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Die Wahrheit · 1929-11-22 · Heft 47 (22.11.1929) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 47 (22.11.1929)
Date
1929-11-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Wiederaufbau Palästinas, und sollte dies trotz allem der Fall sein, dann eine ehrliche Verständigung mit ihnen über die Art des Aulbaues, bei dem alles versehwinden muß, was bisher störend wirkte, auch jene Zionisten, die Dinge wie die geschilderten verschulden oder zulassen. Das wäre wirklich eine Aufgabe der Jewish Agen cy. _ Der Veher fall auf Dr. Albert Ticho. Die Nachrichten aus Palästina lassen, wie wir auch in unserem obigen Leitartikel ausführen, deutlich erkennen, daß die durch eine unverantwortliche Agitation und wüste Hetze entflammten Gemüter sich noch immer nicht beruhigt haben. Nach wie vor ist die Unsicherheit eine ungemein große. Ueberfälle auf ganz harmlose Straßen passanten stehen auf der Tagesordnung und den Höhepunkt dieser fortwährenden Attacken bildete das ruchlose Attentat auf den angesehenen Augenarzt n Jerusalem, Dr. Albert Ticho. Dr. Ticho wurde beim Betreten der Klinik, die sich der Polizeistation gegenüber befindet, von einem Araber hinterrücks mit einem Messer niedergestochen. Der Angreifer, der entkam, ist ein A r a b e r, der europäische Kleidung trug. In offiziellen Kreisen glaubt man, daß diese Tat auf die B o y k o 1tkampagne zurückzuführen sei. Dr. Albert Ticho zählt in unserer Stadt viele Freunde und Studienkollegen, die mit banger Spannung der Nachrichten von seinem Krankenlager harrten und seinen hier lebenden Familiengehörigen Platt: „Alles, was Du hier siehst, ist gepfändet, nur die drei Löwen nicht" und dabei zeigte er auf seine Frau und seine beiden erwachsenen Töchter. Die Jahre gingen dahin. Selig David hatte längst die müden Augen geschlossen. Einer nach dem anderen der lieben Alten wurde zur großen Armee abberufen und den Jungen wurde diese Welt zu enge; sie strebten hinaus ins Weite und ergriffen das Ruder mit starker Hand. Die Männer aus Friedrichsstadt haben es verstanden, sich in der großen Weilt durchzusetzen. — Nach dem Tod ihres Mannes folgte die gute Tante Rike ihren Kindern und übersiedelte nach Hamburg. Der unerbittliche Tod holte sich den lieben kleinen „Tutti" und auch Selkes beschlossen, nach der großen Handelsmetropole zu ziehen, wo die älteren Söhne bereits in der Lehre waren, und so verließ einer nach dem anderen das liebe Heimatstädtchen. Eine wirtschaftliche Krise erschütterte die Stadt Die Senffabrik, deren Erzeugnisse sogar in Nordamerika bekannt waren, stellte den Betrieb ein. Die große Seifenfabrik brannte nieder. Nichts aber kam der Tragik des Zusammenbruches des alten Bankinstituts gleich, dessen jugendlicher Inhaber den Freitod wählte. Sein Abschiedsbrief schloß mit dem bekannten Zitat: „Sic transit gloria mundi!" Viele Jahrzehnte trennen uns von diesen Begebenheiten. Das große Weltgeschehen, der Krieg und sedne Wirrungen und Erschütterungen sind über uns gekommen. Andere Menschen bewohnen dieses kleine schöne Städtchen mit den charakteristischen zwei Türmen. Die kleine Judengemeinde ist bis auf einen kleinen Rest Unentwegter zusammengeschmolzen. Dank der Initiative des jetzigen wachsamen Altonaer Oberrabbinates besitzt die kleine Gemeinde' einen jugendlichen, von den edelsten Grundsätzen beseelten Rabbiner, der mit fürsorglicher Hand das Flämmchen vor dem Erlöschen schützt. Wie lang noch?! — er ist ein Bruder der Wiener Rechtsanwälte Kultusvorsteher Dr. Josef Ticho und Dr. Max Ticho — in den schweren Stunden, die der schrecklichen Nachricht folgten, die größte Anteilnahme bewiesen. Wir alle atmeten auf, als am Freitag der Draht aus Jerusalem meldete, daß im Befinden des Verwundeten eine erfreuliche Besserung eingetreten ist. Die Lebensgefahr darf als beseitigt gelten. Sobald es der Gesundheitszustand Dr. Albert Tichos erlaubt, wird er eine längere Erholungsreise antreten und voraussichtlich auch Wien besuchen. Welch hervorragender Augenarzt und prächtiger Mensch Dr. Albert Ticho ist, beweist der folgende Artikel des Herrn Prof. Dr. Adalbert Fuchs in der „Neuen Freien Presse" am Tage der uns alle erschütternden Botschaft: Eben bekomme ich die schreckliche Kunde, daß der bekannte Augenarzt Dr. Albert Ticho in Jerusalem von einem Araber überfallen und schwer verletzt worden ist. Noch vor kurzem sprach ich mit dem desgleichen in Jerusalem tätigen Augenarzt Dr. Feigenbaum über die Lage in Palästina und bekam ganz beruhigende Auskunft. Die Verhältnisse wäien ganz sicher, die Nachrichten aus Jerusalem und von Palästina geben keinen Anlaß zur Sorge, und es sei Hichts zu befürchten. Und heute diese schreckliche Nachricht von dem Attentat auf einen Arzt, der, wie wenige, Wohltäter von Palästina und ganz besonders der Araber gewesen war. Welch eine Tragik des Schicksals! Ich kannte Ticho schon seit vielen Jahren. Das erstemal trat ich ihm näher, als ich während des Krieges mit einer Mörserbatterie in Damaskus lag. In dem dortigen Feldspital war Ticho tätig und er beschäftigte sich auch hier besonders mit Augenkranken. Er hat schon jahrelang in Jerusalem als Arzt gearbeitet und war durch seine Kenntnis der Sprache des Landes eine außerordentliche Hilfe für das Feldspital. In Damaskus fand er ein reiches Feld für seine Tätigkeit und nicht nur für die türkischen Soldaten, die so vielfach an Trachom erkrankt waren, sondern auch für die Zivilbevölkerung leistete er mit seinem unermüdlichen Eifer und seiner operativen Geschicklichkeit Großartiges. Jahre waren vergangen, der Krieg war vorüber und Ticho hatte seine frühere Praxis als führender Augenarzt in Palästina wieder aufgenommen. In Jerusalem hatte er zuerst einige Jahre für die medizinische Vereinigung Hadassah gearbeitet, dann später sein eigenes Privatspital eingerichtet. Eine Schülerin von mir, Frau Dr. Rachel Stein, eine trefflich ausgebildete Aerztin, war zu ihm als Assistentin gekommen und half ihm bei der großen Arbeit, die dort zu bewältigen war. So war es selbstverständlich, daß ich nach dem Kongreß für Tropenmedizin in Kairo um das letzte Neujahr auch nach Jerusalem fuhr, um meine Freunde, und besonders Ticho. zu besuchen. Zuerst suchte ich Ticho in dem Hause auf, wo er seine Ambulanzpatienten behandelte, die in ungeheuren Mengen die Räume füllten. Einerseits war der Ruf von der Geschicklichkeit und Gewissenhaftigkeit Tichos ein ganz besonderer, anderseits gibt es auch in Jerusalem und in den umgebenden Bezirken unendlich viel Augenkrankheiten infolge des dort herrschenden Trachoms. Musterhaft eingerichtet und geführt, machte sowohl diese Arbeitsstätte wie auch sein großes Privatspital einen ausgezeichneten Eindruck. Abends war ich von Ticho zu Tische geladen. Außerhalb der Stadt, in der Nähe des italienischen Konsulats, steht sein prächtiges Haus inmitten eines schönen Gartens. Unten der Operationssaal und die Krankenräume seines Spitals, oben seine Privatwohnung. Ein mit feinstem Geschmack eingerichtetes Heim nahm mich auf und in reicher Gastfreundschaft verbrachte ich mehrere Stunden mit Ticho. Er war ja immer sehr beschäftigt und hatte außer seiner Arbeit und seiner Wissenschaft nur wenig Zeit. Mit zwei Dingen beschäftigte er sich aber besonders, und zwar sammelte er antike Lampen und moderne Bilder. Von beiden hatte er eine ungewöhnlich reiche und schöne Kollektion und über die Lampen, die aus allen möglichen Zeitepochen stammten, hatte er eine wissenschaftliche Abhandlung geschrieben. Ticho ist ein aufopfernder Arzt, ein vorzüglicher Operateur und vor allem ein Wohltäter von Palästina. In Europa und besonders in Wien sehr gut als Augenarzt ausgebildet, verstand er es, durch unermüdliche Weiterarbeit das reiche Material, das sich ihm in Palästina bot. zu verwerten,

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