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Die Wahrheit · 1929-11-15 · Heft 46 (15.11.1929) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 46 (15.11.1929)
Date
1929-11-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT .....tmmmm^m^^mma^mammmmmmmmmmm^^^^mmmmmmm xSeite 5 | Rabb. Prof. A. L. Mandel | Eine Würdigung seiner Persönlichkeit Von Prof. Dr. K. Kupfer. Eine Schreckensbotschaft durchlief Donnerstag, den 7. d. M., das jüdische Wien; Rabbiner Prof. A. L. Mandel war nach längerem Leiden einer Herzkrankheit erlegen. Bescheidenheit, Friedfertigkeit und Leutseligkeit gegen jedermann zeichneten diesen edlen Menschen im hohen Maße aus. Daher die Achtung und Liebe seiner engeren Gemeinde, die Achtung und Liebe aller, die ihn kannten und zu ihm in Beziehung gestanden sind. Der hohe Ruf, dessen er sich auch außerhalb des Kreises seiner Glaubensgenossen erfreute, war begründet in seiner tiefen Gelehrsamkeit, > seiner stets bewährten Uneigennützigkeit und grenzenlosen Wohltätigkeit. Sein Heimgang bedeutet ein Verlust von besonderer Tragik. Vor einer Woche wollte seine engere Gemeinde und die große Gemeinde seiner Verehrer seinen 60. Geburtstag festlich begehen. Die Feier mußte wegen Erkrankung des Jubilars verschoben werden und 8 Tage später weilte er nicht mehr unter den Lebenden, die nun statt der vorgesehenen Ehrungen ihrem geistigen Führer die letzten Ehren erwiesen haben. Ein Mitarbeiter und Verehrer des Dahingeschiedenen, dessen Andenken als das eines wahrhaft Gerechten stets zum Segen sein wird, würdigt im folgenden seine erhabene Persönlichkeit. Vor zwanzig Jahren lernte ich den Rabbiner Dr. Mandel persönlich kennen und wurde sofort ein Verehrer seines Wirkens und persönlichen Schaffens. Die Bezirke Wiens mit ihrem pulsierenden Judentum haben alle ihre Eigenarten Aber der zehnte Bezirk, der Bezirk Rabbiner Mandels, bewahrte das von diesem ungewöhnlichen Mann geschaffene Gepräge. Das Judentum wurde in seinem Bezirke etwas Bodenständiges, etwas Urwüchsiges und Nützliches. Wenn man aber bedenkt, daß das ganze jüdische Leben in diesem fast abgeschlossenen Teile Wiens, in dem jüdischen Favoriten, mit dem Leben dieser edlen Persönlichkeit verwoben war, beschleicht uns eine tiefe Trauer wegen der Leerei, die jetzt nach ihm, dem ewig Verstummten, entstanden ist. Mandel war als Rabbiner im Ezechiel'schen Ideale ein wahrer Seelenhirt, der nur eine Politik betrieb, die stille Politik des warmen Herzens. Er war ein Gläubiger der Humanität, der an die bauende Kraft unserer altjüdischen Einrichtungen glaubte. Aber mehr noch als Rabbiner, war er der Religionslehrer an den Mittelschulen im idealsten Sinne des Wortes. Er war gütig, herzlich, aber nie weichlich. Das Geheimnis seiner eigenartigen, sympathisch wirkenden Disziplin lag inj seiner Persönlichkeit als jüdischer Lehrer, wodurch er an unsere alten Lehrer im Zeitalter Jochanan b. Sakais lebhart erinnerte. Sein Judentum als Lehrstoff ito der Schule, das er gegen den Materialismus der modernen Mittelschulen verfocht, war Humanismus und Humanität. Er hat die Propheten, unsere Weisen Hillel und R'Akiba, in fast dramatisierter Form in die Schule gebracht, wo die Schüler die vergangenen Epochen unserer Gechichte nicht nur verstanden, sondern auch miterlebten. Mir war es gegönnt, durch zwei Jahre mit ihm zusammenzuwirken. Es war, für mich eine Stunde der Erbauung und des unsagbaren Glückes, wenn ich in einer freien Stunde, mit seinen Schülern vereint, seine originelle Methode des Unterrichtens bewundern konnte. Wenn sich mir auch heute die Feder bäumt, weil der Schmerz alles Innere in mir übertüncht, kann ich den ganzen, den vollkommenen Lehrer A. E. Mandel nie vergessen. Wie dankbar müssen wir ihm sein für seine dreißig menschlich verbrachten und verbrauchten Jahrel Aber es stimmt uns herab, zu wissen, daß dieser Adelsmensch, als das Leben verglomm, auf Scherben blickte, unter denen seine Welt, seine Welt der Ideale, begraben liegt. Professor Mandel hatte Sorgen; ihm bangte vor der Zukunft des israelitischen Religionsunterrichtes. Das oft besprochene Problem des israelitischen Religionsunterrichtes bildete immer unseren Gesprächsstoff. Er selbst hat dieses Problem auf eigentümliche, fast geheimnisvolle Weise gelöst. Durch seine Person, denn er war der jüdische Erzieher unter uns, den jüngeren Lehrern, der Lehrer im Ideal, der ungekünsteltes, jüdisches Pathos in jede Schulstube brachte. „Ihre Schüler", meinte einst Inspektor Redisch im Gespräch mit ihm, dein ich zufällig lauschte, „wissen immer alles." Das Problem des jüdischen Religionsunterrichtes an den Mittelschulen, so brennend, so lebenswichtig für unseren Nachwuchs, für das Judentum der kommenden Generation^ bildet die Hauptsorge unseres heutigen Wiener Kultusvorstandes. Heute ist es leider nur ein Personalproblem, für Rabbiner Mandel war es seine Herzwelt. Ein großer jüdischer Arzt, mit dem ich unlängst darüber sprach, meinte, daß Prediger und Lehrer, die es so ernst mit ihrem Leben und mit ihrem Berufe meinen, Ott an gebrochenem Herzen sterben. Vor ungefähr vier Jahren erkrankte Mandel und ein gebrochener, körperlich zerriebener Mann, wirkte er noch weiter dort, wo ihn alle liebten und verehrten^ in der Schule. Aber über den eigenen Unterricht hinaus ertüilten ihn die Gedanken über den kommenden Religionsunterricht. Den Unterricht wollte er, der Schwerkranke, einer Gesundung, einer Verbesserung zuführen. Für die unteren Klassen der Mittelschule besprach er mit uns Gefährten, die verehrungsvoll seiner Meisterschaft ergeben waren, einen Plan, dessen Endzweck die Erlangung positiver Kenntnisse im hebräisch-sprachlichen Unterrichte war, nach dam Muster reichsdeutscher Schulen. In den oberen Klassen, wo man bereits auf dem Erlernten und Gekonnten aufbauen konnte, mußte der Unterricht in der Gesinnung und in der Gesittung gipfeln. Diese Aufgabe erfordert aber im Judentum gänzlich ausgebildete Männer. Seine Worte möchte ich für immer einmeißeln, daß sie der Unterrichtskommission in der Kultusgemeinde stets als Motto voranleuchten sollen: Mandel meinte, und diese Worte konnte er nicht oft genug wiederholen, zum Religionslehrer an den Mittelschulen taugt nurein Man n, derein theologisches Seminar absolviert hat. Das Judentum ist nicht in einigen Monaten Bücherstudiums mit einer einzigen Prüfung zu absolvieren. Es muß in mehreren Jahren auf der theologischen Hochschulbank harmonisch erlernt und erlebt werden. Ohne diese Voraussetzung ist ein jüdischer Religionslehrer in den Mittelschulen undenkbar. Das ist das Bekenntnis unseres unvergeßlichen Lehrers, des Seelenhirtein A. E. Mandel. Rabbiner Mandel verfolgte mit wahrem Interesse meine fürsorglichen Bestrebungen. Wäre er gesünder gewesen, hätten wir schon heute eine Gefährdetenorganisation wie in Berlin. Er träumte auch davon, daß die Wiener Kultusgemeinde ein Fürsorgerabbinat ins Leben rufen würde, wie ein ähnliches in Berlin zum Segen der leidenden Juden existiert. Mandel hinterläßt ein großes Werk, das ist seine Persönlichkeit, sein Wirken und Schaffen im Leben, innerhalb der Gemeinde und innerhalb der Schulen, die das Glück hatten, ihn zu genießen. Er war auch sonst eine durch und durch harmonische Persönlichkeit, auch innerhalb der „vier Ellen" seines trauten jüdischen Heimes, wo ich oft Gastfreundschaft genoß. Ein Besuch beim Rabbiner Mandel wurde oft zum jüdischen Erlebnis. Seiner Arbeit, seinem Schaffenswillen und seiner unentwegten Treue am jüdischen Werke werden auch von den nachfolgenden Gefährten und Freunden Kränze der Erinnerung gewunden werden. Mit diesem Besitze gehört er auf immer der jüdischen Jugend. * * * Das Leichenbegängnis fand Sonntag, den 10. d. M., unter außerordentlicher Teilnahme statt. Obwohl däei Anordnung getroffen war, daß die Leiche in aller Stille aus dem Sterbehause in den Tempel in der Humboldtgassie gebracht werde, hatten sich schon in den frühesten Morgenstunden zahlreiche Personen in der Umgebung des Trauerhauses eingefunden. Um 9 Uhr morgens wurde der einfache Sarg unter Trauergebeten zum vierspännigen Galafourgon gebracht und dann, geleitet von den Familienangehörigen, vom Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde, von dem Gesamtvorstand des Tempelvereines, zum Tempel geführt. Die beinahe dreißigjährige Wirkungsstätte des so plötzlich Dahingeschiedenen war in tiefste Trauer gehüllt. Schwarze Tücher drapierten die Wände, hingen über die Bundeslade; durch den Trauerflor drang der gedämpfte Schein der Lichter. Schon lange vor Beginn der Trauerfeierlichkeiten staute sich in den an. den Tempel grenzenden Gassen eine nach vielen Hunderten zählende Menschenmenge, die Trauergäste konnten angesichts des beschränkten Raumverhälrnisses nur

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