Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 47 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHffflElT Seite 5 Protest des tschechoslowakischen Konsuls. Dr. Albert Ticho, der jetzt 45 Jahre alt ist, stammt aus Mähren und wurde in Wien als Schüler der Professoren Fuchs und Schnabel zum AugenspeziaJisten ausgebildet. In den 17 Jahren, die er in Jerusalem wirkt, hat er sich durch sein Wissen, seine geschickte Hand, sein sympathisches und gütiges Wesen einen derartigen Ruf erworben, daß er nicht nur von Patienten aus Palästina und Mesopotamien, sondern auch von solchen als Arabien und Aegypten in Scharen aufgesucht wurde. Wiederholt wurde er zum Emir Abdullah nach der transjordanischen Hauptstadt Aman berufen. Freundschaft verband ihn auch mit der führenden arabischen Familie H u s s e n i. Da sein Gesuch um die palästinensische Staatsbürgerschaft nicht rasch genug erledigt wurde, bewarb er sich um die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Wie man erfährt, wird der tschechoslowakische Konsul in Jerusalem, Dr. F r i t s c h, wegen des Ueberfalles auf Dr. Ticho einen Protest einbringen. Todesurteile in Palästina. Von Benjamin Segel. In Palästina wurde gegen diverse arabische Pogromhelden, die während des Aufstandes Juden ermordet hatten, die Todesstrafe gefällt. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß weitere Todesurteile folgen werden. Niemand zweifelt daran, daß die Urteile der englischen Richter gerecht sind. Und dennoch sträubt sich ein unnennbares Gefühl dagegen, daß auf palästinensischem Boden Todesurteile vollzogen werden, noch dazu Todesurteile zur Sühne von Verbrechen, die an Juden begangen wurden, vollzogen von einer auswärtigen Macht an Kindern des Landes. Man analysiert dieses Gefühl und findet, daß es aus verschiedenen Quellen fließt und jeder Bestandteil genügt an und für sich, um das Gefühl zu rechtfertigen. Da ist zunächst der tief verwurzelte Abscheu des Juden vor Blutvergießen. Jeder von uns atmete erleichtert auf, als er aus dem Talmud erfuhr, daß das jüdische Synhedrion 40 Jahre vor Zerstörung des Tempels die Befugnis, Todesurteile zu fällen, niederlegte. Thannaiten. die die Zerstörung Jerusalems und des Tempels sowie die grausame Unterdrückung des Bar-Kochba-Aufstandes durch Hadrian mitgemacht hatten, deren Gemüt also sicherlich nicht verweichlicht war, sagten: wenn wir Mitglieder des Gerichtshofes gewesen wären, nie wäre ein Tadesurteil vollzogen worden. Ein Gerichtshof, der einmal in sieben, nach einer anderen Version in siebenz i g Jahren ein Todesurteil gefällt hatte, wurde als ein mörderischer Gerichtshof bezeichnet. Es ist lehrreich und darauf hat schon Voltaire hingewiesen, daß der jüdische Strafprozeß die Folter nicht kannte, die bei den Römern und sogar bei den christlichen Völkern Europas bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine so bedeutende Rolle als Mittel zur „Erforschung der Wahrheit" spielte (in Oesterreich hat Maria Theresia die Folter abgeschafft, und zwar auf Drängen des Juden Sonnenfels, eines Rabbinersohnes, ihr folgte Friedrich der Große). Zu dieser traditionellen Abneigung gegen die Todesstrafe kommt noch, daß wir am Ende moderne Menschen sind und die modernen Strömungen entschieden gegen die Todesstrafe sind. Mit unserer Abneigung gegen die Todesstrafe zahlen wir unserer Zeit den Tribut. Allein man braucht sich gar nicht in eine allgemeine Philosophie der Todesstrafe einzulassen, um das ausgesprochene Bewußtsein zu haben, daß die Todesstrafe in diesem Fall nicht angewendet werden darf. Man hat zugunsten der Todesstrafe angeführt, daß sie allein dem beleidigten Rechtsgefühl Sühne gewähre. Aufrichtiger ausgedrückt würde das heißen, sie befriedigt das R a c h e bedürfnis am besten. Allein dieses Rachebedürfnis macht sich nur bei sehr primitiven Naturen geltend. Dem Empfinden des Juden unserer Zeit ist Rache direkt widerwärtig. Daß die Chaluzim und ihre Genossen den Gedanken, den Arabern Gleiches mit Gleichem zu vergelten, mit Abscheu von sich weisen würden, unterliegt nicht dem geringsten Zweifel. In der Seele von Menschen, die für ein positives Ideal der Zukunft kämpfen, ist kein Raum für solche Gefühle niederer Ordnung, die nicht aufbauen, sondern hindern und zerstören. Etwas anderes ist Gerechtigkeit und Wahrheit der Untersuchung. Der Hergang der Ereignisse und die Ursachen und die Urheber müssen natürlich mit aller Genauigkeit festgestellt werden und es muß ausgesprochen werden, was die Schuldigen verdient haben. Kein Punkt darf im Dunklen bleiben. Aber Rache? =UFA-TON-KINO M Wien II., TaborstraB« 8 - Tal. R 42-3-41 £fcw Tifmtßeater der guten Gesellschaft bringt den PrltzJLang-Pllm : Die Frau im Mond Manuskript Thea v. Harbou Hauptrollen: Gerda Maurusjind Willi Friisch Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr _Sonn- und feiertags: ab 4 Uhr Ptui! Wer wird so töricht sein? „Anstatt daß ich dem Feind« Böses tue, tue ich lieber dem Freunde Gutes", sagt ein jüdisches Sprichwort Das wichtigste aber dabei ist, daß es gar nicht die Schuldigen sein werden, die das Henkerbeil treffen wird. Die wirklich Schuldigen, die das Gemetzel angestiftet oder geduldet oder zugelassen haben, die wirklich Schuldigen erschienen ja nicht vor dem Gerichtshof. Die armen Teufel, die verurteilt wurden, sie sind bloß Werkzeug in der Hand von anderen, die sehr weit vom Schuß sitzen. Man wird da unwillkürlich an die Rede des Fürsten ürussow erinnert, der im Jahre 1907 in der Duma gegen die Zarenregierung wegen der Pogrome eine flammende Anklage erhob. „Auf der Anklagebank saß noch nie einer der wirklichen Urheber der Pogrome", sagte er. „Diese sitzen heute am grünen Tisch in der Regierungskanzlei oder sie stehen auf der Kanzel in den Kirchen." Ich bin aber auch sicher, daß kein palästinensischer Jude, auch nicht die nächsten Angehörigen der Umgekommenen, den Kopf dieser wirklich Schuldigen begehrt Man wäre schon zufrieden, wenn ihre Schuld gerichtlich festgestellt und gebrandmarkt würde. Aber daran ist ja nicht zu denken. Es gibt auch eine Abschreckungstheorie, die sich zugunsten der Todesstrafe ausspricht. Man könnte danach meinen, man müßte die verurteilten Araber auch hinrichten, damit die anderen sich an ihnen ein abschreckendes Beispiel nehmen. Ich wüßte ein viel wirksameres Abschreckungsmittel: man lasse das palästinensische Judentum einen Selbsschutz einrichten, der sich gehörig bewaffnen darf. Die Araber, die jetzt mit jüdischen Revolvern und Hinterladern in Berührung gekommen sind, werden noch lange abschreckende Geschichten davon zu erzählen haben... Sie haben die Hiebe des Juden kennengelernt und haben aufrichtigen Respekt bekommen. Den wird man noch den nächsten Generationen überliefern. Freilich, wenn man den jüdischen Selbstschutz nach russischem Muster entwaffnet, Juden, die von Feinden umringt, im Besitze von Waffen betreten wurden, wegen unbefugten Waffentragens verurteilt, dann braucht man sich nicht zu wundern, daß russische Zustände einreißen . . . Der Jude ist von Natur aus nicht agressiv. Er läßt sich sehr vieles gefallen, bis er von der Waffe Gebrauch macht, das tut er nur, wenn er das Leben von Frau und Kindern, wenn er Haus und Hof verteidigen muß. Der erlaubte Besitz einer Waffe verleiht ihm ein eminentes Gefühl der Sicherheit, er läßt sich nicht leicht herausfordern, wird nicht nervös. Man darf also dem Juden getrost Waffen in die Hand geben und kann sicher sein, daß er sich ihrer nur zur Verteidigung bedienen wird. Uebrigens tragen in Südamerika die Kolonisten des Baron Hirsch Waffen; auch bei den polnischen Kolonisten in Parana ist dies der Fall und überall, wo die eingeborene Bevölkerung etwas primitiver ist. Es ist nun sicher keine Beleidigung für die Beduinen, wenn man findet, daß sie noch etwas primitiver sind . . . Nun geht die Sage — sicher eine grundlose Sage — daÄ England, d. h. natürlich nicht das offizielle England, aber sagen wir eine Gruppe, eine Partei unter den Engländern nur zu dem Zweck die Balfour-Deklaration gewünscht hat und vorgab, ein Naticnal-Heim für die Juden in Palästina gründen zu wollen, um in ihnen ein Gegengewicht gegen die Araber des nahen Orients zu haben, ein treu ergebenes, auf England allein angewiesenes Element, das sich nötigenfalls gegen die Araber verwenden läßt. Jemand hat diesen Gedanken so ausgedrückt: England braucht nicht einen Staat für die Juden, sondern Juden für den Staat, den es im nahen Orient d»n