Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 47 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 fiBBB m DIE WAHRHEIT | Rabb. Prof. A. L. Mandel \ Die „Union deutschösterreichischer Juden" hat an die Witwe des leider so früh dahingeschiedenen Rabbiners Prof. A. L. M a ndel folgendes Schreiben gerichtet: Sehr geehrte gnädige Frau! Tief erschüttert durch das Ableben Ihres hochgeschätzten Herrn Gemahls gestatte ich mir, Ihnen namens der „Union deutschösterreichischer Juden" unsere herzlichste Kondolenz zu entbieten. Wir schätzten in dem Dahingegangenen zugleich mit den weitesten Kreisen des Wiener Judentums den hervorragenden Mann der Wissenschaft, den hochbegabten Jugendbildner und den gütigen Menschen, der stets hilfsbereit war. Im Besonderen aber gereicht es unserer Vereinigung zu größtem Stolze, daß der Verewigte seit einer langen Reihe von Jahren unser Mitglied war und seiner Sympathie für unsere Bestrebungen auch durch häufigen Besuch unserer Versammlungen Ausdruck gab. Wir schätzen uns glücklich, daß ein Mann von solchen Qualitäten zu unseren Anhängern zählte, und ermessen vollauf mit Ihnen die Schwere des Verlustes, der Sie und die Ihren getroffen. Wir werden dem Verblichenen stets ein ehrendes Angedenken bewahren. Für die „Union deutschösterreichischer Juden" Der Präsident: Dr. Jakob Örnstein m. p. * * * Wir erhalten folgende Zuschrift: Als eifriger Leser Ihres geschätzten Blattes erlaube ich mir, Ihnen folgendes zur Kenntnis zu bringen: Als stiller Verehrer des am 7. d. M. verstorbenen Rabbiners Prof. Dr. A. L. Mandel s. A. habe ich an der im Tempel X., Humboldtgasse stattgefundenen Leichenfeier teilgenommen. Hat schon die Tatsache allein, daß ein so edler Mensch wie Rabbiner Mandel nicht mehr unter den Lebenden weilte, allen, die ihn kannten und verehrten, mit tiefstem Schmerze erfüllt, so lösten die vom Herzen kommenden Reden Seiner Ehrwürden des Herrn Rabbiners Prof. Dr. B a u e r, des Herrn Rabbiners Dr. Oppenheim und des Ehrenpräsidenten Herrn J. S. Strassberg tiefste Trauer im Herzen aller Zuhörer aus. Ich glaube, daß im Geiste aller, die anwesend waren, Rabbiner Mandel als das Symbol eines aufrechten, religiösen, von allen geliebten und verehrten Lehrers und Rabbiners mit nie dagewesener Deutlichkeit erschien. Ich glaube auch nicht, daß in diesem Momente der tiefsten Trauer andächtige Zuhörer an politische Unterschiede unter den Juden gedacht hätten. Da erschien als letzter Redner Herr Dr. P o 1- 1 a t s c h e k, welcher im Namen der einstigen Schüler dem großen Lehrer danken wollte, in Wirklichkeit aber namens einer politischen Vereinigung im Wiener Judentum (Zionismus) dem Dahingeschiedenen dafür dankte, daß er es verstanden habe, junge Juden, die bereits dem Judentum verloren gegangen zu sein schienen, durch die Begeisterung für das Volk dem Judentume wieder zu gewinnen. Wer Rabbiner Mandel kannte, wer wußte, mit welch tiefer Religiosität dieser Mann am Judentume hing, wer wußte, mit welch aufopfernder Liebe dieser Mann sein ganzes Herz den bodenständigen Juden des X. Bezirkes widmete, wer die allumspannende jüdische Liebe zu allen Mitgliedern seiner Gemeinde kannte, dem mußte es als eine Anmaßung erscheinen, daß an seiner Bahre von politischer Betätigung dieses Mannes gesprochen wurde. Ich glaube nicht, daß man die politische Propagandatätigkeit auch an die Bahre eines der besten Juden zu tragen berechtigt ist. Welchen Eindruck hätte es gemacht, wenn an dieser Bahre noch zwei Redner anderer politischer Schattierungen im Judentum erschienen wären und auch im Namen ihrer politischen Partei Rabbiner Mandel gedankt hätten. Wie verletzt mußten sich Schüler Rabbiner Mandels fühlen, welche nicht im zionistischen Lager stehen, wenn sie hören mußten, daß derjenige, der in ihrem Namen zu sprechen vorgab, in seiner Rede politische Tendenzen verfolgte, denen sie selbst fernestehen. Rabbiner Dr. Mandel war ein Jude im Sinne unserer Lehre und unserer Tradition, der seine jüdischen Ideale nicht in politischem und nationalem Volksbewußtsein, sondern einzig und allein in der Bibel und ihren Lehren sah. Es ist allerdings in der Rede des Sprechers seiner Schüler die Behauptung richtig gewesen, daß Rabbiner Mandel alle jüdischen Kinder, auch wenn sie durch die Erziehung ihrer Eltern dem Judentume noch so fernestanden, durch seine begeisterten Lehren des Judentums dem Judentume zuführte und sie zu bewußten Juden erzog. Es ist aber sicher unrichtig, daß Herr Professor Dr. Mandel seine Schüler durch eine national-politische Propaganda für das Judentum begeisterte. Ich fühle mich im Namen vieler Zuhörer bemüßigt, diese Richtigstellung vorzunehmen, und ersuche Sie, sehr geehrter Herr Redakteur, von meinem Schreiben Ihnen geeignet erscheinenden Gebrauch zu machen. T. G. * Trauersitzungen. Unter vollzähliger Beteiligung des Vorstandes des Tempelvereines 10. Bezirk fand Sonntag, den 17. d. M., eine Trauersitzung aus Anlaß des Ablebens Sr. Ehrwürdigen Herrn Rabbiner Prof. Doktor A. L. Mandel statt, bei welcher Herr Obmann DANKSAGUNG. Für die uns anläßlich des leider so frühzeitig erfolgten Ablebens unseres unvergeßlichen religiösen Oberhauptes, des Herrn Rabbiner Professor Dr. A. L MANDfl so zahlreich zugekommenen Beweise aufrichtiger Teilnahme sprechen wir hiermit allen Persönlichkeiten, sowie allen Vereinen, offiziellen Korporationen und insbesondere dem verehrlichen Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, sowie dem ehrwürdigen Präsidium des Rabbinerverbandes unseren herzlichsten, tiefgefühlten Dank aus. Der Vorstand des Israelitischen Tempel- und Schurverein. Wien X.