Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 47 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WÄHRHEH w e b r J e u e r a u f d i e S t a d t g e r i c b t e t, das die englischen Truppen erwiderten. Gegen eine Gruppe von Arabern, die au! einem Hügel in der Nähe der Stadt Stellung genommen haben, mußten Panzerwagen aufgeboten werden. Solche Nachrichten müssen die Meinung bestätigen, die in den jetzt besonders aktiven deutschen antinationalen Kreisen besteht, daß Palästina ein neues Pogromland ist. Wir aber werfen die Frage auf und kennen die Antwort: Wollen die Araber den jüdischen Wiederaufbau Palästinas? Man lese und denke! * * * Was tut in dieser Krisenzeit, die an den Nerv des ganzen Aufbaues und damit auch ihrer Existenz greift, die zionistische Organisation? Es ist merkwürdig still um sie geworden, wenn man von den lauten internen Streitigkeiten mit Revisionisten und Radikalen absieht. Auch von der erweiterten Jewish Agency hört man wenig, es scheint eben allgemeine Konsternierung vorzuherrschen. Nur vom nervus rerum, dem Geld, sprach man sofort, als das Unglück geschah. Da wurde die jüdische Welt alarmiert und — zu ihrer Ehre sei es gesagt — die Juden gaben mit offenen Händen. Sie wollten den Schmerz der unglücklichen und unschuldigen Opfer der blutigen Ausschreitungen lindern, sie wollten helfen, ihr zerstörtes Hab und Gut wieder aufzurichten, und sie gaben. Doch bald sickerten Nachrichten durch, daß auch in diese Angelegenheit des Herzens die Pol it i k sich einmenge. Wir haben erst unlängst einen Artikel des Herrn Kammergerichtsrates Leo W o 1 f f, Berlin, eines der Unterzeichner der „Erklärung deutscher Juden", der sich bekanntlich jetzt auch Jakob Wassermann angeschlossen hat, wiedergegeben, in dem es u. a. hieß: S&uilletcti Die Stadt der Originale. Erinnerungen aus der Jugendzeit von Rolf Reinstein. (Schluß.) Mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Frühlings begannen die Vorbereitungen zum Ringsreiterfest. Man kennt dieses schöne schleswig-holsteinische Volksfest und der Anblick der dahinstürmenden Reiter bietet hohen Genuß und sportliches Interesse. Einige Wochen vorher beginnt die Einwohnerschaft mit dem Flechten der Guirlanden; Ehrenpforten v/erden errichtet mit dem Gruß „Hoch die Ringreitergilde!" Ein blauer Frühlingshimmel wölbte sich über Friedrichs- -■«tadt, als sich in früher Morgenstunde eine solze Kavalkade anschickte, den König der Ringsreitergilde feierlich zu empfangen. Die Reiter trugen hohe Mützen mit dem Abzeichen der Gilde, eine Schärpe um die Brust und weiße Handschuhe. Da erschien die hohe, imponierende Gestalt des Königs, des Gastwirtes Friedrich Schwarze aus Koldenbüttel, geschmückt mit der goldenen Kette, hoch zu Roß und setzte sich an die Spitze des Zuges, der dem Hinterstadtsfelde zustrebte, wo das Kampffeld war. Hier hing der Ring, den die Reiter im flotten Ritt mit der Lanze ausstechen müssen und der jedesmal durch einen kleineren bis zum kleinsten, dem Königsring, ersetzt wird. Da — ein krachender Schuß! und der Wettstreit begann. Einer nach dem Anderen hat hier Gelegenheit, die Treffsicherheit seiner Lanze zu zeigen. Sur Selke, der ein herrliches schwarzes und besonders feuriges Pferd mit langem Schweif ritt, zerbrach mehrere Lanzen, konnte dessen- „Es wurde (nach den traurigen Ereignissen in Palästina) keine Hilfsaktion eingeleitet. Es wurde vielmehr erklärt, daß zwar Gelder gesammelt, daß diese aber nicht zur Unterstützung der Opfer verwendet werden sollen, sondern daß Hilfe lediglich durch Förderung des von den Zionisten begonnenen nationaljüdischen Aufbaues zu leisten sei. In demselben Augenblick also, in dem die Zionisten es erreicht haben, daß an ihrem Aufbauwerk auch Nichtzionisten sich beteiligen, stoßen sie die große Masse der Nichtzionisten vor den Kopf, indem sie s i c h w e i g e r n, Gaben entgegenzunehmen, die zur Hilfe für die Geschädigten Verwendung finden sollen." Die Empörung über einen solch unglaublichen Standpunkt, den Herr Kammergerichtsrat Wolff mit Recht als eine „Provokation der Nichtzionisten" bezeichnet, wird durch die Lektüre nachstehender Meldungen zionistischer Blätter noch erhöht, welche die Geschäftstüchtigkeit und Rücksichtslosigkeit der Zionisten erhärten. Sie seien ohne jeden Kommentar hier reproduziert, denn sie sprechen für sich: Der JDoar Hajom" vom 18. Oktober 1929 (zionistischrevisionistisch, Herausgeber Jabotinsky) schreibt: Aus sicherer Quelle erfahren wir, daß bei der gestrigen Sitzung des Aufbaukomitees bei der zionistischen Leitung endlich die Beschlüsse beraten wurden, zu welchen das Komitee nach vierwöchigem Bestände gelangte. Der wichtigste Punkt in der ganzen Aufbauarbeit besteht darin, den größeren Teil der Unterstützungsgelder zwei palästinensischen Banken zu überlassen, unter der Bedingung, daß selbe Darlehen erteilen, zu einem niedrigeren Zinsfuß als im Lande üblich. Wie wir hören, erregt dieser Beschluß in den verschiedensten Lagern, die sich in der ganzen Zeit mit der Lage befassen und die überzeugt waren, daß die kolossalen Mitteln, die nach den traurigen Ereignissen von dem Hilfsungeachtet aber einen Preis heimtragen. Den Königsring errang diesesmal der hünenhafte Peter Niemann und unter dreimaligem Tusch für den neuen König, welchem die goldene Kette umgehängt wurde, fand dieser ideale Wettkampf ein schönes Ende. Nun setzte überall ein frohes Festgelage ein. Im „Großen Garten" belustigte sich die Jugend beim Tanz; allerorten pokulierte man bis in die tiefe Nacht. Einige Nachzügler sah man noch beim Morgengrauen ihrem Heim entgegentorkeln und Kaufmann Kunert entledigte sich schon vor seiner Haustür in vielsagender Weise seiner Fußbekleidung. Der König wankte seinem „Schlosse" zu mit pendelnder Königskette. Die Morgensonne sandte ihre ersten Strahlen, da — auf einmal erscholl es laut auf der Prinzenstraße aus jugendlichen Kehlen, das schöne Lied aus einer bekannten Operette: „Noch einmal, noch einmal, noch einmal, Sing, o sing, Nachtigall!" Und eine fröhliche Schaar junger Radler und Radlerinnen durchsauste die schlaftrunkene Stadt. So mancher der lieben Alten war heimgegangen: unter ihnen auch ..Selig Pott", das Unikum, und die Abwanderung nahm immer größeren Umfang an. Die drei ältesten Söhne Lipmann, die noch nach des Vaters Tode im Städtchen verblieben waren, wohnten schon lang© in Hamburg. Sie waren überaus strebsame Männer und aufopfernde Familienväter und hielten fest am Glauben und an den heiligten Traditionen. Diese drei Brüder pflegten auch von Hamburg aus gemeinschaftlich ihre Reisen in die Provinz zu unternehmen, jeder aber hatte seine Eigenart: Während der Aelteste so ge-# wissenhaft war, daß er eine Stunde vor Abfahrt schon an der' Bahn so sein pflegte, kam Isac, der Dritte, regelmäßig erst dann, wenn sich der Zug schon in Bewegung setzte, dann lief er „töf" rufend so schnell hinterher, als ihm seine auffallend horizontal gestalteten Füße die Fortbewegung gestatteten, während die beiden Brüder am CoupSfenster standen, sich