Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 47 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064242--17629-3087781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT fflmriffll^mmnM.......................—— eher Unfug heute unter mißbräuchlicher Auslegung einer alten Bestimmung getrieben wird, ohne daß es den Behörden und dem Parlament einfiele, diesen Skandalen ein Ende zu machen, ohne daß es ein Rektor wagen dürfte, sich so zu benehmen, wie sein Berliner Kollege es getan hat. Man lese, was die Berliner Blätter, gleichgültig, welcher Richtung sie angehören, zu den Szenen in Berlin schreiben. Alle sind sie der Meinung, daß es beschämend ist, daß Polizei den akademischen Boden entweiht hat. Alle sind sie der Ueberzeugung, daß Polizisten in einer Universität, in der sich die „Blüte der Nation" für ihre künftigen Aufgaben vorbereitet, nichts zu suchen hat. Alle sind sie empört, nicht, wie es in Wien der Fall gewesen wäre, weil die Polizisten in die Aula eingedrungen sind, sondern weil völkische Studenten es glücklich so weit gebracht haben, den Rektor in die Zwangslage zu versetzen, nach der Polizei zu rufen. Der preußische Unterrichtsminister hat erst vor kurzem erklärt, daß Skandale wie in Wien an der Berliner Universität unmöglich wären. Wenn irgend wer sich unterfangen sollte, akademischen Boden zu entweihen, so werde unverzüglich Polizei zur Stelle sein, um dem Unfug ein Ende zu machen. Der preußische Minister hat sein Versprechen wahr gemacht. Der Skandal der völkischen Studenten in Berlin hat nur wenige Stunden gedauert. Wie wäre es also, wenn Se. Magnifizenz, der Herr Rector magnificus der Wiener Universität, der nur das Allheilmittel der Sperrung zur „Warnung" kennt, das Verhalten seiner Berliner und Prager Kollegen nachahmenswert finden würde? Er möge nur folgenden Absatz eines Artikels nachlesen, den das bürgerlich-demokratische „Berliner Tageblatt" über die Berliner Krawalle und ihren Zusammenhang mit den Wiener Krawallen schrieb, um zu erkennen, zu welcher Achtung er und seinesgleichen die Wiener Universität im Ausland gebracht hat: Den Burschen, die gestern In der Universität herumtobten, schwebt offenbar der Gedanke vor, hier ähnliche Zustände zu schaffen, wie sie durch die schamlosen Krawalle der dortigen Hakenkreuzler an der Wiener Universität geschaffen worden sind. Wenn man heute in der ganzen Kulturwelt auf die Wiener Universität ohne Achtung hinweist, so ist mitschuldig daran das duldende oder sympathisierende Verhalten von Professoren und Universtätsbehörden, und es darf erfreulicherweise erwartet werden, daß in Berlin von allen, die eine Verantwortung für die Ehre der Universität tragen, nicht mit der gleichen schwächlichen Langmut verfahren werden wird. Die Berliner Universität hat ihren Ruf bei den Gebildeten in Deutschland und außerhalb Deutschlands zu wahren, und sie ist kein Rummelplatz, auf dem sich Rowdymanieren breitmachen können. Und wer durch Benehmen und unanständige Gesinnung in das dem wissenschaftlichen Studium gewidmete Haus nicht hineinpaßt, der muß dorthin gehen, wo man solche Sitten häufiger anzutreffen pflegt. Niemand wird überflüssige Schärfe und irgendwelche Maßregeln, die als Einschränkung einer wirklichen Universitätsfreiheit gedeutet werden könnten, verlangen. Aber einer Verpflanzung der Wiener Pöbeleien nach Berlin muß vorgebeugt und dafür MamaiwaaMUHHaKai muß gesorgt werden, daß nicht von hetzerischen Agitatoren akademische Würde in akademische Würdelosigkeit verwandelt werden darf. Zu diesem geharnischten Artikel paßt ebenso wie der entrüstete Protest der ausländischen Studenten an den Wiener Hochschulen leider nur zu glänzend die folgende Zuschrift einer jungen Wiener Studentin an die Berliner „C. V. - Z e it u n g", deren ehrliche Entrüstung darüber, daß solche Vorgänge sich in einem Kulturstaat überhaupt noch abspielen dürfen, alle wahrhaft gerecht Fühlenden teilen werden: Wenn jemand auf der Straße verprügelt wird, so hat die Polizei einzugreifen. Wenn in dem antisemitischesten Staat ein Jude auf der Straße verprügelt wird, so muß selbst die antisemitischeste Polizei eingreifen, solange wir noch unter einem Gesetz leben. Wenn in dem antisemitischesten Staat ein Jude in einem Geschäft etwas kauit, und statt der Waren Prügel erhält, so muß ebenfalls die Polizei eingreifen. Wenn aber an der Universität Wien und an den übrigen Hochschulen jüdische Studenten verprügelt werden, so greift niemand ein. Hier bezahlen jüdische Studenten ihre Kolleggelder in der Meinung, Kollegs hören zu dürfen, um wissenschaftlich zu arbeiten. Aber was erhalten sie dafür? Prügel. Ja, noch mehr, sie werden lebensgefährlich verletzt. Es ist vorgekommen, daß ein jüdischer Student unter den Stockhieben vieler deutscher Mannen und unter den höhnischen Rufen: „ein Judenschädel hält viel aus", zusammengebrochen ist und der Pedell sich weigerte, ein Sanitätsauto zu alarmieren. Und warum geschieht das alles? Hier herrscht akademische Freiheit. Die Universität besitzt Autonomie, d. h. der Rektor und die Professoren haben selbst für Ruhe und Ordnung zu sorgen, die Polizei darf nicht eingreifen. Allerdings, die Rampe der Universität untersteht gar keiner Gewalt. Der Rektor lehnt jede Verantwortung ab. Die Rampe gehöre nicht mehr zur Universität. Jedoch nach der Meinung der Polizei gehört die Rampe zur Universität. Soll man sich wundern, wenn die edlen deutschen Mannen besonders diesen Ort zum Schauplatz ihrer Heldentaten wählen? Hier herrscht kein Gesetz, von einem moralischen Gesetz ganz zu schweigen. Hier herrscht nur die viel besungene, viel gepriesene akademische Freiheit! Hier können ganze Trupps über einen einzelnen Juden herfallen. Wahrlich, der einfachste Mann aus dem Volke ist sicherer als der verprügelte jüdische Student ~— Man könnte einwenden, diese Prügel richten sich auchv. gegen die Sozialdemokraten, aber steht es einem denn auf dem Gesicht geschrieben, daß man Sozialdemokrat ist? Das Wort Jude, das steht vielen auf dem Gesicht geschrieben. Wenn Sozialdemokraten verprügelt werden, so werden nur jüdische Sozialdemokraten verprügelt. Und wodurch schützen sich die jüdischen Studenten, da ihnen niemand hilft? Sie bilden einen Selbstschutz. Man ist sich zwar klar darüber, Prügel wird man weiter beziehen. Denn die andern sind zahlenmäßig in der Uebermacht; aber man wird die Prügel gemeinsam beziehen und wird wieder schlagen, aber herausgeprügelt wird man trotzdem. Man iühlt sich hier in mittelalterliche Zustände versetzt und glaubt nicht in einer zivilisierten Stadt Europas im zwanzigsten Jahrhundert zu leben. Allerdings im Mittelalter war es der Pöbel, der die Juden schlug, hier sind es die führenden Kreise unseres Volkes. Selbst Professoren, die als edles Vorbild dienen sollten, helfen mit, die Hakenkreuzler aufzuhetzen. Nachdem aus dem Hörsaal VII alle jüdischen Studenten herausgeprügelt waren, brachte Dekan Dr. Hold ein Hoch auf die deutsche Studentenschaft aus! Und erst nachdem sich die unerhörtesten Ereignisse, wie z. B. in der Anatomie, ereigneten, begann Rektor G1 e i s p a c h durch die Sperrung der Hochchulen einzugreifen. Wann werden sich diese Zustände ändern? Hoffentlich dann, wenn die Antwort erfolgen wird. Die Antwort wird sein: Eine um ein Beträchtliches verminderte Hörerschaft und dadurch verminderte Kollegiengelder. Eine so gute Universität wie in Wien gibt es auch wo anders. Ich glaube, ein großer Teil nicht nur der jüdischen Studenten, sondern auch der anders konfessionell gerichteten Hochschü'Ier, nämlich all die, die diese Vorgänge als Schmach ansehen, werden fernerhin diese Universität melden. stud. jur. Steffi Klinenberger.