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Die Wahrheit · 1929-11-15 · Heft 46 (15.11.1929) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 46 (15.11.1929)
Date
1929-11-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 il^KKKmmKt^mmmmmmmt^^ DIE WAHRHEIT Emile Zolas „Brief an die Jugend." Uebersetzt und eingeleitet von Dr. Hanns Reißner. (Schluß.) Immerhin hat auch die Jugend eine Entschuldigung für sich ins Feld zu führen, wenn sie einen Augenblick lang in ihren Vorstellungen von Menschlichkeit und Gerechtigkeit irre geworden ist. — Am 4. Dezember hat nämlich eine französische Kammer sich nicht geschämt, für eine Tagesordnung zu stimmen, „die die Rädelsführer jenes schimpflichen Feldzuges brandmarkt, der die Oeffentlichkeit verwirrt". — Laut und deutlich spreche ich es darum aus, um der Zukunft willen, die mich lesen möchte, daß ein solches Urteil unseres edlen Landes unwürdig ist, wie ein Makel unauslöschlich an ihm kleben bleiben wird. — „Rädelsführer" heißen also die ehrlichen und mutigen Männer, die das nach ihrer Ueberzeugung gefällte Fehlurteil auch als solches kennzeichneten und damit dem patriotischen Glauben entsprachen, daß eine große Nation, die einen Unschuldigen Folterqualen leiden läßt, verwerfliche handle. — „Ein schimpflicher Feldzug" also wäre der Schrei nach Wahrheit und Gerechtigkeit, den diese Männer ausstoßen, felsenfest entschlossen, Frankreich in den Augen der Völker, die es betrachten, als das Land der Menschlichkeit, als das Frankreich zu erhalten, das die Freiheit auf Erden eingesetzt hat und das auch dem Recht zum Siege verhelfen wird. — Die Kammer hat mithin eigentlich verbrecherisch gehandelt, da doch offenbar sie den verderblichen Einfluß auf die Massen bis hinab zur Jugend unserer Hochschulen ausgeübt hat, zweimal verbrecherisch, da bisher noch nie eine Jugend, getäuscht, verrührt, durch unsere Strafen gehetzt wie diese alles verraten hat, was die menschliche Seele an Stolz, Tapferkeit und Göttlichem bringt Wohl weiß ich, daß die paar manifestierenden jungen Leute nicht die ganze Jugend sind und daß hundert Radaubrüder auf der Straße mehr Geräusch machen, als Zehntausend, die im stillen Kämmerlein fleißig arbeiten. Aber sind nicht schon die hundert Krachmacher zuviel? Betrübliches Zeichen, daß eine derartige noch so winzige Bewegung überhaupt im Quartier Latin hat entstehen können! Es gibt also noch so etwas wie antisemitische Jugend? Dieses Gift für den Verstand hat somit bereits unberührte Denkorgane, frische Seelen aus dem Sattel geworfen? Eine traurige Aussicht, Quelle dauernder Bedrohung für das zwanzigste Jahrhundert, das dicht bevorsteht! Hundert Jahre nach der Erklärung der Menschenrechte, hundert Jahre nach dem erhabenen Gesetzakt religiöser Toleranz und bürgerlicher Befreiung will man die Religionskriege von früher wieder heraufbeschwören, das schimpflichste und dümmste, was menschliche Leidenschaft je ersonnen hat! — Verständlich bis zu einem gewissen Grade wäre das vielleicht bei Leuten, die eine Rolle zu spielen haben, die ihre einmal eingenommene Stellung glauben nicht mehr verlassen zu können, oder die einen rasenden Ehrgeiz auf diese Weise befriedigen wollen. Aber bei jungen Leuten, mit denen sich alle Rechte und Freiheiten entwickeln sollten, von denen in unserem Traume das kommende Jahrhundert bereits hell erglänzte! Sie sind die erwarteten Werkmeister und — bekennen sich schon zum Antisemitismus, das heißt, sie möchten das Jahrhundert mit der Niedermetzelung aller Juden beginnen, weil das Mitbürger von anderer Rasse und anderem Glauben sind! Eine schöne Erbfolge für das Gemeinwesen, das wir erträumten, den Staat m Gleichheit und Brüderlichkeit! Wenn das wirklich die Jugend wäre, könnte man heulen und am Glück der Menschheit hoffnungslos verzweifeln. Oh, du Jugend, Jugend! ich flehe dich an, denk an die große Leistung, die dir vorbehalten ist. Dein ist das Werk der Zukunft, Schicht für Schicht sollst du das Gebäude des kommenden Jahrhunderts aufrichten, in dem sich, wie wir zutiefst hoffen, die Probleme der Wahrheit und Billigkeit lösen werden, die das zu Ende gehende Jahrhundert aufgegegeben hat. Wir, die Alten, die Aelteren, hinterlassen dir unsere ganze Vorarbeit, viele Widersprüche und Dunkelheiten vielleicht, aber gewiß das leidenschaftlichste Streben, das je ein Jahrhundert hin zum Licht geführt hat, die ehrlichsten und gediegensten Stücke, die selber die Grundsteine zu dem großen Gebäude der Erkenntnis abgeben mögen, das du weiterbauen sollst, — zu deiner Ehre und zu deinem Glück, Und wir bitten dich nur, noch selbstloser zu sein in der Hingabe, noch freier im Geiste, noch reiner in deiner Liebe zu ehrlicher, anständiger Lebensführung, in immer strebendem Dich-Bemühen um Menschen und Dinge, das endlich überreiche Frucht an Lebensfreude in einer von Sonne durchfluteten Welt erbringen muß. Dazu wollen wir dir brüderlich den Platz freimachen, glücklich, abtreten zu dürfen und von unserem Beginnen in sanftem Todesschlummer auszuruhen; denn du wirst gewiß unser Werk fortsetzen, bis unsere Träume ganz Wirklichkeit geworden sind. Jugend, Jugend! erinnere dich der Leiden, die deine Väter durchgemacht haben, denk an die furchtbaren Kämpfe, die sie zu bestehen hatten, um die Freiheit zu erringen, die du jetzt genießt. Wenn du dich unabhängig fühlst, wenn du nach Herzenslust überallhin gehen, in der Presse deine Gedanken aussprechen, eine Meinung haben und sie öffentlich äußern kannst, so haben deine Väter dafür ihren Geist und ihr Blut hingegeben. Du bist nicht mehr im Zeichen der Gewaltherrschaft geboren; du weißt nicht, was es heißt, jeden Morgen von einem Fußtritt des Herrn gegen die Brust erweckt zu werden; du hast dich nicht dafür schlagen müssen, dem Säbel des Diktators, den falschen Gewichten des schlechten Richters zu entgehen. Danke deinen Vätern und juble nicht verbrecherisch der Lüge zu, kämpfe nicht auf Seiten der rohen Gewalt, der unduldsamen Fanatiker und der unersättlich Ehrgeizigen. Die Diktatur wird euch allesamt verschlingen. Jugend, Jugend, sei immer mit dem Recht. Wenn du dir dein Bild vom Recht verdunkeln ließest, würdest du damit alle erdenklichen Gefahren laufen. — Ich meine dabei übrigens nicht das Recht "unserer Gesetzbücher, das nur die gesellschaftlichen Bindungen gewährleistet. Allerdings muß man es beachten; aber es gibt doch noch einen höheren Begriff vom Recht, eines, das angesichts der Fehlbarkeit alles menschlichen Urteils auch die Möglichkeit der Unschuld eines bereits Verurteilten nochmals in Betracht zu ziehen vermag, ohne daß die Richter sich dadurch in ihrer Ehre gekränkt fühlen mußten. — Ist das nicht eine Sache, für die du dich in streitbarem Rechtsempfinden einsetzen solltest? Wer denn soll die Forderung erheben, daß Recht gesprochen werde, wenn nicht du, die du dich von jeder unsauberen Sache ferngehalten hast und darum laut, ehrlich und aus innerster Ueberzeugung sprechen kannst? Jugend, Jugend! sei menschlich, sei edel. Selbst wenn wir uns täuschen, halte zu uns auf unser Wort, daß ein Unschuldiger entsetzliche Pein leidet und unser erregtes Herz vor Angst schier zerspringt. Möchtet ihr angesichts einer derart unmäßigen Strafe doch nur einen Augenblick auch die Möglichkeit eines Irrtums in Erwägung ziehen. — Die Brust krampft sich zusammen, Tränen brechen hervor. Die Galeerenaufseher freilich bleiben unbewegt. Aber du, die du noch weinen kannst, die du für alles Elend in Mitgefühl offen sein solltest! Warum handelst du nicht wie der Ritter im Traum, wenn irgendwo einer, der unschuldig leidet, dem Haß unterliegt, und nimmst dich seiner an und befreist ihn? Wer, wenn nicht du, soll denn den hohen Einsatz wagen und in einer gefährlichen, aber großartigen Sache auftreten, wer einem Volke die Stirn bieten im Namen des idealen Rechts? Du schämst dich wohl nicht einmal mehr, daß es wieder Aeltere, ja Alte sein sollen, die ihr Leben in die Schanze schlagen, die heute für dich nach den Sternen greifen müssen? Nun? Wohin eilst du, junges Volk, wohin des Wegs, ihr Studenten? Ihr tragt euer Manifest durch die Straßen und ■HnHHBUHfflUBHWDrannii Lederhandschuhfabrik Josef (Hastinqec L, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40

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