Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 47 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der traurige Ruhm der Wiener und Berliner Radaustudenten läßt ihre Gesinnungsgenossen in anderen Ländern nicht ruhig schlafen. Aus mehreren Teilen Mittel- und Osteuropas meldet der Draht fortwährend antisemitische Hochschulkrawalle, die wohl nur deshalb nicht solche Dimensionen wie in Wien annehmen, weil anderswo — sogar in Polen — die maßgebenden Faktoren mehr Energie bekunden als in unserem Lande. Die Vorfälle sind aber symptomatisch. Es scheint, daß Wien das Signal für das judenfeindliche Ausland gegeben hat, das diesem Aviso gerne folgte. Denn viel stärker als die fabelhafte Internationale des Judentums ist in Wirklichkeit dielnternationaledesAntisemitism u s, die hier stark in Aktion trat, wie die nachfolgenden Meldungen beweisen mögen: Krakau. An der Universität kam es am 13. d. M. zu großen antisemitischen Kundgebungen. Schon vormittags besetzten die antisemitischen Studenten die Eingänge der Universität und verhinderten ihre jüdischen Kollegen an dem Besuche der Vorlesungen. Dabei wurden mehrere jüdische Studenten schwer mißhandelt. Der Rektor erließ einen Aufruf an die Studentenschaft, in der er sie aufforderte, Ruhe und Ordnung zu wahren und derartige Szenen zu unterlassen. Größere Ausdehnung nahmen die Ausschreitungen an dem Anatomischen Institut, wo die Demonstranten jüdische Studenten hinauszerrten. Am Abend kam es zwischen den antisemitischen und jüdischen Studenten zu schweren Schlägereien, die so lange dauerten, bis Polizei die Kämpfenden trennte. Auch am nächsten Tage waren die Eingänge der Universität von polnischen nationalistischen Studenten besetzt, die den jüdischen Studierenden den Eintritt verwehrten. Die polnischen Studenten beharren bei ihrer Forderung auf E i nführung des Numerus clausus und auf Lieferung eines dem Prozentsatz der jüdischen Studenten entsprechenden Anteils jüdischer Leichen zu Sezierungszwecken. Der U nterrichtsminister hat die Schließung der Universität für ein halbes Jahr angekündigt, falls die Ausschreitungen noch andauern sollten. Prag. An der medizinischen Fakultät der tschechischen Universität kam es am 14. d. M. zu Demonstrationen gegen die ausländischen Hörer. Im anatomischen Institut fand eine Versammlung der Studenten der ersten Jahrgänge der Universität statt, in der scharfe nationalsozialistische Reden gehalten wurden. Es wurde erklärt, daß von den 680 Hörern des ersten Jahrganges der medizinischen Fakultät fast die Hälfte polnische Juden seien, die v o n fremden Universitäten abgewiesen wurden. Gegen diese nichtsdawischen Elemente bestehe unter der tschechoslowakischen Studentenschaft ein geradezu elementarer Abscheu. Nach der Protestversammlung bewegte sich ein Demonstrationszug zum Dekanat der medizinischen Fakultät. Dem Dekan wurde eine Petition überreicht, in der die E i nführung des Numerus clausus für Fremde, ein Verbot des Gebrauches nichtslawischer Sprachen im Verkehr unter den Studenten und mit dem Personal der Universität, Prüfung der fremden Hörer in der Staatssprache sowie eine Teilung des ersten Semesters in Abteilungen für tschechoslowakische und fremde Hörer gefordert wird. Am 48. November vormittags kam es auf der Klinik des Professors Dr. Tschermak während der Vorlesung zu antisemitischen Kundgebungen der anwesenden deutsch-völkischen Studenten. Die Vorlesung wurde sofort abgebrochen. Als die Diener der medizinischen Fakultät den Sturm der Studenten voraussahen, sperrten sie das Tor ab. Die Studenten rückten darauf mit einem Baumstamm an und rannten damit die Tür ein. Dann drangen sie mit dem Rufe: „Juden und Ausländer hinaus!" in den Hörsaal und verprügelten die jüdischen Hörer. Auch vor dem Institut kam es zu Unruhen, doch konnte die P o 1 i z e i die Ruhe bald herstellen. Als die Demonstranten mit einer kleineren Gruppe ungarischer und jüdischer Studenten zusammenstießen, griff ein größeres Polizeiaufgebot ein; fünf Studenten wurden verhaftet. Die medizinische Fakultät und die Technische Hochschule sind wegen dieser Vorfälle auf zwei Tage geschlossen worden. Auch auf den anderen Fakultäten der Universität kam es zu schweren Ausschreitungen. Vor dem chemischen Institut der deutschen Technik mußte die Wache einschreiten, neun Studenten wurden verhaftet. Die Studentenkrawalle erreichten ihren Höhepunkt in einer Demonstration, die um 7 Uhr abends vor dem Studentenheim des Albertov stattfand. In Trupps von fünf bis zehn Leuten kamen hakenbreuzlerische Studenten in das Heim. Als die Verwaltung merkte, daß die Situation gespannt wurde, bat sie die Polizei um Intervention. Die völkischen Studenten nahmen eine drohende Haltung gegen die Polizei ein und begannen Steine zu werfen. Darauf ging die Polizei mit Gummiknütteln gegen sie vor und zerstreute sie. Vor dem Hygienischen Institut versammelten sich die Studenten und erklärten, auf akademischem Boden zu stehen. Die Polizei anerkannte diesen Standpunkt nicht und trieb sie auch dort auseinander. Auf beiden Seiten gab es Verwundete. Sollten sich Mittwoch — auch Dienstag kam es zu neuerlichen Krawallen, die von der Polizei sofort beendet wurden — nach Eröffnung des Hochschulbetriebes die Demonstrationen wiederholen, so will das Unterrichtsministerium die Vorlesungen für das ganze Semester sperren. QlerTei%> Es ist im Grunde genommen vielleicht doch eine Verleumdung der hakenkreuzlerischen Studenten und gewisser ihnen immer Sukkurs bietender anderer Faktoren, wenn man noch immer die jüngsten Vorgänge an den Wiener Hochschulen und insbesondere an der Universität als etwas „Unerhörtes" bezeichnet. Es ist allerdings wahr, was die „Neue Freie Presse" schrieb, daß infolge der unerklärlichen Duldung, mit der man dem wüsten Treiben an der Universität zusah, die Ausschreitungen sich immer mehr steigerten „und schließlich einen Grad erreichten, der alle Skandale der letzten Jahre weit in den Schatten stellt". Aber das stimmt doch nur für Dimensionen der jüngsten Krawalle. Im Wesen der Sache — und das ist ja wohl das Entscheidende — hat sich doch wieder nur das abgespielt, was sich seit Jahren von Zeit zu Zeit an der Wiener Universität abspielen durfte. Lassen wir doch die Albernheit oder die Heuchelei, die sich darin kundgibt, wenn man die Beurteilung schändlicher antisemitischer Ausschreitungen und deren schamhafte Duldung oder schamlose Gutheißung von der Frage abhängig macht, welchen Umfang Exzesse angenommen haben. * * * Man weiß es längst, daß die völkischen Studenten sich in dem beglückenden Gefühle wiegen dürfen, namhafte Professoren an der Wiener Universität seien ihnen — hold gesinnt. Aber es wirkte doch überraschend, daß die Kundmachung des hohen akademischen Senates sowohl in dem, was sie bedauernd rügt, als in dem, was sie verschweigt oder gar freudig betont, in manchem des Lesens zwischen den Zeilen Kundigen die Vermutung wecken konnte, die innere Schuld an den Skandalen habe eigentlich wer immer, nur nicht die — Völkischen. Wie der Gatte in der Anekdote, der empört über die Enttäuschung, die ihm die angetraute Gattin und der