Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 47 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 9 Kassier, dem er getraut hatte, bereiteten, das Sopha hinauswerfen läßt, so mußte für die Krawalle an allen Hochschulen plötzlich der — außerhalb der Technischen Hochschule befindliche Kiosk herhalten! Was war denn mit den antisemitischen Exzessen, bevor der unglückselige Kiosk als aufreizender Vorwand für die Exzedenten und als Milderungsgrund von den Professoren akzeptiert wurde? * * * Am seltsamsten in der Veröffentlichung des akademischen Senates, die wirklich den milden Geist von Beschwichtigungshofräten atmet, berührt vielleicht die freudige Feststellung, daß die feierliche Rektoratsinauguration in Anwesenheit des" Bundespräsidenten und mehrerer Mitglieder der Bundesregierung „völlig ungestört" verlief. „Die Festgäste waren keiner Unbill ausgesetzt". Kein Mensch hatte das Gegenteil behauptet. Die Völkischen hatten sich lediglich die Bürde des Zensoramtes aufgewälzt, die Legitimation der Festgäste in Augenschein zu nehmen und da glücklicherweise keine anstoßerregende — Nase eines Festgastes wahrnehmbar war, blieben die Festgäste tatsächlich vor jeder Unbill geschützt. Nur jüdische Studenten und Studentinnen flogen rechts und links über die Rampe hinab. * * Die „Dötz" hat es sich natürlich nicht entgehen lassen, die Kundgebung des hohen Senates in den fettesten Lettern ihren Lesern zu präsentieren. Mit berechtigtem Stolze begnügte sich die Schriftleitung dem Abdruck des Schriftstückes bloß die Bemerkung folgen zu lassen: „W ir haben dieser amtlichen Feststellung nie h t s h i n z u z uf ü g e n." Man muß der „Dötz", deren redaktionelle Erklärungen in der Regel gewiß große Korrekturen vertragen, das Kompliment machen, daß man diesmal in ihren zwei Zeilen höchstens einen Buchstaben geändert sehen möchte. * * * Nicht in einem „Judenblatt", sondern in der Wiener Hakenkreuzlerzeitung war vor wenigen Tagen unter dem Titel „Religionsbeleidigung durch Wiedergabe von Talmudstellen" zu lesen, daß in Nürnberg der Stadtrat und Hauptlehrer a. D. Julius Streicher zu zwei Monaten Gefängnis und Karl Holz, Schriftleiter des „Stürmer", zu drei Monaten und fünfzehn Tagen Gefängnis verurteilt wurden. „Die Angeklagten — so hieß es — hatten nach der Anklage die jüdische Religionsgemeinschaft in Artikeln des „Stürmer" durch falsche Wiedergabe von Talmudtendenzen beleidigt". Die österreichischen Hakenkreuzblätter veröffentlichen seit Jahren in jeder Nummer erfundene oder tendenziös gefälschte Stellen aus dem Talmud und anderen jüdischen Schriftwerken. Welches Methusalemalter müßten die hakenkreuzlerischen Schriftleiter erleben, wenn sie über jede gefälschte Stelle 2 bis 3 Monate ungestört, ferne von der Redaktion, in einem gut bewachten Lokal nachdenken müßten? ■K- X * Professor Erismann, dessen Abstammung von einer uralten arischen und katholischen Familie bekannt ist, wurde von antisemitischen Studenten in Innsbruck wegen seines Eintretens für Halsmann als Jude verhöhnt. Ein wahres Glück, daß kein Jude so vertrottelt ist, das Rechtsgefühl als ein jüdisches Privilegium zu betrachten. Die Antisemiten geben sich wirklich vergeblich Mühe, den Juden größenwahnsinnig zu machen. Ego. Das 75jährige Jubiläum des Breslauer Rabbinerseminars. Anfang dieses Monats beging das Jüd.-theolog. Seminar rränkel'scher Stiftung die Feier seines 75jährigen Bestehens. Seit langern war dieses Jubiläum bis ins Kleinste, vor allem unter der umsichtigen Leitung des Kurators Dr. H. Kober, vorbereitet worden. Ein tragisches Geschick, ein Todesfall iu der Familie gerade am Vorabend der Feier, verhinderte ihn, an den Festlichkeiten teilzunehmen. Nur die Eröffnungsrede beim akademischen Festakt, ein Meisterwerk nach Inhalt und Vortrag, konnte programmgemäß von ihm gehalten werden. Eingeleitet wurde das Fest durch einen erhebenden Gottesdienst in der mit erlesenem Geschmack hergerichteten Seminarsynagoge. Seminarrabbiner Dr. Guttmann hielt eine gedankenreiche Predigt, in den Räumen der Seminarbibliothek, die eine sehenswerte Ausstellung veranstaltet hatte, wurden die Festteilnehmer von den Gastgebern des Jubiläums, dem Verein der Freunde des Seminars unter Vorsitz des Obmannes Lisser, mit einem opulenten Frühstück bewirtet. Der Abend vereinigte einige hundert Festteilnehmer bei Speis und Trank zu einem Kommers. Nach Begrüßungsansprachen des Kurators Laqueur und des Seminardozenten Dr. Rabin dankte Dr. Grunwald, Wien, im Namen der ehemaligen Hörer des Seminars. Im Anschluß hieran wurde einem der ältesten Schüler der Anstalt, Hofrat Dr. Schwarz. Wien, ein telegraphischer Gruß gesandt. Als Vertreter der von ihm geleiteten iüd.-theolog. Lehranstalt war Prof. Dr. Krauss erschienen, ferner als ehemalige Studierende am Seminar aus Wien Studienrat Dr. Redisch und Prof. Dr. Brettholz, der, nach einer Ansprache Prof. Balaban's und einem Dank eines gegenwärtigen Hörers der Anstalt, im Namen der glücklich „verkrachten" Seminaristen humorvoll auf die anwesenden Damen zu Händen der Frau Dr. Grunwald toastete. Aufführungen der jüngsten Jahrgänge des Seminars beschlossen den gelungenen Bierabend. Den Mittelpunkt des Festaktes am nächsten Vormittag in einem dichtgefüllten Riesensaal bildete die hervorragende Festrede des Seminardozenten Dr. Heinemann über die Idee des Seminars. Tiefen Eindruck lösten die Ansprachen des Regierungspräsidenten und der Rektoren der Breslauer Hochschulen aus. Es sprachen außerdem Vertreter anderer Behörden, der Schwesteranstalten, jüdischer Gemeinden und Verbände. Das Festbankett am Abend, bei dem Kurator Peiser, Seminardozent Dr. Lewkowitz, Dr. Littmann, Zürich, u. a. sprachen, bot mit seiner unübersehbaren Teilnehmerzahl, der Pracht und Exaktheit des Arrangements einen Anblick, wie er den wenigsten sich jemals geboten hatte. „Imposant!" Das war der Ausruf der Bewunderung, den man bei den Teilnehmern an allen diesen Veranstaltungen hören konnte. Am Montag Vormittag führte ein Besuch der Gräber des Stifters des Seminars und der verstorbenen Lehrer zum Schlüsse noch einmal eine Anzahl von Teilnehmern des Jubiläums zusammen, aus dessen Anlaß auch eine zweibändige Festschrift mit Arbeiten von Dozenten und Absolventen des Seminars erschienen ist. KLEIDERHAUS SCHACHTER XII..MEIDL. HAUPTSTR.26-TEl.R313-76 Größte Auswahl in fertigen HteBT^m- und Knabenkleiderii in bester Qualität Eigene Werkstätte fßr feine Mafiarbeit. -HC