er und seine Mitarbeiter im verflossenen Monat getan haben, um das größte Elend zu lindern, den Familienangehörigen Trost und Hilfe zu bringen. Die Predigt ist beendet. Gewohnheitsmäßig ruft der anwesende Kommissär der Strafanstalt: „Wer an den Herrn Professor eine Bitte hat, bleibt hier, die anderen können gehen." Kein einziger rührt sich. Sie alle haben um etwas zu bitten. Und nun entwickelt sich zwischen Seelsorger und Schützling eine Serie von Dialogen, die ein Bild des größten menschlichen Elends ergeben. Hunderte von dringendsten Bitten, hauptsächlich die Familie betreffend, stürmen auf den Seelsorger ein. Besuche bei Frau und Kind werden erbeten, Hilfe für die alten, verzweifelten Eltern, Beaufsichtigung der Kinder usw. Durch Stunden ziehen sich diese traurigen Zwiegespräche hin; deren Inhalt bildet das Programm eines Monates für Doktor Kupfer und seine Mitarbeiter, vor allem Herrn Dr. Ernst Feldsberg. Schreiber dieser Zeilen, selbst entlassener Sträfling, hat diesen Menschen, die in unserer realistischen Zeit als wahrhaft selten zu bezeichnen sind, a 11 es zu danken. Es sei gestattet, aufzuzeigen, was Dr. Kupfer und Dr. Feldsberg für ihn und seine Familie getan haben: Dr. Kupfer setzte sich beim Justizministerium in Anbetracht diverser mildernder Umstände für die Begnadigung ein, und erzielte sie. Während der langen Haft sorgten er und Dr. F e 1 d s b e r g für das Fortkommen der Familie, sie mit dem Ergebnis einer Sammlung unter Wohltätern unterstützend. Frau Dr. Feldsberg stattete der unglücklichen Familie Besuche ab, besorgte die Schulbücher für die Kinder, tröstete die arme Frau des Entgleisten. Dem Begnadigten wurde eine vollständige Ausstattung nach Stein geschickt man setzte sich für ihn ein und er erhielt eine Stellung, wenn auch bescheiden, in der er jetzt fleißig arbeitet und der menschlichen Gesellschaft wiedergegeben ist. Keine Worte können die Dankbarkeit ausdrücken, welche die Familie erfüllt. Welche Mühe, Zeitverlust, Geld kostete nur dieser eine Fall! Und er ist nur einer von vielen! Wo ist der Sitz des Vereines, der es Dr. Kupfer und Dr. Feldsberg ermöglicht, so viel Gutes zu tun, so viel Elend zu mildern? Wer macht die hunderte von Besuchen, wer schreibt die tausende Briefe, die diese Aktion nötig machen? Vergeblich sucht man einen Verein „Jüdische Sträflingsfürsorge"! Es ist bisher der aufopferungsvollen Tätigkeit der genannten Persönlichkeiten und eines Kaufmannes, Herrn G., nicht gelungen, einen solchen Verein, für dessen Gründung in Form einer „Jüdischen Gefährdetenfürsorge" sich auch „D i e Wahrheit" wiederholt einsetzte, ins Leben zu rufen. Sie selbst opfern sich auf, reiben sich auf, ihre physische und materielle Kraft muß erlahmen, wenn sich nicht Menschen finden, die dieses wahrhaft edle Werk unterstützen. Soll diese Aktion, die Hunderten von Familien von Sträflingen hilft, die den Entlassenen den rechten Weg zeigt, aufhören, weil sie von so wenigen Menschen nicht auf die Dauer geleistet werden kann? Nein und abermals nein! ruft das Herz edler Menschen, Nein! ruft aber auch der Verstand der Vernünftigen. Denn helfen heißt in diesem Falle auch sich schützen. Gebt dem Entgleisten die Mittel, auf den rechten Weg zurückzufinden, weist ihm diesen Weg und er wird der menschlichen Gesellschaft nützen! Hochschüler mit besten Referenzen aus gutem jüdischem Hause, der lange Jahre als Erzieher tätig war, sucht ebensolche Stellung in jüdischem Hause zu 1 oder 2 Knaben. Erteilt Nachhilfe in Religionsunterricht wie in allen Gymnasialfächern. — Gefl- Zuschriften an ©. Rosenblaftt, Wien VII., Neustiftgasse 54 Zahl 7803 ex 1929. Kundmadiuntf. An den im Schuljahre 1929/30 neu errichteten Bibelschulen der israelitischen Kultusgemeinde Wien findet der Unterricht ab Sonntag, den 24. November 1. J. in folgender Einteilung statt: a) II. T e m p e 1 g a s s e 3. 1. für Volksschüler: Dienstag von 2 bis 3 Uhr nachm. Mittwoch von 2 bis 4 Uhr nachm. Freitag von 3 bis 4 Uhr nachm. 2. für Volksschülerinnen: Dienstag von 2 bis 3 Uhr nachm. Freitag von 2 bis 3 Uhr nachm. 3. für Haupt- und Mittelschüler: Mittwoch von 3 bis 5 Uhr nachm. für Haupt und Mittelschülerinnen: Dienstag von 3 bis 5 Uhr nachm. 4. Weiters ist die Errichtung eines Talmudkurses für reifere Jünglinge in Aussicht genommen, soferne eine genügende Teilnehmerzahl sich meldet; die Festsetzung der Unterrichtsstunden für diesen Kurs wird mit den sich meldenden Teilnehmern vereinbart. Anmeldungen für denselben werden sowohl im Schulamte der israelitischen Kultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 4, III. Stock, als auch bei dem Leiter des Kurses für Haupt- und Mittelschüler (Mittwoch von 3 bis 5 Uhr nachmittags) entgegengenommen. b) II. Sebastian Kneippgasse 14. 1. für Volks-, Bürger- und Hauptschüler und Schülerinnen: Sonntag von 9 bis 12 Uhr vorm. Dienstag von 3 bis 5 Uhr nachm. c) XV. Turnergasse 22. 2. für Hauptschüler und -Schülerinnen: Dienstag von 6 bis 7 Uhr abends. Mittwoch von 6 bis 7 Uhr abends. Schüleranmeldungen für diese Bibelschulen finden an den obbezeichneten Unterrichtstagen statt. Der Unterricht an allen Abteilungen ist unentgeltlich. Wien, 17. November 1929. Der Vorstand der Israel. Kultusgemeinde Wien. Lederhandschuhfabrik Josef 9tas£mgec L, Rotenturmsfraße 23 Telephon U 25-3-29 IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40