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Die Wahrheit · 1929-11-22 · Heft 47 (22.11.1929) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 47 (22.11.1929)
Date
1929-11-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAtfJRfißlf Arabern wie einen Pfahl ins Fleisch treiben will. Hätte man z. B. in Aegypten eine Million eines solchen Elementes gehabt, man hätte den ganzen ägyptischen Nationalismus damit in Schach halten können . . . Das wäre nun an sich nichts neues. Ueberall und zu allen Zeiten, wo Juden neben einer anderen Bevölkerung in einem von einer auswärtigen Macht beherrschten Land leben, wurden sie von dieser Macht künstlich in einen Gegensatz zu der anderen Bevölkerung erhalten und gegen sie mißbraucht, um so beide viel besser zu unterjochen. Im 17. Jahrhundert taten dies die Polen mit den Juden gegenüber den Ukrainern, und es endete mit den schauerlichen Chmelnitzkischen Metzeleien (1648). Der Haß der Ukrainer zu den Juden ist in all den Jahrhunderten nicht erloschen. Später befolgten die drei Teilungsmächte Polens dieselbe Methode in bezug auf das Verhältnis zwischen Juden und Polen, die Magyaren in bezug auf die Juden und die slawischen Völkerschaften „im Reiche der heiligen Stephanskrone". Man könnte die Liste beträchtlich verlängern. Ueberall war die Devise des Mächtigen: „Divide et impera". Wenn es wahr wäre, was die gedachte Sage verkündet, daß England in bezug auf Juden und Araber diese bewährte Methode befolgt, so hätten wir darin die glatte Erklärung der ganzen englischen Palästina-Politik. Aber es würde uns auch einleuchten, w e m am meisten an der Vollstreckung der Bluturteile an den verführten und irregeleiteten arabischen Pogromhelden gelegen ist. Wem daran liegt, daß zwischen Juden und Arabern ewiger, unauslöschlicher Haß herrsche, der nie eine Versöhnung der beiden Stämme zuläßt, der muß wollen, daß die Bluturteile an den Arabern auch vollstreckt werden. Dieses Blut wird Wasser auf seine Mühle sein. Denn erst, wenn zwischen zwei Völkern Blut geflossen ist, Blut nicht vergossen in heißem wildem Kampf Mann gegen Mann, sondern vergossen von der Hand eines Dritten, kalten Herzens, im Namen einer höheren Gerechtigkeit, um das verletzte Recht des einen am anderen zu rächen — dann erst gibt es keine Versöhnung zwischen den beiden Völkern. Wer also eine Versöhnung zwischen den beiden Völkern. Juden u\d Arabern in Palästina aufrichtig herbeiwünscht, der muß es mit aller Macht zu verhindern trachten, daß zwischen den beiden Völkern in Palästina Blut fließe, vergossen von der Hand eines fremden Dritten, der an den Arabern das verletzte Recht der Juden rächen will. Der wird über den Kopf der Engländer hinweg unmittelbar dem Araber die Hand zur Versöhnung hinhalten — und warten bis der Araber tinschlägt. Darum darf kein blutiger Schatten eines hingerichteten Arabers zwischen beiden Völkern stehen, und sei er auch zehnmal gerechter Weise zu Tode verurteilt worden. Durch die Hinrichtigung des Schuldigen wird keiner der ermordeten Juden wieder lebendig, wird nicht der geringste Teil des angerichteten Schadens gutgemacht. Wenn wir Juden aber alles, was in unserer Macht liegt, tun, um die Begnadigung der Verurteilten zu bewirken, haben wir aus dem Feinde von heute Freunde von morgen gewonnen und haben so das Spie! jener, die den Haß zwischen den zwei Brudervölkern verewigen und vertiefen wollen, vereitelt. Ich schlage darum vor. daß die Juden sowohl in Palästina als in der ganzen übrigen Welt als einzelne, als Korporationen und in Versammlungen durch Eingaben an die englischen sowie an die internationalen Behörden nachdrücklich die Begnadigung der verurteilten Araber fordern mögen. Das allein ist unserer würdig und auf diese Weise allein Verden wir von unserer Seite die Ereignisse liquidieren. Nach Wiener Muster. Als ob sie es sich bestellt hätten: etliche Tage, nachdem unsere Radaustudenten vollständig ungestört auf akademischem Boden randalieren und exzedieren durften, in die Lehrsäle eines Institutes einbrechen und die Einrichtung klein und krumm schlagen durften, meldete man aus Berlin, daß ihre Gesinnungsgenossen nach ähnlichem Rezept auf der Berliner Universität vorzugehen — versuchten. Der Anlaß war dort womöglich noch geringfügiger als in Wien. Der Rektor der Berliner Universität, der Mathematiker Prof. Dr. Schmidt, ein hochangesehener, auf seinem Gebiete bedeutender, ganz unpolitischer Gelehrter, hat den völkischen Studenten Ungarische Mastgänse s 3 40 Mährische Lebergänse 3*60 Gansfett kg 4-— Stadtu. Provinzversand pr. Tel. A14-4-87 Karl Faludi, XIX., Döbtinger Hauptstraße SS die Ankündigung eines Balles auf der schwarzen Tafel in der Aula gestattet, jedoch ausdrücklich verboten, daß dieser Ball als offizieller Ball der Universität bezeichnet werde. Die Völkischen versprachen, die Erlaubnis mit der verlangten Einschränkung zu benützen, und — schrieben just das Gegenteil auf die Ankündigung. Die Einladungen waren mißverständlich. Der Rektor zog unter diesen Umständen seine Einwilligung zurück und lehnte den Empfang des Führers der Allgemeinen deutschen Studentenschaft, Hoppe, eines bekannten „Rufers im Streite", mit der Begründung ab, daß die eingegangenen Versprechungen nicht gehalten worden waren. Darauf verlangte die Allgemeine deutsche Studentenschaft einen Widerruf dieser Aeußerung des Rektors, „andernfalls mit anderen Mitteln" vorgegangen würde. Denn so was lassen sich Akademiker hitlerischer Coleur nicht gefallen. Schuld sind doch nur die Sozialisten und die Juden; also gab es mit dem Schlachtruf: „Deutschland erwache! Judaverrecke!" einen Spektakel. Um schweren Mißhandlungen zu entgehen, waren die bedrängten Studenten gezwungen, sich durch eingeschlagene Fenster im Erdgeschoß der. Universität ins Freie zu retten. Es ist festgestellt worden, daß sich unter den Störenfrieden Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, und zwar nichtimmatrikulierte Studenten, befunden haben. Zum Unterschied von Wien wurde in Berlin vom Rektor das Ueberfallskommando der Polizei verständigt und (ebenso wie einige Tage später in P r a g) Entsendung von Polizisten auf den geheiligten akademischen Boden der Universität verlangt. Binnen wenigen Augenblicken waren die Polizisten da und das Ungeheuerliche geschah: Schupoleute, mit Knüppel und Säbel bewaffnet, betraten die Universität und nahmen die Rowdys, die sich beim Erscheinen der Polizei noch wilder benahmen, fest und führten sie dorthin ab, wohin solche Exzedenten gehören: in den Polizeikotter. Das wäre in Wien unmöglich. In Wien gibt es eine Autonomie der Universität anscheinend zu keinem anderen Zweck, als um den völkischen Studenten ungestört zu gestatten, sich nach ihrer Art zu benehmen. Die Autonomie, die verständlich war, als es galt, die Uebergriffe des Fiskus, der rückschrittlichen Behörden gegen die freiheitlichen Bestrebungen der Studentenschaft abzuwehren, wird heute unverändert gehandhabt, obwohl sich die Situation geändert hat. Nicht bei den Behörden liegt die Neigung zum Rückschritt, nicht bei den Behörden liegt das Bedürfnis, Lehr- und Lernfreiheit zu unterbinden, nein, die völkischen Studenten verlangen das Recht für sich, ungestört Kommilitonen in ihrem Studium zu behindern, ungestört Ueberfälle zu arrangieren und Gebrauchsgegenstände der Institute in Trümmer zu schlagen. Es ist lächerlich, wel-

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