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Die Wahrheit · 1929-11-22 · Heft 47 (22.11.1929) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 47 (22.11.1929)
Date
1929-11-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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liiflgnimniiiiim^Hi^^ Seite 11 Max Berger dem Verewigten einen würdigen Nachruf hielt. Der israelitische Humanitätsverein für den X. Gemeindebezirk Wiens, X., Humboldtgasse 27, der zum Gelingen der imposanten Leichenfeierlichkeit für Herrn Rabbiner Professor Dr. A. L. Mandel s. A. in hervorragender Weise beigetragen hat, veranstaltete am 14. d. M. eine Trauer sitzung, bei der der Obmann des Vereines, Herr Kommerzialrat Carl Weis, folgende Ansprache hielt: Die heutige Sitzung ist eine Trauersitzung, zum Gedenken an unseren lieben, allverehrten Rabbiner, Sr. Ehrwürden Dr. A. L. M a n d e 1. Was wir an ihm besessen und was wir an ihm verloren, das brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Ich kann Sie nur bitten, heute mit mir sein Andenken w ü r d i g zu begehen und es ihm auch rürderhin zu bewahren. Das werden wir, glaube icn, am besten tun, wenn wir seinen Angehörigen, soweit es in unseren Kräften steht, hilfreich mit Rat und Tat zur Seite stehen, wie es die Pflicht unseres Vereines und wie es auch unsere Ehrenpflicht ist. Wir scheiden von ihm in dieser Trauerstunde mit den,Worten unserer Palmisten: Gott hat gegeben, Gott hat genommen! Der Name des Herrn sei gepriesen! Rabbinerverband in Wien. Dienstag, den 18. November 1929 hat der Rabbinerverband eine Trauersitzung für den hochverdienten verstorbenen Rabbiner Prof. Dr. A. L. Mandel abgehalten, in welcher der Obmann, Rabbiner Dr. David Feuchtwang, warme und ehrende Worte des Nachrufes gesprochen hat. Kundgebung gegen das Nationaljudentum. Im ehemaligen Herrenhaus in Berlin fand kürzlich eine Kundgebung deutscher Juden statt, die sich gegen die zionistische Agitation und den nationaljüdischen Palästinaaufbau wandte. Der Plenarsaal des Herrenhauses und die Tribünen waren lange vor Eröffnung der Kundgebung überfüllt, so daß eine Parellelversammlung in einem weiteren Saal des Herrenhauses stattfinden mußte, der ebenfalls bis auf den letzten Platz besetzt war. Ueber 1200 Menschen folgten mit gespanntester Anteilnahme den Worten der Redner, die wieder und wieder von dem Beifall der Zuhörer unterbrochen wurden, Der Leiter der Hauptversammlung, Dir. Hugo Ostberg, wies eingangs darauf hin, daß die deutsche Oeffentlichkeit durch die hemmungslose Propaganda einer zionistischen Minderheit ein vollkommen falsches Bild von der geistigen Einstellung des deutschen Judentums erhalte. Als erster Redner betonte Dipl.- Ing. Bruno Woyda, daß die Judenheit nicht auf historisches Recht pochen dürfte, wenn das Recht lebender Menschen sich dagegen aufbäumt. Die Forderungen, die von arabischer Seite bei den jetzigen Auseinandersetzungen aufgestellt worden sind, müssen berücksichtigt werden, soweit sie der Verwirklichung des demokratischen Gedankens und dem Weltgewissen der Gegenwart entsprechen. Eine weitere jüdische Einwanderung in Palästina dürfe nur unter solchen Bedingungen stattfinden, daß dadurch die Wiederherstellung des Friedens nicht erschwert werde. Der Redner verlas ein Schreiben, das der Dichter Jakob Wassermann zu der Kundgebung gesandt hatte. In diesem führt Jakob Wassermann aus, daß das Judentum in seiner Diaspora, legitimiert und durch seelisches Martyrium beinahe geheiligt durch zwei Jahrtausende, der letzte Hort der Humanität ist, ihr letzter Schutzwall vor dem Anmarsch der neuen grauenhaften Barbarei des Nationalismus. Zwischen den fanatisierten Zionisten und der rabiaten Phrasleologie der Völkischen bestehe kein Unterschied. Julius B a b, der nächste Redner, geht vom Alter des jüdischen Lebens in Deutschland aus; ihm gegenüber habe Palästina nur einen Symbolwert. Höchst gefährlich sei es. aus diesem Sinnbild eine nationale Realität zu machen. So wenig es eine jüdische ..Internationale" gäbe, so sehr sei es doch Religion und Sendung des in alle Völker eingebetteten Judentums, einen übernationalen, völkerverbindenden Geist zu pflegen. Es sei ein tragikomisches Schauspiel, Juden selber als nationalistische Kämpfer zu sehen, im Augenblick, wo die Völker der Erde anfangen, sich auf ihr übernationales Menschentum zu besinnen. Rabbiner Dr. Galliner fordert im Gegensatz zu den Bestrebungen des Zionismus, daß mit der Treue zum Väterglauben die Liebe zum Vaterlande und der Sinn für die Aufgaben der Menschheit geweckt werde. Die Bestrebungen der Zionisten, in Palästina einen jüdisch-nationalen Staat zu gründen, widersprechen den raessianischen Verheißungen des Judentums, wie sie in der heiligen Schrift und den späteren Religionsquellen enthalten sind. R.-A. Dr. Blankenfeld schildert seine Abkehr vom Zionismus. Pflicht der deutschen Juden sei es, die zionistische Gesinnung und Gemütsdaspcsition zu wandeln. Der Zionismus hat seinen bleibenden Wert für das Judentum nur als Warnung vor Irrtum und Traum. Studienrätin Dr. Gertrud Klausner betonte, daß die deutschen Juden in ihrer großen Mehrheit nicht gewillt sind, für die Gründung einer jüdischen, von den englischen Machthabern auf nicht englischem Gebiet versprochenen Heimstätte in Palästina, das zudem während des Krieges den Arabern von denselben Engländern als Teil ihres selbständig zu regierenden Gebiets zugesagt worden war, sich einzusetzen. Wurzel und Kulturaufiassung der deutschen Juden ist deutsch. Unsere nationale Heimstätte, die der nichtzionistischen deutschen Juden, ist Deutschland, unsere politische, unsere staatliche Heimat ist Deutschland. Referendar Dr. Werner Rosenberg zeigte, welch unheilvolle Verwirrung dk national-jüdische Idee eines alle Juden der Welt umfassenden jüdischen Volkstums in der deutsch-jüdischen Jugend gestiftet hat, deren Stellung und Verhältnis zur nicht jüdischen Jugend sie weitgehend gefährdet. Die antisemitischen Teile der deutschen Studentenschaft, die die Einführung des numerus clausus und die Entrechtung der jüdischen Akademiker erstreben, schöpfen einen großen Teil ihrer wichtigsten Argumente aus der national-jüdischen Propaganda und Ideenwelt. Deshalb müsse mit Entschiedenheit festgestellt werden, daß die überwiegende Mehrheit der deutsch-jüdischen Jugend im Bewußtsein ihrer unlösbaren Verbundenheit mit dem deutschen Volke die national-jüdischen Bestrebungen und einen unter nationaler Flagge segelnden Palästinaaufbau ablehne. Als letzter Redner kennzeichnete Prediger Dr. Karl Rosenthal die national-jüdische Bewegung als das Pseudo-Judentum derer, die den Glauben an die religiöse und kulturgeschichtliche Aufgabe des Judentums verloren haben. Um der jüdischen Religion willen lehne er den national-jüdischen Gedanken und seine praktischen Folgerungen als dem Geiste des Judenturas widersprechend ab. In der Parallelversammlung, die von Dr. Alfred Caro geleitet wurde, sprachen die Redner der Hauptversammlung und ferner R.-A. Dr. Max Mayer, der gegenüber der .Prominentensucht" der Zionisten bei den jetzigen Auseinandersetzungen den Gehalt der Weltanschauung des deutschen Judentums betonte. In beiden Versammlungen wurde zum Schluß gegen die Stimmen von sechs oder sieben anwesenden Zionisten die „Erklärung deutscher Juden" als Resolution angenommen, deren entscheidende Sätze lauten: „Wir bekennen uns zum Judentum. lehnen aber jeden jüdischen Nationalismus ab. Wir betrachten uns mit der überwiesenden Mehrheit der deutschen Juden als Glieder des deutschen, nicht eines jüdischen Volkes. In der Errichtung einer jüdisch-nationalen Heimstätte sehen wir einen Irrweg, der das Emanzfoailonswerk der Vorkämpfer des deutschen Judentums und die religiös-sittliche Aufgabe des Judentums in der Menschheit gefährden muß." Jüdische Sträflingsfürsorge. Im Hofe der Strafanstalt Stein gehen die Sträflinge des Einzeltraktes spazieren. Einer sechs Schritte hinter dem anderen. Sprechen verboten! Und doch spricht einer mit seinem Hintermann, die Augenblicke benützend, in denen der Aufseher seine forschenden Blicke anderwärts lenkt. Wovon sprechen sie. was haben sich diese Unglücklichen zu sagen? A: Wann kommt Dr. Kupfer? B: Montag. A: Gott sei dank, da werde ich Nachricht von meiner Familie haben, denn Dr. Kupfer hat sie besucht. Auch war er wegen meiner Begnadigung im Ministerium und ich hoffe, von ihm gute Nachricht zu erhalten. Wenn wir Juden diesen edlen Menschen nicht hätten? B: Er sorgt auch für mein Kind. Die Kleine schreibt mir, daß sie den „Onkel Kupfer" so gern habe. Montag früh. Die Aufseher Öffnen die Zellen der jüdischen Einzelhäitiinge mit dem Rufe: „Tempel!" Alle Juden, die diesen Moment sehnsüchtig erwartet haben, versammeln sich am Plateau des Zellenhauses, um dann nach Namensaufruf in den

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